Liverpool/München

Der Mann mit dem X-Faktor

Jürgen Klopp zeigt in Liverpool, dass er als Trainer mehr kann als nur Vollgas-Fußball. Viel früher als erwartet spielt er in England ganz oben mit

Liverpool/München. Der Nebel einer Leuchtrakete hing noch über dem Goodison Park, als Jürgen Klopp vor der Gästetribüne seinen nächsten Meilenstein als Trainer des FC Liverpool feierte. Sein Gesicht war verzerrt, die Faust flog durch die Luft: Vintage-Klopp, Einpeitscher und Aggressiv-Leader. Zuvor hatte es zwar eher gruseligen Fußball zu sehen gegeben – „nicht gerade den beste der Welt“, wie der Trainer zugab –, aber auch unbändigen Einsatz. Leidenschaft, Emotionen, und damit kann er natürlich dann doch wieder eine Menge anfangen. Zumal wenn es so ausgeht wie im Stadtderby bei Everton, nur eine Meile quer durch den Park von der Anfield Road: mit dem Siegtor in der Nachspielzeit.

Der Prestigeerfolg kurz vor Weihnachten hat Liverpool nach einigen leichten Punktverlusten wieder in die Spur gebracht, rechtzeitig zum englischen Fußballmarathon zwischen den Jahren. Nach einem Derby bei Everton war Klopps Vorgänger Brendan Rodgers vorigen Herbst auf Platz zehn gefeuert worden. Ein gutes Jahr später sind die Roten der ärgste Verfolger von Spitzenreiter Chelsea. Heute kommt Stoke City, an Silvester dann Pep Guardiolas Manchester City.

Am Anfang verbietet er Fans, vor Schlusspfiff heim zu gehen

Soweit die aktuellen Zahlen der „Kloppolution“, wie die Erneuerung des Vereins durch den Deutschen bisweilen genannt wird. Denn Klopp, das ist mehr als nur bessere Ergebnisse. Schon früh in seiner Amtszeit hat er sich etwa auch das Umfeld vorgeknöpft. Seit er einmal über das eigene Publikum herfiel, weil große Teile schon vor dem Schlusspfiff nach Hause gingen, traut sich das kaum noch einer. Auch der Gang der Mannschaft vor die Kurve hatte in England zuvor keine vergleichbare Ritualkraft wie in Deutschland, schon gar nicht bei den Trainern und dann noch mit so triumphalen Gesten wie im Goodison Park. Doch die Traditionalisten müssen sich längst damit zufriedengeben, dass wenigstens dabei nicht „Humba-Tätärä“ gesungen wird.

Aber stört es überhaupt irgendwen? Nicht im roten Teil von Liverpool. Der ist Klopps Charme seit dem ersten Tag ergeben, und seinen Trainerkünsten inzwischen auch. An wenigen Fußball-Standorten werden mutige Erneuerer so verehrt wie an der Anfield Road. Die ganze Größe des Vereins basiert schließlich auf so einer Figur.

Bill Shankly jedenfalls hat nicht erst sämtliche Paragraphen der Vereinssatzung konsultiert, als er 1959 begann, den damaligen Zweitligisten umzukrempeln. Shankly, autoritär, aber doch auch sensibel, Sozialist, berühmt für seine innovativen Trainingsmethoden wie für seine Obsessionen und Aphorismen („Fußball ist keine Sache auf Leben und Tod, er ist viel wichtiger“) begründete eine Dynastie, die bis 1998 nur Trainer sah, die ihm entweder im legendären „Boot Room“ assistiert oder zumindest für den Verein gespielt hatten. Sechs Europapokalsiege (vier im Landesmeistercup, heute: Champions League) und 13 Meisterschaften waren Ausbeute einer Dominanz, welche die chancenlosen Gegner insbesondere in den 1970er- und 1980er-Jahren als „red terror“ empfanden.

Seit 1990 wartet man allerdings auf die nächste Meisterschaft, und von Dominanz kann schon gar keine Rede mehr sein. Schon dass sich Klopp, einer der Trainerstars des Kontinents, überhaupt für Liverpool entschied, erfüllte die Anhänger daher mit Stolz. Als er dann auch noch – unbewusst, wie er später sagte – einen Schlüsselsatz des 1981 verstorbenen Shankly zitierte („Make the people happy“), rückte die Frage möglicher Parallelen weiter in den Fokus. Nun zog Steve Heighway, selbst noch Spieler unter Shankly, später lange Direktor von Liverpools Nachwuchsakademie und insgesamt über 40 Jahre im Verein, das Zwischenfazit: „Es gibt einen enormen Wandel bei Liverpool (durch Klopp, d. Red.). ... Und ich glaube, Shanks würde ihn gutheißen. Er würde das Ethos begrüßen. Den Arbeitsaufwand. Die Art, wie die Mannschaft spielt. Und die Art, wie der Nachwuchs integriert wird. Er würde das alles sehr mögen.“

Im Vergleich mit Nachfolger Tuchel wird er falsch bewertet

Seine Gabe zur Verschmelzung mit Verein, Fans und seiner Geschichte gibt Klopps Liverpool bislang einen X-Factor, der ihn mit besser besetzten Kadern wie denen von Chelsea, ManCity, Manchester United oder Arsenal mithalten lässt. Ein anderer Vorzug ist wie einst bei Shankly – der zu Zeiten des Kick-and-Rush kontrakulturell das „passing game“ predigte – die taktische Arbeit von Klopp und seinem Assistenten Zeljko Buvac. Anhand des Vergleichs mit seinem Dortmunder Nachfolger Thomas Tuchel wird Klopp in Deutschland ja bisweilen unterschwellig oder gar offen als eindimensional dargestellt. Das ist angesichts seiner Erfolge und etlicher strategischer Meisterleistungen gegen Bayern München oder Real Madrid nicht nur dreist, sondern auch schlichtweg falsch.

Bei Everton beispielsweise legte sich Liverpool einen Gegner langsam zurecht, der mit aller britischen Aggressivität genau dies verhindern wollte. Die Fortschritte des Teams sind unübersehbar, es ist längst mehr als „Vollgas“, „Gegenpressing“, „Heavy Metal“ oder die anderen Schlagworte aus dem Klopp-Lexikon. Wo es in seinen ersten Monaten die Gegner tatsächlich oft nur überpowern konnte, vermag es sie jetzt oft auch auszuspielen. Der Trainer variiert dabei die Systeme und hat aus manchen Spielern quasi neue Fußballer gemacht. Routinier James Milner, über ein Jahrzehnt ein Arbeitstier im Mittelfeld, gibt plötzlich einen formidablen Linksverteidiger ab. Der einst fragile Jordan Henderson wurde unter Klopp zum Anführer in der Zentrale.

Besonders augenfällig spiegelt sich Klopps Talent zur Spielerverbesserung auch an Roberto Firmino. Der Brasilianer wurde von der vermeintlichen Symbolfigur für Transferwucher (41 Millionen Euro bei seinem Wechsel vor anderthalb Jahren aus Hoffenheim) zu einem der besten Offensivspieler der Premier League. Seine Beweglichkeit und Kreativität spielte im Derby schließlich auch die Everton-Abwehr müde genug für Liverpools spätes Siegtor. Noch mehr wird von der Offensive wieder zu erwarten sein, wenn Firmino im neuen Jahr wieder sein Landsmann Philippe Coutinho zurückkehrt; Liverpools Starangreifer war wochenlang am Knöchel verletzt.

Auf der anderen Seite des Platzes verdiente sich die Stabilisierung der vorigen Saison bisweilen chaotischen Defensive ebenso großen Applaus. Nur bei einem Thema hat Klopp die Engländer noch nicht überzeugt, den Torhütern. Der von seinem Ex-Ex-Klub Mainz verpflichtete Loris Karius erweist sich bisher nicht als Verstärkung und hat den Stammplatz wieder an Simon Mignolet verloren, der seinerseits in den letzten Jahren konstant als Unsicherheitsfaktor galt. Zu beider Trost sei angefügt, dass auch Shanklys langjähriger Torwart Tommy Lawrence nicht frei von Fehlern war. Überliefert ist etwa folgender Dialog nach einem haltbaren Gegentor. Lawrence: „Sorry, Boss, ich hätte besser meine Beine zusammengehalten.“ Shankly erwiderte: Nein, Tommy, deine Mutter hätte besser ihre Beine zusammengehalten.“