Fußball

Oliver Bierhoff: „Es ist zu viel Gier im Markt“

Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff sieht die Entwicklungen im Profifußball eher skeptisch.

Oliver Bierhoff

Oliver Bierhoff

Foto: DPA

Nie war in der Fußballbranche mehr Geld im Umlauf als derzeit. Die Bundesliga erhält durch den neuen TV-Vertrag ab Sommer 1,41 Milliarden Euro jährlich. Durch die Champions-League-Reform darf Deutschland ab 2018 vier feste Startplätze in das Millionenspiel entsenden, das vor allem die reichen Klubs noch reicher macht. Daneben steht die deutsche Nationalmannschaft als Flaggschiff des deutschen Fußballs. Die Morgenpost sprach mit Oliver Bierhoff (48), dem Manager des Weltmeisters, über die Gefahren, die die Entwicklung mit sich bringt.

Die Vereine müssen zuerst sehen, dass ihr eigenes Geschäft läuft. Bayern München und Borussia Dortmund sind zum Beispiel gegen die Vermarktung ihrer deutschen Nationalspieler, weil sie die Gehälter bezahlen. Ist das nicht ein Problem?

Oliver Bierhoff: Mich stört, wenn der Eindruck erweckt wird, die Nationalmannschaft nimmt nur – und wir geben nichts zurück. Allein in punkto Bekanntheitsgrad und Image profitiert ein Verein etwa in der Auslands-Vermarktung von jedem einzelnen Nationalspieler. Selbst wenn man sich überlegt, was Olympia bewirkt hat: Der Wert von einzelnen Spielern ist enorm gestiegen. Und das hilft, damit die Bundesliga weiterhin so attraktiv ist. Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg des deutschen Fußballs besteht ja gerade in dem solidarischen Miteinander zwischen Profis und Amateuren. Im Grundlagenvertrag zwischen DFB und Liga sind sämtliche Geldströme geregelt, beide Seiten profitieren voneinander. Aber ich sehe auch gefährliche Tendenzen im deutschen Fußball. Die Fehler werden oft im Erfolg gemacht. Wir sind Weltmeister, wir haben einen hervorragenden TV-Vertrag für die Bundesliga, und plötzlich entwickeln sich Begehrlichkeiten, Eifersüchteleien, es entsteht Streit.

Besteht die Gefahr tatsächlich?

Es geht um Geld, um Positionen und Marktanteile. Alles Dinge, die wir in den Jahren vorher in Ruhe geregelt haben. Ich glaube, wir müssen echt aufpassen. Der Fan hat ein sehr feines Gespür. Wenn der Fan irgendwann merkt, dass er zwar von überdachten Tribünen und einer schnellen Bratwurst im Stadion profitiert, aber die Substanz und Ehrlichkeit des Spiels verloren zu gehen drohen, wendet er sich ab. Da müssen wir aufpassen. Die Unterstützung der Fans ist kein Selbstläufer. Das haben wir ja auch schon bei den Länderspielen ein wenig gespürt.

Woran?

Dass unsere Spiele auch nicht immer ausverkauft waren, diese Signale müssen wir ernst nehmen. Der deutsche Fußball braucht das Miteinander, um erfolgreich zu bleiben. Für den DFB sind die Einnahmen aus der Vermarktung der Nationalmannschaft essenziell, um den zahlreichen gesellschaftlichen Verpflichtungen – gerade an der Basis – gerecht werden zu können. Das Geld, das wir mit der Nationalmannschaft einnehmen, bleibt ja nicht bei der Nationalmannschaft. Im Moment ist viel zu viel Gier im Markt. Ich hoffe, dass wir wieder mehr aufeinander Rücksicht nehmen, dass auch die Liga und die Vereine verstehen, dass wir Freiräume brauchen. Nicht um goldene Wasserhähne zu kaufen, sondern um den Fußball in der Breite zu unterstützen. Wir stehen als deutscher Fußball vor großen Herausforderungen.

Hilft es, wenn ein Bundesligist wie RB Leipzig derart kommerziell ausgerichtet ist?

Auch ich bekenne mich zu Vermarktungs-Konzepten, natürlich gibt es immer auch wirtschaftliche Interessen. Ich habe mich schon vor zehn Jahren nicht unkritisch gegenüber der 50-plus-1-Regel geäußert. Grundsätzlich halte ich es für sinnvoll, wenn Menschen wie Dietmar Hopp oder Dietrich Mateschitz Geld in den Fußball investieren. Solange Konzepte und klare Ideen hinter den Investitionen stecken und das Geld im Kreislauf des Fußballs bleibt, sehe ich das positiv. Ich fände es vermessen, wenn man jetzt 30.000 oder 40.000 Leipzig-Fans sagt: „Das, was ihr da feiert, ist gar nicht richtig. Das ist nämlich keine Tradition.“ Tradition ist gut und hat seinen Wert. Auch für den DFB, auch wir halten die Tradition hoch. Aber sie darf kein Selbstzweck sein, sie darf nicht dazu führen, dass man die Augen vor aktuellen Entwicklungen verschließt. Sonst gäbe es Google oder Apple nicht. Gute Arbeit müssen die auch in Leipzig abliefern.

Wann ist zu erwarten, dass Nationalspieler aus Leipzig kommen?

Wir hatten das ja schon mit Hoffenheim. Wenn man sich überlegt, wo Hoffenheim herkam und wie schnell die dann auch Nationalspieler hervorgebracht haben. Insofern: Wenn Leipzig diese positive Entwicklung weitermacht, kann es schnell gehen. Jeder junge Spieler kann sich in einem gut strukturierten und geführten Umfeld gut bewegen. Das gilt für Mönchengladbach genauso wie für Leipzig.

Wenn dann so eine Schwalbe wie zuletzt bei Leipzigs Profi Timo Werner passiert, denkt man da als DFB-Manager: Wo habe ich versagt, dass er so eine Charakterschwäche zeigt?

Ich würde dem Spieler nichts vorwerfen. Ich war ja selber Spieler. Das sind Hundertstelsekunden, in denen man eine Entscheidung trifft. Er ist ein junger Spieler: Da kann er in einem solchen Moment gewisse Dinge vielleicht noch nicht so einschätzen. Wir Verantwortlichen müssen ständig daran arbeiten, dass wir für Verstöße gegen Fairplay, Provokationen, das Wälzen auf dem Platz nicht auch noch Unterstützung oder gar Akzeptanz zeigen.

Das hieße doch, dass die Vereine mehr in der Pflicht stehen, so etwas zu vermeiden.

Ich bin ganz sicher, dass bei RB Leipzig kein Spieler dazu aufgefordert wird, Schwalben zu machen. Mit Blick auf unsere Nationalspieler kann ich nur sagen, dass sie insgesamt unglaublich respektvoll untereinander und mit den Gegnern umgehen. Ich habe noch keinen Fall gesehen, wo ich sagen würde: Da schäme ich mich für einen Spieler.