London

Darts-WM: Verrückte Tage im Ally Pally

Am Donnerstag beginnt die WM im Darts. Der Niederländer Michael van Gerwen ist Favorit in London.

25 Turniersiege in einem Jahr: Michael van Gerwen

25 Turniersiege in einem Jahr: Michael van Gerwen

Foto: imago/Action Plus

London. Einhundertachtzig, dreimal die Dreifach-Zwanzig, so lautet ein Ergebnis, das Hobby-Dartsspieler nie erreichen werden. Das aber von diesem Donnerstag an wieder aus den Lautsprechern im Londoner Alexandra Palace alias „Ally Pally“ dröhnen wird, auf englisch natürlich und schön lang gezogen: „Onehundredandeeeeeightyyyy“! Unter dem Jubel von rund 3000 begeisterten Fans, wenn einer ihrer Lieblinge die Pfeile mit höchster Perfektion in der Scheibe aus gepressten Pflanzenfasern versenkt hat. Bis zum Finale am 2. Januar ist WM-Zeit, für sie und Millionen Fernsehzuschauer auch in Deutschland die schönste Zeit des Jahres.

Geht es nach dem deutschen Außenseiter Max Hopp, kann den Titel nur einer gewinnen. „Wenn es normal läuft, ist Michael nicht zu schlagen“, sagt der 20-Jährige aus Idstein in Hessen. Michael van Gerwen also, Mighty Mike aus den Niederlanden, der massige Mann mit dem kahlen, glänzenden Schädel. Der Weltmeister von 2014. Doch was ist schon normal bei dieser Veranstaltung, bei der das Bier in Strömen fließt, das Publikum in Schlumpfanzügen oder anderen bunten Verkleidungen seine Stars, aber vor allem sich selbst feiert? Auch nicht immer der sportliche Verlauf. Im vergangenen Jahr scheiterte der hohe Favorit schon im Achtelfinale. Es gewann der Schotte Gary Anderson (45). Der hatte van Gerwen bereits zwölf Monate zuvor die 20 Kilogramm schwere Sid Waddell Trophy entrissen.

Allerdings ist der Niederländer noch nie zuvor mit einer derartig beeindruckenden Bilanz in die englische Hauptstadt gereist wie dieses Mal. 25 Turniersiege hat der 27-Jährige nach der Schmach vom vergangenen Jahresende aneinandergereiht. „Dass die Leute sagen, Michael ist der Beste, ist gut für mich. Es nimmt mir den Druck“, behauptet Anderson trotzig. Und selbst wenn er seinen Titel verliert: „Ich hatte die Trophäe für die vergangenen 24 Monate. Das ist großartig.“

Der Sieger erhält einen Scheck über 420.000 Euro

Schon nicht mehr auf der Rechnung haben die meisten Beobachter Phil „The Power“ Taylor, den mittlerweile 56 Jahre alten Publikumsliebling. Der Engländer hat einst Toilettenpapierhalter zusammengeschraubt, bevor er sein Hobby Darts zu seinem Beruf machte, unglaubliche 16 Mal den WM-Titel gewann, ein Rekord für die Ewigkeit. Taylor ist das Gesicht der Darts-Bewegung und immer noch ein Mann, der an einem guten Tag jeden Gegner besiegen kann. Doch eine Weltmeisterschaft ist länger als früher, die Konkurrenz ist stärker als früher, der Held ist älter als früher. Nein, wenn jemand in die Phalanx von Anderson und van Gerwen eingreifen kann, sind es eher der Schotte Peter Wright, der Niederländer Raymond van Barneveld oder Mensur Suljovic, gebürtiger Serbe, jetzt Österreicher, der Shooting-Star der Pfeilewerfer.

Die Deutschen sind noch nicht so weit, in den Titelkampf einzugreifen. Nicht Max Hopp, Nummer 38 der Weltrangliste, dem aber die Zukunft gehört. Erst recht nicht WM-Debütant Dragutin Horvat aus Kassel. Doch Deutschland hat ebenfalls einen großen Aufschwung im Darts erlebt. „Die deutschen Spieler werden immer besser“, hat nicht nur Taylor festgestellt, „ihr braucht jetzt Spieler wie Max Hopp. Wenn er das WM-Finale erreichen würde, könnte das dem Sport großen Auftrieb geben.“

Das ist nett gesagt, scheint aber noch unrealistisch. Wahrscheinlicher, dass der junge Mann öfter den Klang der „Onehundredandeeeeeightyyyy“! zu hören bekommt. Der übertragende Sender Sport1 rechnet wieder mit rund zwei Millionen Zuschauern in der Spitze. Und alle sehnen den zweiten Tag des neuen Jahres herbei, wenn der Champion gekürt wird. Der Sieger erhält übrigens einen Scheck über 350.000 britische Pfund (rund 420.000 Euro), insgesamt geht es um 1,65 Millionen (zwei Millionen Euro).