London/Berlin

Der „Maximiser“ erobert London

Max Hopp, der beste deutsche Darts-Spieler, ist bei der WM in die zweite Runde eingezogen und nährt die Hoffnung, ein Boris Becker der Pfeile-Werfer zu werden

London/Berlin. Der „Maximiser“ hat den „Dutch Destroyer“ mit 3:1 bezwungen und trifft nun auf „The Hurricane“, der den „Jammie Dodger“ mit 3:0 abfertigte. Kenner wissen, hier ist von der Weltmeisterschaft der Darts-Spieler die Rede, die seit einer Woche im Alexandra Palace in London ausgetragen wird. Dort wird am 2. Januar der Champion mit einem Pokal, viel mehr aber mit einem Siegerscheck über 350.000 britische Pfund (ca. 411.000 Euro) gekrönt.

In der Welt der Darts-Spieler sind Allerweltsnamen traditionell Schall und Rauch. Gespielt wird im „Ally Pally“ und hinter dem „Hurricane“ verbirgt sich der Belgier Kim Huybrechts. Beim „Maximiser“, der mit seiner Familie in der 1200-Seelen-Gemeinde Kottengrün im Vogtland lebt und sich mit Abstand als bester deutscher Darts-Spieler bezeichnen darf, steht Max Hopp im Ausweis. Hopp ist Profi, gerade mal 20 Jahre alt, war 2015 Junioren-Weltmeister und ist, obwohl er schon zum fünften Mal bei der WM antritt, noch immer jüngster Teilnehmer des Turniers. Mit seinem Sieg gegen den 21 Jahre älteren „Dutch Destroyer“, der jetzt wieder abseits der großen Bühne Vincent van der Voort aus den Niederlanden heißt, landete der deutsche Youngster seinen bislang größten WM-Coup.

Noch vor zwei Jahren war Hopp von van der Voort mit 0:4 nach Hause geschickt worden. Dieses Mal gab er nur den ersten Satz ab und spielte in der Folge das wohl beste Match seiner Karriere. Als er den letzten Pfeil im Doppelfeld untergebracht hatte, ballte der „Maximiser“ beide Fäuste, schrie sich den aufgestauten Druck aus dem Leib und tanzte mit den deutschen Anhängern im Londoner Alexandra Palace zu seiner Einlaufmusik „Yaya Kolo“. In Gedanken war Hopp aber bei seinem wahrscheinlich größten Fan vor dem Fernsehgerät.

Erst ein Sturz auf den Kopf brachte ihn an die Scheibe

„Der Sohn meiner Freundin Christin wollte mit uns nach London kommen, aber er hat noch Schule in Deutschland“, sagte Hopp im Interview mit dem englischen TV-Sender Sky Sports und küsste sein Darts-Etui mit dem Foto seiner Lieben. „Er bat mich: ‚Bitte gewinne! Ich möchte mit euch zur zweiten Runde in den Ally Pally kommen’. Er war noch nie hier. Zur zweiten Runde wird er hier sein. Ich habe das alles für Justin gemacht.“ Für den WM-Traum des Elfjährigen wuchs Hopp nach dem ersten Satz über sich hinaus. Der gebürtige Idsteiner warf sechsmal 180, den maximalen Score, den man mit drei Pfeilen erzielen kann. Er nutzte die Fehler des bis dato für ihn nicht schlagbaren Kontrahenten eiskalt aus. War das Treffen der Doppelfelder, um ein Leg zu beenden, zuvor stets Hopps Schwäche, traf er sie diesmal bei mehr als der Hälfte seiner Versuche.

Er habe emsig an seinen Schwächen gearbeitet und sich auch auf die besondere Stimmung im Alexandra Palace vorbereitet, in dem sich die Fans in Kostümen aller Art und bei enormem Bierkonsum selbst feiern, hatte Hopp vor seinem Match gegen van der Voort versichert. „Du musst dir alles zutrauen, sonst brauchst du diese Bühne gar nicht erst zu betreten“, sagte er. „Die Fangesänge kommen wirklich auf der Bühne an. Manchmal fühlt sich deswegen ein verlorener Satz wie ein Schlag in den Bauch an.“ Diese Schläge bekam bald nur noch sein Kontrahent aus den Niederlanden ab. Angepeitscht von rund 300 deutschen Fans war in Hopps Gesicht die Zuversicht deutlicher erkennbar, während sein Gegner lamentierte.

Hopp wäre wohl nie der „Maximiser“ geworden, hätte ihn mit zwölf Jahren nicht ein Sturz auf den Kopf, der eine Bänderverletzung im Nackenbereich nach sich zog, als Handballer gestoppt. Als sein Vater ihm dann von einer Reise eine Dartscheibe mitbrachte, begann der Weg zum möglichen deutschen Darts-Pionier. Auf diesem Weg ist Hopp mit seinen 20 Jahren durch den Sieg gegen van der Voort wieder ein Stück voran gekommen. Darts boomt auch in Deutschland, und die Sehnsucht nach einer Galionsfigur, einer Art Boris Becker der Pfeile-Werfer, ist groß. Und wer, wenn nicht der „Maximiser“, könnte das sein? Allein 7500 Deutsche verfolgen in diesem Jahr die WM live im „Ally Pally“, in dem aus Platzgründen, so die Pläne der Professional Darts Corporation (PDC), die WM wohl zum letzten Mal ausgetragen wird. Der Deutsche Darts-Verband (DDV) zählt bereits über 10.000 Mitglieder, in München, Frankfurt oder Sindelfingen sind große internationale Turniere längst etabliert.

Die wachsende Ungeduld bekam Hopp bereits zu spüren. So wurde er im September in Mülheim nach einer herben Niederlage gegen van der Voort so lautstark ausgebuht, dass er sich in den sozialen Netzwerken für den Auftritt entschuldigte. „Das habe ich abgehakt“, sagt Hopp. Momentan entwickele „sich alles in die richtige Richtung. Eines Tages will ich diesen Wunsch nach einem deutschen Top-Spieler erfüllen, aber es wäre nicht hilfreich, mich selbst unter Druck zu setzen oder unter Druck setzen zu lassen.“ Natürlich wolle er „irgendwann Weltmeister werden“, sagt Hopp, der auf Rang 38 der Weltrangliste steht. Jetzt aber stehe nach einer besinnlichen Weihnacht zu Hause am kommenden Mittwoch (14 Uhr, Sport1) die Partie gegen die Nummer 13 der Welt, „Hurricane“ Kim Huybrechts, an. Hopp ist wieder Außenseiter, aber das war er gegen van der Voort ja auch.