Fellbach

„Ich möchte nicht als Wrack enden“

Olympiasieger Fabian Hambüchen über sein nahendes Karriereende, Zukunftspläne und seine Chancen, heute in Baden-Baden Sportler des Jahres zu werden

Fellbach. Olympia. Rio. Das Reck. Dann diese Ein-Mann-Show. Selbst die Brüder Grimm hätten das goldene Kapitel von Fabian Hambüchens letzter großer Kür nicht schöner schreiben können. „Märchenhaft“ nennt der 29-Jährige selbst auch knapp vier Monate danach seinen größten Triumph. Eine Begegnung im schwäbischen Fellbach bei Cappuccino und Beerentee. Eine Stunde mit dem Mann, dem das ganze Land dabei zugeschaut hat, wie er sich vom Bengel mit Schlaubergerbrille zum stärksten Turner der deutschen Sportgeschichte entwickelt hat.

Auf einem neuen Facebook-Video ist zu sehen, wie Sie wie Tarzan durch die Halle schweben. Vom Reck fliegen Sie mitten aus dem Schwung sechs Meter durch die Luft zu den Ringen. Haben Sie doch noch Größeres vor?

Fabian Hambüchen: Auf solche Ideen kommt man zwischendurch. Mein Vater ist gerade in Japan unterwegs, da kann ich mal so etwas Verrücktes versuchen (lacht).

Es sieht nicht nach einem schnellen Abschied vom Turnen aus.

Nein, dazu liebe ich diesen Sport zu sehr. Meine internationale Karriere ist seit Olympia vorbei, aber ich habe danach noch in der Bundesliga geturnt. Weihnachten fahre ich zwei Wochen in den Urlaub, und danach sehen wir weiter. Vieles ist in der Schwebe. Nach wie vor habe ich Schulterprobleme, im Januar wird sich herausstellen, ob ich operiert werden muss und wie es weitergeht. Ich möchte jedenfalls nicht als Wrack enden, das später nicht einmal seine eigenen Kinder hochheben kann.

Eine wichtige Entscheidung steht in diesem Sportjahr noch an. Die Wahl zum Sportler des Jahres an diesem Sonntag in Baden-Baden. Welche Chancen rechnen Sie sich aus?

Ich hoffe, dass bei dieser Wahl tatsächlich die sportliche Leistung honoriert wird und ich mit meinem Olympia-Gold gute Chancen habe, unter die Top drei zu kommen. Leider weiß man ja nie, was passiert. Die größten Konkurrenten dürften Nico Rosberg und Jan Frodeno sein.

Sie gelten als authentischer Typ. Ganz Deutschland hat Ihnen die Goldmedaille in Rio gegönnt. Wie haben Sie es geschafft, so ein makelloses Image zu bekommen?

Mir war immer wichtig, offen und ehrlich zu sein. Dazu gehört es auch, die eigene Meinung zu sagen. Ich bin nie abgehoben. Auch mit 16, 17 nicht, obwohl das ein gefährliches Alter ist. Als es den ersten medialen Hype um mich gab, bin ich gerade in die Oberstufe gekommen. Spätestens mit der ersten Fünf bin ich wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet.

Würden Sie im Rückblick alles wieder genau so machen?

Grundsätzlich ja. Sicherlich entwickelt man sich weiter und überdenkt einige Sachen. Aber ich würde nichts anders machen. Ich bereue nichts.

Auch nicht Ihre Biografie mit teils sehr persönlichen Einblicken, die Sie schon mit 22 Jahren veröffentlicht haben?

Hätte ich ein reines Sportbuch gemacht, hätte das doch keinen interessiert. Ich habe genau überlegt, was aus meinem Privatleben erzählt werden kann. Keiner ist dabei schlecht weggekommen, auch Ex-Freundinnen nicht. Das war mir sehr wichtig. Es stehen Überlegungen an, jetzt zum Karriereende ein weiteres Buch zu schreiben.

Haben Sie schon eine Vorstellung, wie Ihre berufliche Zukunft aussehen könnte?

Ich mache mir viele Gedanken. Optionen gibt es einige. Zunächst möchte ich mein Sportstudium in Köln beenden, da ist einiges auf der Strecke geblieben. Dann schnuppere ich bei meinem Manager Klaus Kärcher in die Arbeit, kann mir aber auch etwas in den Medien vorstellen oder im Trainerbereich. In drei Jahren geht mein Vater in Rente. In Wetzlar würden sie sich wahrscheinlich freuen, wenn ich seinen Job übernehmen würde.

Gibt es im Sportstudium Dinge, die selbst einem Olympiasieger nicht liegen?

Alles außer Turnen (lacht). Nein, das stimmt nicht ganz. Vieles klappt ganz gut. Aber beim Schwimmen wäre ich fast ertrunken. Ich liege eher senkrecht im Wasser als waagerecht. Der 10-Kilometer-Lauf ist nicht so mein Ding, und ich bin kein großer Tänzer.

Glauben Sie, dass das Turnen in Deutschland von den emotionalen Olympischen Spielen profitiert hat? Zuerst der Auftritt des verletzten Andreas Toba und dann Ihre Goldshow. . .

Das kann ich schwer beurteilen. Wir hatten in Rio und danach eine riesige Medienpräsenz, jetzt muss der Turnerbund etwas daraus machen. Die Frage ist ja auch, ob das neue Leistungssportkonzept etwas bringt.

Sind Sie skeptisch?

Ich erkenne einige gute Ideen, beispielsweise dass gesagt wird, individueller auf Sportler und Trainer eingehen zu wollen. Ich finde, dass man jetzt nicht nur auf die Ergebnisse von Rio schauen darf. Wir sind Menschen, keine Objekte. Es bringt doch nichts, ein Computerprogramm entscheiden zu lassen, wer welche Unterstützung bekommt. Gerade hacken alle auf den Schwimmern rum, aber die werden sicher nicht besser, wenn man bei ihnen die Mittel kürzt. Da entscheiden Amateure über Profis. Ich wünsche mir ein größeres Mitspracherecht der Athleten.

Würden Sie sich einbringen?

Klar. Ich würde alles für die Zukunft der deutschen Turner tun und anbieten, talentierte Sportler zu sichten. Da dürfen die Verantwortlichen gern auf mich zukommen.

Welche Folgen wird es denn für das Turnen in Deutschland haben, wenn Sie als bekanntestes Gesicht nicht mehr dabei sind?

Ich kann nur hoffen, dass es auch ohne mich erfolgreich weitergeht. Ohne viel Arbeit an der Basis wird es nicht gehen. Im Turnen ändert sich gerade sehr viel, der Mehrkampf wird eine größere Rolle spielen. Marcel Nguyen macht weiter, das ist gut, und wir haben Lukas Dauser, das ist ein Junge mit sehr viel Potenzial.

Wird es den olympischen Sportarten schaden, dass ARD und ZDF aus der Live-Berichterstattung von den Spielen aussteigen?

Ich bedaure das. Sicherlich hat auch Eurosport schon bewiesen, dass es etwas vom Turnen versteht, aber die Öffentlich-Rechtlichen waren doch ein sehr eingespieltes Team. Ich befürchte, dass gerade die älteren Zuschauer Eurosport nicht so sehr auf dem Schirm haben und deshalb Olympia weniger intensiv verfolgt wird. Unsere Chance ist das Internet mit seinen Live-Streams. Ich hoffe, dass sich da noch einiges entwickeln wird.