Doppelinterview

„Der Sport war der einzige Lichtblick“

Füchse-Star Nenadic trifft Albas Milosavljevic: Ein Gespräch über die besondere Ballverliebtheit der Menschen vom Balkan.

Zwei am Ball: Petar Nenadic von den Füchsen (l) und Dragan Milosavljevic von Alba

Zwei am Ball: Petar Nenadic von den Füchsen (l) und Dragan Milosavljevic von Alba

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  Petar Nenadic (30) hat noch keine zwei Schritte in die Trainingsstätte von Alba Berlin gesetzt, da wird er schon mit großem Hallo von Basketball-Center Bogdan Radosavljevic begrüßt, obwohl der auf der anderen Seite der Halle gerade eine taktische Einweisung erhält. Als kurz darauf der Bosnier Elmedin Kikanovic hinzukommt, setzt auch er gleich zur Umarmung an.

Nenadic, Rückraumspieler der Füchse Berlin, ist hier offenbar bestens bekannt. Er und Dragan Milosavljevic (27), mit dem er heute verabredet ist, sind sogar Freunde. Die beide auch an Weihnachten arbeiten müssen und jeweils auf die Tabellenvorletzten treffen. Am zweiten Feiertag empfangen die Füchse daheim Coburg (15 Uhr, Schmeling-Halle). Auch Alba spielt zu Hause und trifft auf Rasta Vechta (15.30 Uhr, Mercedes-Benz Arena). Vorher sprechen der Handball-Profi und der Alba-Kapitän aber noch im Doppelinterview über freundschaftliche Bande zwischen Landsmännern aus dem ehemaligen Jugoslawien, ihre Jugend sowie die Stärke der serbischen Ballsportler.

Sie wirken sehr vertraut, kennen Sie sich schon länger?

Dragan Milosavljevic: Nein, erst seit ich 2015 hierher nach Berlin kam. Petar hat mich gleich angerufen und gefragt, ob ich Hilfe brauche.

Obwohl Sie sich gar nicht kannten?

Petar Nenadic: Mein ehemaliger Trainer aus Serbien hat mich darauf hingewiesen, dass Dragan herkommt. Da hilft man sich, das macht man so bei uns. Wir sind ein kleines Land.

Ein kleines Land, das in Ballsportarten ziemlich groß ist. Wie erklären Sie sich das?

Milosavljevic: Es ist das Einzige, das uns geblieben ist. Wirtschaftlich geht es dem Land schlecht, der Sport ist das einzig Positive. Wir sind eine talentierte Nation, wir haben den Sport in unserem Blut.

Nenadic: Niemand kann das richtig erklären. Vielleicht ist es uns von Gott gegeben. Als wir jung waren, gab es hinter jedem Gebäude einen Platz, wo man Handball, Basketball oder was auch immer spielen konnte. So hat es angefangen, denke ich.

Und wie haben Sie beide angefangen?

Nenadic: Ich hatte keine andere Chance als Handball zu spielen, da meine ganze Familie das gemacht hat – meine Mutter spielte zwar Basketball, aber nicht so lange. Ich habe mit sechs Jahren in der Schule angefangen.

Milosavljevic: Ich habe zuerst lange Fußball gespielt, mein Vater war auch Fußballer, genau wie mein Onkel. Ich bin erst mit 15 Jahren zum Basketball gewechselt.

Warum?

Milosavljevic: Ich habe das Fenster des Nachbarn zerschossen (lacht). Dann hat meine Mutter mir verboten, weiter Fußball zu spielen, ernsthaft, so war es. Aber am Ende war es ja eine gute Entscheidung, ich weiß nicht, ob ich es als Fußballer zum Profi geschafft hätte.

Wer sind Ihre Vorbilder im Sport?

Nenadic: Sasa Djordjevic, der Trainer von Bayern München. Er war ein großartiger Basketballer. Vorbilder sind aber überhaupt alle großen Sportler seiner Generation, vor allem die Wasserballer. Wir haben als Jungs alle davon geträumt, so wie sie zu sein.

Milosavljevic: Die Wasserballer haben Mitte der 90er-Jahre den internationalen Wasserball beherrscht. Das hat viel für unser Land bedeutet, das zu diesem Zeitpunkt in einer schlimmen Lage war mit dem Krieg. Sie waren der einzige Lichtblick. Alle haben zu ihnen aufgeschaut wie zu Göttern.

Wie oft schauen Sie sich in Berlin die Spiele des jeweils anderen an?

Milosavljevic: Das ist gar nicht so einfach, weil wir ja oft gleichzeitig spielen, aber ich habe schon Füchse-Spiele in der Max-Schmeling-Halle gesehen, und Petar war auch schon bei mir beim Basketball.

Nenadic: Wir sprechen allerdings nach fast jedem Spiel miteinander, wie es war.

Milosavljevic: Wenn einer gerade verloren hat, unternehmen wir auch gern was zusammen, um die Niederlage wieder zu vergessen.

Sie verfolgen beide die NBA, welches ist Ihr Lieblingsteam?

Nenadic: Die San Antonio Spurs. Sie haben eine große Tradition, ich mag die Art, wie sie spielen. Ich liebe Pau Gasol, ich bin sehr froh, dass er diese Saison dort unterschrieben hat. Ich habe ihn mal getroffen, als Iker Romero noch hier bei den Füchsen war. Wir waren zusammen beim Abendessen. Er ist so nett und ganz normal, obwohl er so erfolgreich ist und so viel Geld verdient.

Milosavljevic: Ich bin auch Spurs-Fan, auch wegen deren Trainer Gregg Popovich. Ich habe ein paar serbische Fernseh-Kanäle, auf denen einige Spiele übertragen werden.

Warum haben Sie sich 2015 für die deutsche Basketballliga entschieden?

Milosavljevic: Alba ist ein großer Name, Sasa Obradovic war zu der Zeit hier Coach. Er ist ein großartiger Trainer, außerdem kommt er aus meinem Land. Wenn man die Heimat das erste Mal verlässt, ist es total hilfreich, jemanden zu haben, der deine Sprache kennt. Ich hatte auch viel über die positive Entwicklung der deutschen Liga gehört.

Verfolgen Sie auch die Ligen in Ihrer Heimat, Herr Nenadic?

Nenadic: Ich kenne nicht mal fünf Spieler dort, ich schaue das nicht. Da kenne ich mehr Basketballspieler. Es sind so viele schlechte Menschen im serbischen Handball unterwegs, auch im Verband. Im Januar können wir nicht die WM mitspielen, dafür gibt es Freundschaftsspiele, ich werde aber nicht dabei sein. Ich nehme mir eine Auszeit für Kopf und Körper. Ich werde vielleicht noch ein, zwei Jahre zum Nationalteam gehen, aber dann ist genug.

Für Sie ist ja erst am 7. Januar Weihnachten – feiern Sie auch in Berlin?

Milosavljevic: Wir feiern zweimal. Jeder im Klub feiert Weihnachten, also mache ich natürlich mit. Und im Januar feiern sie dann mit mir.

Nenadic: Die Weihnachtsmärkte sind hier so toll, Glühwein, Wurst. Das haben wir so nicht in Serbien.

Wie feiert man Weihnachten in Serbien?

Milosavljevic: Bei uns ist es so, dass die erste Person, die am Weihnachtstag als Gast in dein Haus kommt, ein Geschenk erhält und bekocht wird, denn er ist sozusagen der Heilsbringer. Als Kinder sind wir früher den ganzen Tag herumgezogen, um in allen möglichen Häusern der erste Besucher zu sein. Das ist eine tolle Tradition.

Nenadic: Für die Familie oder Freunde gibt es am Neujahrstag Geschenke, an Weihnachten aber nicht.

Sie sind beide 1,98 Meter groß, haben ähnliche körperliche Voraussetzungen. Würden Sie gern mal für eine Woche die Rollen tauschen?

Milosavljevic: Ich würde das sofort machen, ich würde gern mal wieder einen anderen Sport ausprobieren.

Nenadic: Sofort.

Milosavljevic: Handball habe ich zuletzt in der Schule gespielt, und so wie die Profis spielen, ist das ganz schön riskant, das bin ich nicht gewöhnt. Vielleicht würde ich eher als Wasserträger eine Verwendung finden. Petar könnte meine Position spielen. Er hat einen ganz guten Wurf. Der Ball geht zwar nicht rein, aber es sieht gut aus (beide lachen).

Welches ist der härtere Sport, Basketball oder Handball?

Nenadic: Handball.

Milosavljevic: Ich würde auch sagen, Handball. Der Kontakt ist schon extrem.

Sie haben die Kriege in den 1990er-Jahren im ehemaligen Jugoslawien miterlebt. Es gibt Sportler, die geflohen sind, auch nach Deutschland zum Beispiel. Sie sind in Serbien geblieben, warum?

Nenadic: Das ist ein Teil der Geschichte, über den ich nicht gern rede. Wir hatten keine Chance zu fliehen. Die Grenzen waren geschlossen. Wo hätten wir hingesollt, ohne zu wissen, wie sich das entwickelt?

Milosavljevic: Vom ersten Krieg zwischen Serbien, Bosnien und Kroatien habe ich noch nicht so viel mitbekommen. Der Kosovo-Krieg, als wir auch bombardiert wurden, war dramatisch für alle. Doch es mag kurios klingen, es war auch die beste Zeit meines Lebens: weil wir nicht in die Schule mussten. Ich konnte die ganze Zeit mit meinen Freunden spielen. Aber natürlich war das eine schreckliche Zeit für das Land. Wir können froh sein, dass wir sie überlebt haben.

Nenadic: Vielleicht sind wir auch deshalb so gute Sportler. Weil wir verstehen, was es heißt zu kämpfen. Vielleicht kämpfen wir mehr als andere.