Momente 2016

Turner Andreas Toba – „Der Olympiagott ist mir gnädig“

Turner Andreas Toba und Radstar Kristina Vogel haben bei Olympia Sportgeschichte geschrieben. Ein Gespräch über zwei spezielle Momente.

Foto: Lukas Schulze / picture alliance / dpa

Essen.  Sie haben uns gezeigt, wie nahe Glück und Pech im Spitzensport zusammenliegen. Kristina Vogel (26) raste mit einem defekten Rad auf der Olympiabahn in Rio nicht mit Tempo 65 ins Verderben, sondern hauchdünn zu Gold. Andreas Toba (26) hatte dagegen Pech: Der Turner riss sich beim Mannschaftswettbewerb das Kreuzband im rechten Knie, turnte aber unter großen Schmerzen danach noch am Pferd und sicherte damit der deutschen Mannschaft den Einzug ins Finale. Ein Gespräch mit den beiden Athleten über zwei spezielle Momente 2016.

Frau Vogel, Herr Toba, haben Sie den speziellen olympischen Moment des anderen in Rio mitbekommen?

Kristina Vogel: Klar, live im Fernsehen im Deutschen Haus. Wir sind ja während der Spiele eine große olympische Familie. Da läuft der Fernseher 24 Stunden.

Andreas Toba: Auch bei uns lief dauernd der Fernseher, Kristina hat Recht, du willst immer wissen, was bei den anderen passiert.

Was denkt man da, wenn man sieht, wie dicht Glück und Pech im Spitzensport oft beieinander liegen?

Vogel: Ich habe gedacht: verdammt, da trainiert der Andreas vier Jahre und dann das. Und auf alle Fälle – Hut ab, ich wüsste nicht, ob ich mit einem gerissenen Kreuzband noch mal weitergemacht hätte. Tut ja auch verdammt weh, und ich denke, dafür hat er den Bambi auch völlig zu Recht bekommen.

Toba: Als Kristina fuhr, lag ich schon verletzt im Bett. Und als ich das mit dem gebrochenen Sattel gesehen habe, dachte ich: Das war knapp, Glück gehabt. Aber ich habe das nicht mit meinem Pech verglichen, ich habe mich einfach für sie gefreut, wir kannten uns ja aus dem olympischen Dorf, und ich war einfach stolz, dass da jemand aus unserem Olympia-Team Erfolg hatte.

Vogel: Das ist ja das Schöne an den Spielen – durch das Dorf und das Zusammensein kriegst du viel mehr mit von anderen Sportarten.

Toba: Genau – und das ist eine tolle Erfahrung. Bei Europa- oder Weltmeisterschaften sind wir Turner eben immer unter uns, deshalb sind ja Olympische Spiele so einzigartig – auch wenn man verletzt nach Hause muss.

Was macht so ein olympischer Moment mit einem?

Toba: Ich war erst einmal nur traurig, ich konnte ja kein einziges Finale turnen, obwohl ich fit nach Rio zu meinen ersten Spielen kam. Aber am Ende musst du dann sagen – okay, aufstehen, weitermachen, auch wenn mir die Verletzung nach den Spielen ein wenig die Lebensfreude geraubt hat. Der ganze Sommer war flöten, jeder Schritt tat weh. Jetzt freue ich mich über kleinste Fortschritte. Vor vier Wochen konnte ich noch kaum auf dem Bein stehen, jetzt gehen schon wieder minimale Sprünge. Und das ist ein sehr gutes Gefühl.

Vogel: Ich weiß, dass ich Glück hatte. Wenn der Sattel noch früher gebrochen wäre, hätte ich keine Chance gehabt. Wir rasen mit Tempo 65 und 150 Kurbelumdrehungen um die Bahn. Das kannst du unmöglich im Stehen fahren, ich wäre ziemlich sicher gestürzt. Aber dieser Beinahe-Crash darf mich in meinem Sport nicht beeinflussen. Sprint ist immer Risiko, es geht um Bruchteile von Sekunden. Da musst du voll fahren und reinhalten, sonst hast du keine Chance.

Was hat sich für Sie durch die Spiele verändert?

Toba: Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass mein Weiterturnen mit der Verletzung so ein gewaltiges Echo auslösen würde. Das ging sogar so weit, dass ich kurz nach der Verletzung einen ganz besonderen Moment erlebte. Wegen der Verletzung bekam ich bei einem Flug ein Upgrade in die Business Class, und da saßen auch die Scorpions. Klaus Meine fragte mich dann, ob sie ein Foto mit mir machen dürften. Das muss man sich mal vorstellen, ich war überrascht, dass die mich überhaupt kennen. Und dann auch noch der Bambi. Mit dem habe ich nicht gerechnet.

Vogel: Ich weiß jedenfalls, dass der Olympiagott mir gnädig ist. Aber wirklich verändert hat sich nichts. Und Geschenke auf der Bahn werde ich dadurch auch nicht bekommen. Wenn ich sehe, wie stark der Nachwuchs von hinten drängt, kann ich mich keine Sekunde auf der Vergangenheit ausruhen.

Was sind jetzt Ihre Ziele für 2017?

Toba: Die EM im Frühjahr werde ich verpassen, mein Ziel sind die Weltmeisterschaften im Oktober in Montreal. Aber dazu muss ich erst einmal völlig gesund werden und die Qualifikation schaffen. Darauf werde ich meine ganze Energie verwenden und ab Februar darauf hinarbeiten.

Vogel: Bei mir ist die WM bereits an Ostern in Hongkong. Ich habe auch angefangen zu studieren. Nach Olympischen Spielen muss man sich ja immer auch grundsätzlich überlegen, wie es weitergeht. Aber ich habe noch Lust.

So wie es aussieht, werden die Sommerspiele 2020 in Tokio erstmals nicht von ARD und ZDF übertragen. Was denken Sie als Aktive in Randsportarten darüber?

Vogel: Für mich ist es zwiespältig. Zum einen finde ich es nicht schlecht, dass die öffentlich-rechtlichen Sender, die uns ja so gut wie nie zeigen, einen auf den Deckel bekommen haben. Aber ich weiß natürlich auch nicht, was Eurosport künftig macht. Ich bin gespannt und hoffe, dass vor allem das meiste frei empfangbar bleibt – auch in meinem Sport. Ich sehe eine Chance.

Toba: Ich weiß nicht, ob das etwas für das Turnen verändert. Vielleicht kann die Entscheidung auch eine Art Weckruf sein, dass sich auch die Gesellschaft mehr für die Interessen der Randsportarten im Fernsehen stark macht. Das wäre ja dann ein Erfolg.