Bremen

Stratege zum Schnäppchenpreis

Mit Thomas Delaney hat Werder Bremen den dringend benötigten Stabilisator gefunden. Der Däne soll an der Weser eine neue Ära prägen

Bremen. Als sich Thomas Delaney kurz nach seiner Ankunft in Bremen Anfang Januar zum ersten Fototermin aufstellte, sah das im Weserstadion noch ein bisschen provisorisch aus. Da stand er nun, der neue Hoffnungsträger, der vom FC Kopenhagen zum SV Werder gewechselt war, mit seinem krausen Haar, langen Lodenmantel, unter den Arm geklemmten Ball und seinen X-Beinen in der Bluejeans. Kann ein dänischer Nationalspieler ohne Auslandserfahrung einen akut abstiegsgefährdeten Bundesligisten besser machen?

Drei Monate später ist festzuhalten: Dieser Mittelfeldmann kann das. Wenn einer fürs Heimspiel am Dienstag gegen Schalke 04 (20 Uhr, Sky) und im Auswärtsspiel am Freitag bei Eintracht Frankfurt (20.30 Uhr, Sky) die neue Stabilität der einst so wankelmütigen Hanseaten verkörpert, dann die neue Nummer sechs. Antreiber und Stratege, Zweikämpfer und Torschütze. Spätestens mit seinem Dreierpack in Freiburg (5:2) am Sonnabend hat die Liga bemerkt, welchen Glücksgriff Werder mit einem bereits im Spätsommer verkündeten Transfer gelandet hat.

Der „Winnertyp“ (Trainer Alexander Nouri) verzahnt nicht nur die Defensive mit der Offensive, sondern verändert seit Winter den gesamten Charakter einer Mannschaft. Deshalb wurde er gleich mit einem Vertrag bis 2021 ausgestattet. „Ich komme von einem großen Klub in einer kleinen Liga. Wir haben zwar in der Champions League gespielt, aber das wird hier jede Woche wie Champions League für mich“, sagte der 25-Jährige voller Demut an seinem ersten Arbeitstag.

Acht Bundesliga-Einsätze später erklingen ausnahmslos wohl formulierte Lobeshymnen. „Werders Wichtigster“, titelte am Montag der „Weser Kurier“, das Fachmagazin „Kicker“ stellte fest: „Der neue Häuptling“. Und für „11 Freunde“ gibt er den „Messias“, weil das Zwei-Millionen-Schnäppchen, das seinen Marktwert bereits locker verdoppelt hat, eine Mischung aus Dieter Eilts und Johan Micoud sei. Klingt in der Gesamtheit ein bisschen übertrieben, weil die Bremer auch ohne Delaney kräftig punkteten, als dieser nach dem Auswärtsspiel in Mainz am 18. Februar (2:0) nach mehreren Brüchen im Mittelgesicht wochenlang ausfiel. Und doch könnte sein Förderer Stale Solbakken, früher Trainer beim 1. FC Köln, recht behalten: „Er ist ein Spieler, der Bremen auf Jahre prägen wird.“

Gleich in seinem ersten Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund (1:2) kam der Zugang mit blutigen Kratzwunden vom Feld. Über das eigentlich ordentliche Spiel und sein mehr als ordentliches Debüt wollte er gar nicht sprechen, „ich bin viel zu enttäuscht“. Da hat einer auch ein inneres Feuer mitgebracht. Dabei wollte der Sohn eines US-Amerikaners und einer Dänin lange nie weg aus der dänischen Hauptstadt. „Ich kenne gar nichts anderes als Loyalität zu einem Verein. In der Jugend habe ich bei KB gespielt, das sind die Nachwuchsmannschaften des FC Kopenhagen. Ich war alles in allem 22 Jahre da.“ Als er nach vier Meistertiteln und fast 300 Spielen zum letzten Mal auflief, bescherten ihm die Anhänger einen Abschied mit viel Gänsehaut.

In der Gruppenphase der Champions League fiel der 15-malige dänische Nationalspieler auch Spähern des FC Everton auf, die Delaney am liebsten noch gekauft hätten, bevor er in Bremen seinen Dienst antrat. Geschäftsführer Frank Baumann sagte Nein und will das auch bei Offerten im Sommer tun. „Es fällt mir nicht schwer, diese abzulehnen.“ Denn der Abräumer könne vieles bereits besser als er in seinen besten aktiven Zeiten, wie der Ehrenspielführer mit einem Augenzwinkern anmerkte. „Ich stand ja hauptsächlich vor der Abwehr rum.“ Sein Nachfolger nur für den Fototermin vor dem Spielertunnel.