Amateurfußball

So verrückt geht es auf den Berliner Plätzen zu

Spendable Club-Chefs, Tore, die um die Welt gehen und Justin Bieber – die elf kuriosesten Geschichten aus dem Berliner Fußballjahr 2016

Fußball-Weltmeister Thomas Häßler trainiert den Berliner Achtligisten Club Italia

Fußball-Weltmeister Thomas Häßler trainiert den Berliner Achtligisten Club Italia

Foto: dpa Picture-Alliance / Bernd Wende Sportfoto / picture alliance / Photowende

Berlin.  Das Fußball-Jahr 2016 hatte in Berlin viel mehr zu bieten als nur Meistertitel, Pokalsiege, Auf- und Abstiege. Da gab es einen Weltmeister im Autohaus, einen Schiedsrichter, der nicht viel für Popstar Justin Bieber übrig hat und ein Tor, das um die Welt ging.

Regionalligist im Stau

Die Regionalliga-Begegnung zwischen dem BFC Dynamo und dem VfB Auerbach ist für 13 Uhr angesetzt. Um diese Zeit passiert – nichts. Auch danach bleibt der Rasen lange leer. Auerbachs Bus steht auf der Autobahn im Stau. Erst gegen dreiviertel zwei, da sollte bald Halbzeit sein, kommen die Gäste aus dem Vogtland im Jahn-Sportpark an. Und das bereits umgezogen. Den Bus hatten sie unterwegs zur Umkleidekabine umfunktioniert. 75 Minuten verspätet geht es los. Doch die Konzentration der Auerbacher ist irgendwo im Stau hängengeblieben. Nach neun Minuten führt der BFC 2:0. Dabei bleibt es.

Ein Weltmeister in der Bezirksliga

Schon die Anfang Februar per Pressemitteilung verschickte Nachricht ist ein Hammer: Thomas Häßler übernimmt ab Sommer das Traineramt in der achten Liga bei Club Italia. Drei Tage später wird der Welt- und Europameister vorgestellt, in einem Autohaus am Stadtrand. Häßler kommt statt über den roten Teppich durch die Hintertür rein. Für die Kameras wird das Ganze nochmal am Haupteingang wiederholt. Häßler sagt bei der Pressekonferenz, er hatte keine anderen Angebote und alles sei besser als „zu Hause rumsitzen und die Decke anstarren“. Die Klub-Verantwortlichen träumen bereits von der 3. Liga. Am Ende der Hinrunde liegt Italia in der Bezirksliga immerhin schon auf Platz zwei. Und Häßler nutzt die Winterpause für einen Besuch im RTL-„Dschungelcamp“.

Torfolge wie beim Wasserball

Der SC Charlottenburg trifft in der A-Jugend-Verbandsliga, der höchsten Berliner Spielklasse, auf Stern Marienfelde. Ein Kellerduell. Aber was für eins. Keine langen Worte, lieber die Torfolge, die an Wasserball erinnert: 1:0, 1:8. Halbzeit. 2:8, 2:10, 3:10, 3:12, 4:12, 4:13, 5:13, 5:14, 7:14. Abpfiff. Vielleicht doch einige Worte zum wilden Tor-Wahnsinn. Marienfeldes Trainer Jürgen Munz stellt in der „Fußball-Woche“ fest: „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Wen wundert‘s…

Justin Bieber als Schiedsrichter

Popstar Justin Bieber ist nicht auf dem Sportplatz Grabensprung zugegen, als Fortuna Biesdorf in der Landesliga auf Concordia Britz trifft (2:1). Doch allein die Verwendung seines Namens reicht für einen Platzverweis. „Justin Bieber, was pfeifst Du denn da?“, ruft der Britzer Ersatztorwart Özkan Akdogan während der Partie von außerhalb des Spielfeldes Richtung Schiedsrichter. Was dieser allem Anschein nach als Beleidigung auffasst. Konsequenz: Rote Karte.

Spannendster Abstiegskampf aller Zeiten

Die zweite Mannschaft des FC Brandenburg 03 braucht am letzten Spieltag der Saison 2015/16 bei Anadolu-Umutspor unbedingt einen Sieg. Andernfalls heißt es: Ab runter in die Kreisliga B. 0:0 zur Pause, zu wenig. Später führt Brandenburg 4:1. Klingt beruhigend. In der 81., 89. und 95. Minute trifft dann der Gegner. 4:4. Abstieg? Nein. In der sechsten Minute der Nachspielzeit fällt das 5:4 für Brandenburg. So irre kann Klassenerhalt sein!

Spendabler Klub-Boss

Eiche Köpenick tritt nur zu siebt beim Kreisliga-B-Spitzenreiter SC Minerva 93 an. Das kann nicht gutgehen. Und geht nicht gut. Köpenick fängt sich in den ersten zehn Minuten sieben Gegentore und bittet um den Abpfiff. Ein ziemlich gebrauchter Sonntag für die Gäste. Findet auch Minervas 1. Vorsitzender Dietmar Gottemeier. Wie die „Fußball-Woche“ berichtet, gibt er den bedauernswerten Gästen vor der Rückfahrt einen aus.

Drei Torhüter in einer Elf

Besetzungsprobleme hat auch die FV Wannsee in der Kreisliga A. Zur Urlaubszeit im August stehen deswegen in der Auswärtspartie beim Wartenberger SV II gleich drei Torhüter in der Startelf. Einer im Kasten, die zwei anderen laufen als Feldspieler auf. Jan Bartels erzielt beim 4:1 sogar zwei Tore in ungewohnter Rolle.

Traumtor geht um die Welt

In der Statistik ist es einfach das 2:5 für den BFC Tur Abdin in der Bezirksliga beim SV Buchholz (Endstand 2:7). Dank eines Amateurfilmers, Youtube und der Einzigartigkeit des Treffers kennen nun allerdings Millionen Menschen weltweit Amir Mohra, einst Deutscher B-Jugendmeister mit Hertha BSC, und sein Tor. Selbst in den USA oder Australien berichten Medien, wie Spielertrainer Mohra den Ball im Doppelpass mit der Latte erst aus etwa 20 Metern ans Gebälk knallt und den Abpraller danach volley von der Strafraumgrenze ins Netz drischt. Die bescheidene Qualität des Videos dürfte die ansonsten wohl sichere Nominierung für das „Tor des Monats“ in der Sportschau verhindert haben.

Friedrichshagen im Kuriositätenkabinett

Eine Nominierung ganz anderer Art bekommt dafür Lars Häussler vom Friedrichshagener SV: beim „Kacktor des Monats“ in der WDR-Sendung „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“. Dort wird der „unterdurchschnittlichste Treffer“ gesucht, weit weg von Fallrückziehern oder Freistößen in den Winkel. Dieses Kriterium erfüllt Häusslers Tor in der Kreisliga-A-Partie gegen Sparta Lichtenberg II definitiv. Nach einer abgefangenen Ecke seines Teams läuft er zurück. Dabei donnert ihm der gegnerische Keeper den Ball versehentlich an den Hinterkopf. Häussler geht zu Boden, aber die Kugel findet aus gut 17 Metern den Weg zum 2:0 ins Tor. Häussler schafft es bei der Wahl auf Platz zwei hinter einem Eigentor des Bielefelders Julian Börner.

Den Durchblick verloren

Über die Hälfte der Hinrunde 2016/17 ist rum in der Kreisliga A, der BFC Alemannia 90 hat bisher nur einen schmalen Punkt ergattert. Jetzt ist der erste Sieg ganz nah, es steht gut zehn Minuten vor Schluss 3:1 gegen den 1. FC Afrisko aus der Spitzengruppe der Liga. Dann bläst der garstige Novemberwind Teile des Flutlichts kaputt. Der Schiedsrichter beendet die Partie vorzeitig. Ob das sein musste, darüber gehen die Meinungen auseinander. Bei der Neuansetzung einige Wochen später verliert Alemannia deutlich 0:4.

Trauriger Abschied

Christian Rötzer trainiert Rot-Weiß Viktoria Mitte in der Berliner Kreisliga B. Aus beruflichen Gründen in Verbindung mit der dauerhaft schwierigen personellen Situation im Team kündigt er unter der Woche seinen Rücktritt an, eine Partie will er aber noch durchziehen. Am Treffpunkt findet sich vor Spielbeginn jedoch nur eine sehr kleine Schar von Viktoria-Kickern ein. Rötzer wirft daher noch vor dem Anpfiff hin und geht. Seine nun bereits ehemalige Mannschaft bestreitet das komplette Spiel in Unterzahl – und gewinnt dann trotzdem mit 2:1 beim FC Treptow II.