Golf

Stars fürchten Europas Top-Talent beim US Masters

Der Spanier Jon Rahm ist in nicht einmal einem Jahr in die Weltspitze vorgestoßen und gilt für das wichtigste Turnier des Jahres als Geheimtipp.

Der Baske

Der Baske

Foto: MIKE SEGAR / REUTERS

Jon Rahm kommt von der nordspanischen Küste. Wie einst der große Severiano Ballesteros, auch wenn sich die Zeiten geändert haben. Wo sein Vorbild am Strand übte und sich als Taschenträger verdingte, bekam Rahm von seinem golfverrückten Vater die nötigen Annehmlichkeiten frei Haus.

Der 22-jährige Baske sieht auch nicht so markant aus wie Ballesteros mit seinem schwarzen, langen Haar. Rahms Familie hat Wurzeln in Bayern oder der Schweiz – die Genealogen sind uneinig, jedenfalls trifft er optisch ziemlich exakt den Golfer-Durchschnitt. Wobei er genau das nicht ist, Durchschnitt. Rahm sagt so ungeheuerliche Sätze wie diesen: „Wenn Jack Nicklaus 18 Majors gewonnen hat, will ich 19 gewinnen.“

Heute schlägt er zum ersten Mal beim US Masters in Augusta ab. Mekka des Golfsports, grünes Siegerjackett. Das Turnier muss erstmals seit 1955 ohne den verstorbenen „King“ Arnold Palmer auskommen. Auch der dauerverletzte Tiger Woods fehlt, 20 Jahre nach seinem revolutionären Premierensieg. Ballesteros, Nicklaus, Palmer, Woods. Olazábal ließe sich hinzufügen, ebenfalls Baske, den brachte Rahm ins Spiel, weil er in seinem Geburtsjahr 1994 das Masters gewann.

Wettquoten niedrig wie nie für einen Debütanten

Mit großen Vergleichen gibt es kein Problem, nicht für ihn, nicht für Augusta. Seit Woods’ Anfängen ist die Branche nicht mehr derart von einem Neuling durchgeschüttelt worden. Die Wettbüros bieten für Rahms Sieg so niedrige Quoten wie nie für einen Masters-Debütanten.

Zwölfter der Weltrangliste ist er bereits, obwohl er nicht einmal die Hälfte des Wertungszeitraums von zwei Jahren dabei war. Als er vorigen Sommer zu den Profis übertrat, blieben ihm nur sechs Turniere, um sich die Spielberechtigung auf der US PGA Tour zu sichern. Ein guter Durchschnittsprofi braucht dafür rund 30 Turniere. Rahm genügten vier. Beim ersten Start wurde er Dritter, beim vierten Zweiter. Diese Saison kam er bei sieben Auftritten sechs Mal unter die ersten Zehn, gewann das hochkarätige Turnier in Torrey Pines und belegte bei den WM-Turnieren – den wichtigsten nach den vier Majors – die Plätze drei und zwei. Happy? Bedingt. „Mir geht es ums Gewinnen“, sagt Rahm. „Nichts mit Cuts, Platzierungen, Preisgeld. Nur Gewinnen.“

Und so spielt er, wie einst Ballesteros, „meine ultimative Referenz“: immer auf Angriff, und wenn der Ball im Wald landet, muss er danach eben mal zwischen den Ästen desselben Baums durch. Diesen Schlag zeigte er vor zwei Wochen im Finale der Matchplay-WM gegen den Weltranglistenersten Dustin Johnson, als er bereits mit fünf Löchern zurücklag, nach einer furiosen Aufholjagd am Ende aber wohl nur deshalb um eines verlor, weil vor dem entscheidenden Putt plötzlich eine Klotür zuschlug. Golfer sind ja sensibel, selbst ein so extrovertierter Typ wie er, den die Szene auch deshalb so begeistert aufnimmt, weil der obercoole Johnson die Emotionen eher ausblendet.

Beim Zocken besiegt er Superstar Phil Mickelson

Der treffendste Vergleich ist wohl der mit Phil Mickelson, dreimaliger Masters-Champion und ebenfalls begnadeter Hasardeur. Mit dem drehte Rahm in Augusta auch seine Proberunden. Man kennt sich seit Jahren, denn der Spanier studierte wie einst Phil an der Arizona State University, an der außerdem Mickelsons Bruder Tim als Trainer arbeitete – bis er Rahm unter seine Fittiche bekam. Mittlerweile widmet er sich exklusiv dem Shootingstar, den Arizona ungesehen aufnahm: So gut waren die Scouting-Berichte. In Spanien erzählt man sich etwa die Anekdote, wie er schon im Alter von 15 im andalusischen Cádiz die nationale U21-Meisterschaft gewann – obwohl der Teambus kaputt war und die Anfahrt vom Baskenland rund 16 Stunden gedauert hatte.

Als er in seinem zweiten Unijahr dann Phil Mickelson kennenlernte, ließ er sich vom Superstar zum Zocken herausfordern. Erst 60 Dollar, zwei Löcher vor Schluss wollte Mickelson auf 120 erhöhen. Rahm sagte zu, obwohl er nur 40 dabei hatte. Natürlich gewann er und überwand dank ausdauerndem Studium von Rap-Songs bald auch sein Problem: die englische Sprache. Heute parliert er in so sportlichem Rhythmus, dass ihn viele erst mal für einen Amerikaner halten, zumal bei dem Vornamen. Der ist allerdings auch sehr baskisch, und seine Wurzeln pflegt Rahm außerdem in der Hingabe zu Athletic Bilbao. Als Amateur trug er das Wappen des baskischen Fußballklubs sogar auf seiner Golftasche spazieren. Jetzt verbietet ihm das sein Ausrüster, Hauptkonkurrent des Trikotfabrikanten von Athletic.

Seit 1979 hat kein Neuling mehr in Augusta gewonnen, aber nicht nur sein Mentor Mickelson findet, dieses Mal könnte es so weit sein. „Ich bin hier, um zu gewinnen“, sagt auch Jon Rahm. Die Geschichte ruft. 2011 starb Severiano Ballesteros. Am Sonntag, dem Finaltag, wäre er 60 Jahre alt geworden.

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