Beachvolleyball

Kein Platz an der Sonne

Die Zentralisierung im Beachvolleyball erzeugt Widerwillen. Jetzt geht der Verband auf die Athleten zu und sucht Kompromisse.

Die Beachvolleyball-Olympiasiegerinnen von Rio 2016, Laura Ludwig (l.) und Kira Walkenhorst

Die Beachvolleyball-Olympiasiegerinnen von Rio 2016, Laura Ludwig (l.) und Kira Walkenhorst

Foto: dpa Picture-Alliance / Axel Heimken / picture alliance / dpa

Berlin.  In der Beachvolleyball-Halle im Sportforum Hohenschönhausen ist es leer geworden. Von der Decke baumeln die Abbilder von Katrin Holtwick und Ilka Semmler, Jonathan Erdmann und Kay Matysik. Diese vier Athleten waren die Aushängeschilder für Beachvolleyball in Berlin. Jetzt haben Holtwick/Semmler ihre Karriere beendet, Erdmann ist im Rahmen der Spitzensportreform nach Hamburg gezogen, wo alle deutschen Beachvolleyballer ab sofort zentralisiert trainieren sollen.

Matysik ist übrig geblieben. Im vergangenen Jahr war er noch Olympiakandidat für Deutschland. Die Qualifikation haben er und Erdmann auch wegen einer Verletzung Matysiks verpasst. Jetzt wurde der WM-Dritte von 2013 aussortiert vom Deutschen Volleyball-Verband (DVV), der noch im Dezember die Sportförderung der Bundeswehr für den 36-Jährigen verlängert hatte. Statt Beachvolleyball würde das ab sofort Militärdienst für den Berliner bedeuten. „Der DVV entzieht mir meine Jobgrundlage“, beklagt Matysik.

Zwei Teams weigern sich, nach Hamburg umzuziehen

Im Rahmen der Zentralisierung hat der Verband so einige Baustellen: Seit Wochen trainieren die beiden Bundestrainer der Frauen nur mit zwei anstatt der geplanten vier Teams in Hamburg. Die besten deutschen Duos hinter den Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, Karla Borger/Margareta Kozuch und Chantal Laboureur/Julia Sude weigern sich bislang, ihr funktionierendes Umfeld gegen das System in Hamburg zu tauschen. Als Konsequenz entzog der Verband ihnen den Status „Nationalteam“. Dadurch erhalten sie bislang keine Zuschüsse, die sich auf gut 25.000 Euro plus Sonderleistungen belaufen. Sportlich ist das nicht zu erklären. „Wir können nur unsere Leistung bringen“, sagt Laboureur, die im Februar beim Major in Fort Lauderdale mit Sude Bronze gewann.

Vor zwei Wochen sprang mit Julius Brink außerdem der Sportdirektor ab, der das neue Konzept mit vermarkten sollte. Offiziell behauptet der Olympiasieger von 2012, er könne dem Anforderungsprofil zeitlich nicht gerecht werden. DVV-Präsident Thomas Krohne versteht das nicht: „Wir hatten uns die Hand darauf gegeben. Deshalb hat mich seine Kehrtwende sehr enttäuscht.“

Offensichtlich sind nicht alle von dem neuen Konzept so angetan wie er selbst. Dabei ist die Idee durchaus sinnvoll: „Wir glauben, dass wir durch die Zentralisierung ein besseres System haben und Talente schneller finden und fördern können“, sagt Krohne. Er glaubt nicht an den langfristigen Erfolg von Individuallösungen, auch wenn diese Deutschland 2012 und 2016 zwei Olympiasiege gebracht haben. „Das wird nicht die Zukunft sein“, sagt er.

Die größten Hoffnungsträgerinnen des Verbandes arbeiten aber weiter autark. Ludwig/Walkenhorst trainieren zwar in Hamburg, aber außerhalb der DVV-Strukturen. Mit der olympischen Goldmedaille haben sie quasi im Alleingang dafür gesorgt, dass der gesamte Volleyball in die höchste Förderstufe des DOSB gerutscht ist, obwohl die Hallenvolleyballer die Olympiaqualifikation verpassten haben.

Ausgerechnet dieses Team klagt nun auch über Finanzierungsprobleme. „Die erste Prämisse des DVV ist nicht, die Förderung von Laura und Kira ideal aufzustellen“, schimpfte Teammanager Andreas Scheuerpflug. Momentan kämpft er darum, für Trainerin Helke Claasen eine Förderung vom Verband zu erhalten. Diese Entscheidung kann sich bis August hinziehen, weiß DVV-Generalsekretär Jörg Ziegler. Dann ist die Saison fast beendet.

Die Behäbigkeit des bürokratischen Apparates ist eines der Hauptprobleme des Verbandes, ebenso die personelle Unterbetzung. Auch deshalb will Krohne den DVV weiter umstrukturieren: „Wir merken, dass der Aufwand, den das Ehrenamt aufbringen muss, in keinem Verhältnis steht.“ Er hat dazu ein Konzept mit mehr Hauptämtern und einer neuen Finanzstruktur erarbeitet, über das im Hauptausschuss entschieden werden soll.

Jetzt geht es aber erst einmal darum, Kompromisse mit den Top-Teams der Frauen zu finden, denn ohne sie gerät das Zentralisierungskonzept ins Wanken. „Es wäre für uns auch ok, einmal im Monat nach Hamburg zu kommen“, sagt Karla Borger. Eine Kompromissbereitschaft spürte sie im letzten Gespräch mit dem Verband aber nicht. Dabei wird es auch bleiben, denn das Modell von Borger/Kozuch, die mit drei Trainern auf Teneriffa arbeiten, „genügt den Ansprüchen unseres Anforderungskataloges nicht“, sagt Ziegler.

Anders sieht es bei Laboureur/Sude aus. Hier sei eine Einigung möglich, auch wenn das Team nicht regelmäßig in Hamburg trainiert. Bis Freitag ist eine Entscheidung geplant. Auch mit Matysik will Krohne sich noch einmal zusammensetzen. Schließlich hat der Berliner sich ebenfalls auf den Posten des Sportdirektors beworben, der nach der Absage Brinks nun wieder frei ist. Es sieht so aus, als habe der Verband endlich erkannt, dass er die Athleten einbeziehen muss, um das neue Vorhaben zum Erfolg zu führen.