Berliner Amateurfußball

SC Staaken - Jenseits von Tottenham

Jeffrey Seitz scheiterte einst als Spieler in England. Nun führt er den Berlin-Ligisten Staaken als Trainer zu überraschenden Erfolgen.

Erhan Bahceci (l.) vom SC Staaken beim 0:0 gegen den TSV Rudow

Erhan Bahceci (l.) vom SC Staaken beim 0:0 gegen den TSV Rudow

Foto: Joulux

Berlin.  Die Saison ging dem Ende entgegen, der SC Staaken stand im Frühjahr 2016 erneut im Mittelfeld der Berlin-Liga. Kein Grund, etwas zu ändern, fanden sie im Verein. Trainer Jörg Riedel sah das anders und kündigte seien Abschied an. Die Zeit bei der Suche nach einem Nachfolger drängte. Oft fiel der Name des A-Jugendtrainers Jeffrey Seitz. Aber: Seitz ist jung, hatte keine Erfahrung im Männerbereich.

„Wir haben auf unser Bauchgefühl vertraut“, sagt Klaus-Dieter Krebs (76). Der Bauch des 1. Vorsitzenden irrte nicht. Staaken landete mit der internen Lösung – Seitz sowie der bisherige Trainer der zweiten Mannschaft Daniel Kujath als Assistent – einen Volltreffer.

Im Gleichschritt mit Robert Huth

„Dominanter Fußball, aktiv, intensiv mit und ohne Ball“, skizziert Seitz seine Vorstellungen. Damit wollte er Rang acht aus der Vorsaison moderat steigern. Die Mannschaft ist jedoch einfach nicht zu schlagen. Wochenlang, monatelang. Bis heute. 14 Siege, drei Remis, souveräner Tabellenführer, Staaken ist die größte Überraschung der Hinrunde im Berliner Fußball.

Am Spielfeldrand ist Seitz „ein ruhiger Vertreter“, sagt Krebs, „er ist voll akzeptiert und kann unheimlich gut seine Ideen vermitteln“. Der 32-Jährige – in Kreuzberg geboren, seine Mutter stammt aus Ghana – ging einst einen ähnlichen Weg wie Robert Huth. Mit 16 landete er bei Tottenham Hotspur im Nachwuchs, durfte öfter bei den Profis mittrainieren. Mit Stars wie Teddy Sheringham und Les Ferdinand.

Huth setzte sich beim FC Chelsea durch, wurde Nationalspieler und ist Englischer Meister mit Leicester City. Seitz bekam keinen Profivertrag bei den Spurs und hörte mit Anfang 20 ganz auf, lernte Sport- und Fitnesskaufmann, begann früh als Trainer. Manchmal jucke es ihn noch, selbst zu spielen. Das Kapitel ist allerdings lange durch und Seitz zufrieden: „Ich habe die richtige Entscheidung getroffen.“

Der Sechsligist gönnt sich einen Sportpsychologen

Der aktuelle Siegeszug des SC Staaken hat alle Beteiligten verblüfft. Ein Baustein zum Erfolg: Wo Staaken draufsteht, ist Staaken drin. Fast alle Spieler sind aus dem eigenen Nachwuchs, manche waren zwischendurch woanders. Wie die Winterzugänge Tim Liebhold (20/vom Ligakonkurrenten Berliner SC) und Tim Lampert (21/vom Regionalligisten TSG Neustrelitz).

Dazu kommt die im Amateurbereich außergewöhnliche Verpflichtung eines Sportpsychologen. „Es geht um die Leistungsoptimierung jedes einzelnen Spielers“, sagt der Trainer. Und um ein Stück Professionalisierung – „ja, die gibt es auch in Staaken“, fügt Seitz lachend an.

In der Liga ist Halbzeit, an diesem Sonntag startet der Tabellenführer beim TuS Makkabi in die Rückserie (12 Uhr, Julius-Hirsch-Sportanlage). Fünf Punkte Vorsprung klingen komfortabel, können aber schnell schmelzen. Die Konkurrenz lauert darauf. Verfolger SV Tasmania etwa will nach mehreren vergeblichen Anläufen Meister werden. „Andere haben mehr Druck als wir“, sagt Seitz. Unrecht ist ihm das nicht.

Der Aufstieg brächte nicht nur Vorteile

Doch so wie Staaken – wo früher Hertha-Profi Maximilian Mittelstädt und Manuel Schmiedebach (Hannover 96) im Nachwuchs kickten – bisher aufgetreten ist, könnte am Ende der unverhoffte Aufstieg stehen. „Wir wären naiv, wenn wir uns nicht damit beschäftigen würden“, sagt Klubchef Krebs. Die Oberliga sei „weder wirtschaftlich verlockend noch sonst besonders attraktiv“. Der SCS würde das Projekt trotzdem angehen: „Alles andere wäre den Spielern gegenüber unfair.“

Momentan sind alle Auswärtsspiele mit einem AB-Ticket der BVG erreichbar, ab Sommer könnten Rostock oder Wismar neue Reiseziele sein. Über 200 Kilometer. Einfacher Weg. Mindestens 20 Prozent mehr als jetzt müssten in der höheren Spielklasse insgesamt investiert werden, schätzt Krebs. Zuschauer- und Sponsoreninteresse würden mit Blick auf Heimspiele gegen den Malchower SV oder Victoria Seelow dagegen wohl kaum steigen. Es gab Vereine, die einen Oberliga-Aufstieg danach mit einem rasanten Absturz teuer bezahlt haben. Davor hat Staaken keine Angst. „Wir würden das gebacken kriegen“, sagt Krebs.