Vom Flüchtling zum Star

Yusra Mardini zwischen Traum und Albtraum

Die Schwimmerin schaut auf ein Jahr zwischen Flucht und Hype zurück. Nun träumt sie von einer Medaille bei Olympia und will Pilotin werden

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Berlin.  Die Geschichte begann gerade richtig Fahrt aufzunehmen, als sich die Schwimmerin Yusra Mardini und ihr Trainer Sven Spannekrebs zusammensetzten und über die Zukunft sprachen. Wieder mal. Das war im Mai vergangenen Jahres. Es stürzte ja so viel über sie herein. Sie waren fröhlich und malten sich aus, wem Yusra wohl nach all den Funktionären und Journalisten noch begegnen würde, wenn das so weiterginge. Dem Papst vielleicht? Oder dem amerikanischen Präsidenten? Fußball-Star Lionel Messi? Dabei haben beide herzlich gelacht.

Sie ahnten nicht, was kommen würde. Yusra Mardini ist 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio gestartet. Papst Franziskus hat sie tatsächlich getroffen, Barack Obama auch. „Es ist wie ein Traum und ein Albtraum zugleich“, sagt sie, „ich habe in kurzer Zeit sehr schöne und sehr schlimme Momente gehabt. Aber so ist wohl mein Leben.“

Die 18-Jährige sitzt jetzt in einer Turnhalle in Spandau auf einem Stuhl und unterschreibt fleißig Autogrammkarten. Mehr als 1000 hat sie schon verteilt. Gleich wird sie bei einer Aktion für „Berlin hat Talent“ dabei sein, mit der Kinder zum Sport animiert werden sollen. Sie wird mit ihnen herumtoben, einen Kletterparcours bewältigen. Das macht ihr Spaß, sie darf selbst noch mal Kind sein. Am Ende erklärt sie den Schülern: „Sport ist sehr wichtig für euer Leben. Für das Zusammenleben. Für ein gesundes Leben.“ Manchmal, wie in ihrem Fall, sogar für das Überleben.

Das Schwimmen schenkte ihr ein neues Leben

Im September 2015 gelang der Syrerin mit ihrer Schwester Sarah eine abenteuerliche Flucht vor dem Krieg. Die Geschichte mit dem Schlauchboot voller Refugees, das sie gemeinsam schwimmend in den Hafen von Lesbos zogen, hat sie mehr als hundert Mal erzählt. Es war großes Glück, dass es gelang und dass sie am Ende in Berlin und bei den Wasserfreunden Spandau 04 auftauchten.

Durch ihre Flucht allein wäre Yusra Mardini aber noch nicht berühmt geworden. Erst als das Internationale Olympische Komitee (IOC) beschloss, ein Flüchtlingsteam an den Spielen in Rio teilnehmen zu lassen, änderte sich das schlagartig.

Genauer gesagt, als Spannekrebs davon erfuhr und das IOC auf seinen neuen Schützling aufmerksam machte. Die Sportfunktionäre erkannten, was ihnen da zugeschwommen war: eine freundliche, gut Englisch sprechende junge Frau mit einer dramatischen Geschichte samt Happy End. Sie wurde zum schönen Gesicht des Refugee-Teams.

Sie erzählte geduldig immer wieder von ihrer Flucht und vergaß doch nie zu sagen: „Hey, ich bin nur einer von 65 Millionen Refugees in der Welt. Ich hatte Glück.“ Mit jedem Interview wurde sie noch etwas berühmter.

Plötzlich wollten alle Mardini kennenlernen

Spannekrebs war nicht mehr nur ihr Trainer, sondern zugleich Berater, Termin-Organisator, vor allem: ihr Schutzschild vor der Öffentlichkeit. Yusra wollte ja schwimmen, sich auf Rio vorbereiten, obwohl klar war, dass sie dort sportlich nicht würde mithalten können nach zwei Jahren Trainingspause durch den Krieg. Plötzlich wollten alle Yusra kennenlernen, über sie berichten. Einmal stand unangemeldet ein Kamerateam aus China beim Training am Beckenrand, um einen Film zu drehen.

Mardini und Spannekrebs mussten lernen, nein zu sagen. Die Zahl der Anfragen wurde so groß, dass der genervte Trainer sein Facebook-Profil änderte. Die junge Schwimmerin, die rund 100.000 Freunde in dem sozialen Netzwerk hat, verkraftete alles erstaunlich gut, fühlte sich nicht benutzt. Sie tat nur, was sie wollte. Als sie endlich in Rio das erste Mal in den Pool sprang, dachte sie sich: „Jetzt schwimme ich im gleichen Wasser wie Michael Phelps. Das ist cool.“

Nach Rio nahm der Hype nicht ab – im Gegenteil. Ob sie nicht vor ihrer Schulklasse auftreten wolle, fragen Lehrer, mal aus Stuttgart, mal aus Arizona. Wie wäre es gleich nächste Woche? Spannekrebs schüttelt den Kopf. Als hätte sie nicht ihr eigenes Leben! Er sagt fast alles ab. Fast. Sie reist nach New York zum Flüchtlingsgipfel der UN und trifft Obama, der nach ihrer Eröffnungsrede beeindruckt sagt: „Bleibe stark und verfolge deine Ziele!“

Im November erhalten sie und Schwester Sarah einen Bambi als „Stille Helden“ und obendrauf einen Spezialauftrag: Yusra soll im Vatikan dem Papst ebenfalls einen Fernsehpreis in der Kategorie „Millennium“ überreichen. Sie kichert, als sie schildert, wie das war: „Ich sagte: hallo! und gab ihm den Bambi. Er antwortete: gracias. Ich sagte: you’re welcome. Das war’s.“

Ein Fußballberater ist jetzt ihr professioneller Manager

Hollywood will unbedingt das Leben Yusra Mardinis verfilmen. Gut möglich, dass es wirklich dazu kommt. Sie hat jetzt einen professionellen Manager, den Münchner Anwalt Marc Heinkelein, der sonst vor allem Fußballprofis zu seiner Klientel zählt. Es muss nur zeitlich passen. Ihr Trainingsplan ist ihr heilig: 30 Stunden die Woche, zehn Mal Schwimmen, vier Mal Kraftraum. Sie hat ihre Bestzeit über 800 Meter Freistil um mehr als eine halbe Minute auf 9:27 Minuten gesteigert, seit sie in Berlin ist.

Zum deutschen Rekord fehlt noch immer eine Minute, aber Yusra verfolgt unbeirrt ihr Ziel, nach Rio auch 2020 bei den Olympischen Spielen in Tokio an den Start zu gehen.

„Für welches Land, ist mir egal - Syrien, Deutschland oder wieder für das Refugee-Team.“ Vermutlich ist letzteres ihre einzige Chance. Weil sie in Deutschland den Flüchtlingsstatus erlangt hat, könnte sie gar nicht für Syrien schwimmen. Für die deutsche Staffel werden ihre Zeiten kaum reichen.

Auch in Tokio 2020 will sie dabei sein

Also das Flüchtlingsteam, aber ob es das noch mal gibt, weiß niemand. Sie sagt: „Ich will in Tokio eine Medaille gewinnen.“ Das meint sie ganz ernst, obwohl sie weiß, wie schwer das wird. „Wenn ich es nicht schaffe, dann sage ich: bye-bye“.

Sorgen um ihre Zukunft braucht sich die junge Frau vermutlich nicht zu machen. „Yusra könnte ein halbes Jahr in die USA reisen, um dort eine Rede nach der anderen zu halten“, sagt Spannekrebs, „so ein Star ist sie dort.“ Danach hätte sie ein kleines Vermögen zusammen. Nur: Sie will das gar nicht. Viel lieber möchte sie ein normales Leben haben, zur Schule gehen, zum Training, als nächstes mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern eine gemeinsame Wohnung beziehen. Ihr Traum ist es, Pilotin zu werden.

Vor allem möchte Yusra Mardini denen etwas zurückgeben, die ihr geholfen haben. Ihrer Familie, der Sportschule am Olympiapark, den Wasserfreunden Spandau 04, dem IOC, dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR, für das sie jetzt eine Art Botschafterrolle übernimmt.

Keine Lust auf Donald Trump

Auch Deutschland. „Die Deutschen haben viele Flüchtlinge aufgenommen, sie haben etwas getan“, sagt Mardini, die bei allem Trubel natürlich geblieben ist und nicht vergessen hat, woher sie kommt. Sie ist dankbar. Sie will Schwimmkurse veranstalten, wo alle ein bisschen mehr bezahlen, damit zusätzlich Flüchtlinge umsonst schwimmen lernen können.

Auch 2017 wird also nicht langweilig. Sie trainiert jetzt mit den Älteren bei den Wasserfreunden. Ihr neuer Trainer ist Spannekrebs’ Kollege Ariel Rodriguez. Was Treffen mit Prominenten angeht, dürfte 2016 kaum zu toppen sein. Durch ihre Arbeit für das UNHCR könnte Angelina Jolie hinzukommen.

Doch Yusra Mardini hat ohnehin ihre eigenen Maßstäbe, was Menschen angeht: „Obama und der Papst waren sehr nett, aber ich mag die Kinder hier bei Berlin hat Talent genau so gern. Ich mag alle Menschen.“ Sagen wir, fast alle. Einem will sie nicht begegnen, dem neuen US-Präsidenten. „Trump hasst Flüchtlinge“, sagt sie. „Warum sollte ich ihn treffen?“ Ihr fröhliches Lächeln ist für einen Moment erstarrt. Wozu Hass führen kann, das hat sie erlebt.

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