Osaka/Barcelona

Zidane führt Real Madrid ins Schlaraffenland

Titel bei Klub-WM soll starkes Premierenjahr als Trainer krönen

Osaka/Barcelona. Auch Florentino Perez ist mit in Japan, wo dieser Tage die Klub-WM gespielt wird. Seinen Spielern redete Real Madrids Präsident vor dem Halbfinale des Champions-League-Siegers gegen Club America aus Mexiko noch mal persönlich ins Gewissen: „Dieser Titel ist sehr wichtig für uns“. Prestige, Strategie – wer seinen Verein so gern als „universales Gefühl“ verkauft wie Perez, der kann es gar nicht erwarten, wieder den Weltpokal auf sein Trikot nähen zu dürfen. Nach dem Gewinn der Champions League und der Auszeichnung von Cristiano Ronaldo mit dem Goldenen Ball steht Real gewissermaßen vor dem planetarischen Triple.

Schön gespielt wird nur selten, aber das Klima im Team stimmt

Dieses gelang zwar schon 2014 ¬– doch in der Zwischenzeit ist so viel passiert, dass der möglichen Neuauflage fast schon etwas Irreales anhaftet. Im Dezember vor einem Jahr forderten viele Anhänger den Rücktritt des Präsidenten. Universalheilsbringer Perez hatte einen desaströsen Trainerwechsel von Carlo Ancelotti auf Rafael Benitez zu verantworten sowie eine Mannschaft, die den Namen kaum verdiente. Ein Aufstellungsfehler im Pokal mit folgendem Turnierausschluss und eine Transfersperre wegen verbotener Einschreibung minderjähriger Spieler vertieften den Eindruck eines Klubs ohne Kompass, womöglich am Beginn einer langen Krise.

Doch dann machte Perez auf einmal etwas richtig: am 4. Januar berief er Zinedine Zidane zum Chefcoach. Und es wurde Licht. Wenn der Franzose sich schon als Aktiver unter die Legenden der Real-Gemeinde spielte, dann hat er sich als Trainer eine eigene Kathedrale verdient. Klar, administrative Probleme kann auch Zidane nicht lösen. Aber dafür ist der Fußballplatz bei Real ja momentan ein Schlaraffenland. Mit aktuell 36 Spielen ohne Niederlage wurde ein Klubrekord aufgestellt. Zwar sind die Darbietungen oft medioker, auch das 2:0 gegen Club America mit einem Ronaldo-Treffer in der Nachspielzeit bot nichts Aufregendes (Finale am Sonntag gegen Kashima Antlers/Japan). Taktisch gehen von Zidane gewiss keine bahnbrechende Impulse aus, Schlüsselpartien wie das Champions-League-Finale wurden mit zweifelhaften Meriten gewonnen (Abseitstor und Elfmeterschießen) – aber als am Sonnabend nach dem letzten Ligaspiel des Kalenderjahres Deportivo La Coruna das Bernabeu verließ, war gewonnen worden. Ob man gut spielt oder schlecht, die Ergebnisse stimmen, und das kann über so einen Zeitraum längst nicht mehr Glück oder Zufall sein.

Zu Zidanes Qualitäten gehört, dass er diese Erkenntnis keinem hinter die Ohren schreiben muss. Auch von maliziösesten Fragen fühlt er sich nie angegriffen, das hat er sich nicht zuletzt von seinem ehemaligen Chef Ancelotti abgeschaut. „Ja, ich bin ein Glückspilz“, entgegnet er also etwa, und lächelt sein charismatisches Lächeln, das bei Real inzwischen alle Detailanalysen ersetzt. Den Spielern scheint er mit dieser Haltung ein Beispiel zu geben, das alle Kollateraleffekte einer Anstellung am Königshof bändigt: den Stress, die Paranoias, die Überhöhungen, selbst den gefürchteten Star-Egoismus. Der Präsident machte sogar noch etwas richtig: er verzichtete im Sommer ausnahmsweise auf die übliche Shoppingtour. Auch das nahm viel heiße Luft aus dem Betrieb. „Das Feeling unter uns Spielern ist jetzt besser, wir sind auf einer Wellenlänge“, benennt Kapitän Sergio Ramos den zentralen Unterschied zu Lage vor einem Jahr. Elf Freunde müsst ihr sein – gilt die alte Weisheit etwa doch noch? Dass diese vorweihnachtliche Frage ausgerechnet von Real Madrid kommt, ist mindestens so wundersam wie dessen Comeback.