Berlin

Neustart aus der Tiefe

Wasserspringer Patrick Hausding verabschiedet sich vom Turm, will aber mit neuem Trainer eine WM-Medaille in Budapest gewinnen

Berlin. Rostock hat seinen Star des Wochenendes freundlich empfangen, als er am Montag an der Ostsee eintraf. „Ich hänge hier in der Stadt rum“, erzählt Wasserspringer Patrick Hausding fröhlich. Auf Plakaten werben die Organisatoren des Internationalen Springertages, der sinnigerweise Freitag beginnt und Sonntag endet, mit einer sportlichen Übung des 27-jährigen. „Kopfsprung rückwärts“, erklärt der Berliner fachmännisch. In Rostock hat das Weltcup-Meeting Tradition, es erlebt die 62. Auflage. Und es ist einer der wenigen sportlichen Höhepunkte in der Stadt. Hausding bestreitet dort seinen ersten Wettkampf des Jahres.

Sein letzter war ein ganz besonderer: das Finale vom 3-Meter-Brett bei den Olympischen Spielen in Rio. Hausding gewann Bronze, es war seine erste olympische Einzelmedaille. Es war zugleich die einzige für den Deutschen Schwimm-Verband, der es schaffte, noch schwächer abzuschneiden als vier Jahre zuvor in London, wo Thomas Lurz im Freiwasser Silber geholt hatte. „Diesmal habe ich den DSV gerettet“, meint Hausding nicht ohne Stolz. Das hat ihm eine Menge Respekt und Anerkennung gebracht. Das merkte er zum Beispiel, als er von anderen deutschen Top-Athleten zum „Champion des Jahres“ gewählt wurde.

Zwei Kilo abgenommen, seit Bohm sein Coach ist

Für diese Saison hat sich Hausding erneut viel vorgenommen, obwohl sich einiges verändern wird oder schon verändert hat. Am wichtigsten: Sein Trainer heißt nicht mehr Jan Kretzschmar (65), sondern seit November Christoph Bohm (33), der aus Dresden nach Berlin wechselte. „Ich habe mit Jan alles erreicht, aber ein Wechsel tut auch mal gut“, sagt Hausding, „es war viel Routine im Training.“ Sein neuer Coach setzt mehr auf Technik, etwas weniger auf Athletik. Hausding fühlt sich wohl damit. „Ich erlebe meinen zweiten Frühling“, freut sich der 13-malige Europameister, der durch die Umstellung zwei Kilo abgenommen hat.

Ob das der Leistung zuträglich ist, muss sich jetzt zeigen. Auf Rostock folgt im März und April in Peking, Guangzhou (beide China), Kasan (Russland) und Windsor in Kanada gegen Top-Konkurrenz eine erste internationale Standortbestimmung. Aber nicht nur. Bei der World Series werden je nach Erfolg Prämien gezahlt. Kein Vergleich zu Profisportarten, doch Wasserspringer sind über ein paar tausend Euro sehr froh. Deshalb steigt sogar Sascha Klein, der nach Rio seine Karriere beenden wollte, noch einmal für die vier Wettkämpfe auf den Turm. Er und Hausding wurden als Synchron-Duo Olympia-Zweite 2008 in Peking, Weltmeister 2013 in Barcelona und neun Mal in Folge Europameister. Diesen Titel werden sie nicht verteidigen, glaubt der Berliner. Bei der Jahr für Jahr näher gerückten Konkurrenz „wäre es doch blöd, vielleicht jetzt mit einem dritten Platz abzutreten“. Vermutlich hört Klein (31) nach Windsor ganz auf.

Gute Erinnerungen an WM-Schauplatz Budapest

Was eine weitere Veränderung nach sich zöge. „Ohne Sascha springe ich nicht mehr vom Turm“, kündigt Hausding an. Einen vergleichbaren Partner sieht er nicht. Es gibt noch einen triftigen Grund: „Meinen Schultern tut das gut.“ Dieser Körperbereich ist bei ihm besonders stark mitgenommen worden von den Tausenden Sprüngen aus zehn Metern, die er absolviert hat und die immer mit einem harten Aufschlag im Wasser enden. Schon kleine technische Fehler werden bestraft. „Teilruptur Bizepssehne, angegriffene Kapseln, Entzündungsherde“, zählt er auf, was bei einer MRT-Untersuchung herauskam, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben: „Ich hab’s nicht so mit medizinischen Begriffen.“

Eine Operation lehnte er ab, weil er nicht drei Monate aussetzen wollte. Lieber schonte er sich bis Weihnachten mit einem kürzeren Übungsprogramm. „Bis jetzt eine gute Entscheidung“, findet Hausding, „ich kann voll trainieren und habe alle Sprünge meiner Wettkampfserie wieder komplett.“ Weil ohne Turm was fehlt, ihm das 3-Meter-Brett im Einzel und synchron wie bisher mit dem Leipziger Stephan Feck nicht genügt, plant Hausding, die 1-Meter-Konkurrenz wieder in sein Programm aufzunehmen. In dieser Disziplin war er 2014 Europameister.

Dann kann also die Attacke beginnen. Bei den Deutschen Meisterschaften in Aachen im Mai geht es um die Qualifikation für die WM Mitte Juli in Budapest. Mitte Juni bereits startet Hausding bei der EM in Kiew. Aber sein Hauptziel ist die ungarische Metropole, wo er 2010 bei der EM zweimal Gold und dreimal Silber gewann. Eine Kategorie höher im sportlichen Wettbewerb gibt Hausding sich bescheiden: „Eine Medaille wäre super.“

Sollte ihm das gelingen, dürfte er 2018 auch bei der 63. Auflage des Springertages in Rostock beste Chancen haben, mit Plakaten begrüßt zu werden.