Berlin

Du hast mich Mal begeistert1000

Warum der Sieg gegen die Eisbären Bremerhaven für Alba Berlin und 11.000 Fans etwas ganz Besonderes war

Berlin. Ismet Akpinar hatte offenbar genug. Achtzehn Sekunden blieben dem 21-Jährigen, um die besondere Zahl mit einer weiteren besonderen Zahl in eine vollends runde Sache zu verwandeln. Doch der junge Spielmacher von Alba Berlin dribbelte nur mit dem Basketball über die Mittellinie und verharrte dann auf der Stelle, statt mit einem Dreipunktewurf oder einem Pass auf einen anderen Distanzschützen möglicherweise den schönen Nachmittag zum 100:71 zu krönen. Aber geschenkt, Eisbären Bremerhaven, es wurde nichts aus dem ersten „Hunderter“ dieser Saison in regulärer Spielzeit. Die Mannschaft von Trainer Ahmet Caki gewann gegen die Norddeutschen 97:71 (55:33). Es war der 1000. Pflichtspielsieg in der Geschichte von Alba Berlin.

„Wirklich, 1000?“, gab sich Geschäftsführer Marco Baldi erstaunt, „das ist ja schön, aber ich wusste es gar nicht.“ Ausgerechnet er, der von Beginn an dabei war und kaum ein Spiel verpasst hat. Es wurde auch vor dem Anpfiff keine große Sache daraus gemacht. Im Programmheft zur Partie tauchte die ominöse Zahl nur ganz unauffällig am Ende eines Berichts auf, als wäre sie nichts Besonderes.

Vielleicht hat man bei Alba aber auch einfach nicht vergessen, dass man einmal, im Mai 1997, voller Vorfreude ein großes Fest in der Schmelinghalle vorbereitet hatte; die Luftballons hingen schon unter der Hallendecke. Doch dann verloren die Berliner das dritte Play-off-Finale um die Deutsche Meisterschaft gegen Bonn, machten den ersten Titelgewinn erst in der alten Hauptstadt beim vierten Aufeinandertreffen perfekt. Seither ist die Lust an solchen Vorbereitungen offenbar vergangen.

Macht der Verein so weiter, ist 2041 der 2000. Sieg fällig

Etwas ganz Besonderes ist die Zahl 1000 aber schon, denn es brauchte ja immerhin mehr als 25 Jahre, um sie zu erreichen. Macht der Verein so weiter, wäre ungefähr im Jahre 2041 mit dem 2000. Erfolg zu rechnen – dies nur, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viel Zeit vergangen ist. Insgesamt hat der Klub 1519 Pflichtpartien in Bundesliga, Play-off, deutschem Pokal und europäischen Wettbewerben bestritten. Davon endeten vier mit einem der im Basketball sehr seltenen Unentschieden. Den 500. Sieg feierten die Berliner am 1. November 2003 beim 80:70 in Köln. Damals waren sie noch Deutscher Meister.

Von einem solchen Titel scheinen sie momentan weit entfernt zu sein; Brose Bamberg hat die Rolle des Platzhirschs im deutschen Basketball übernommen. Doch Alba ist immerhin auf einem guten Weg, wieder zu einem Spitzenteam zu werden. Am Sonntag gegen Bremerhaven spielte die Mannschaft wie aus einem Guss, bot vermutlich ihre stärkste Saisonleistung. „Das war unser erster richtig klarer Sieg“, freute sich Baldi, „wir kämpfen noch immer mit unserer Stabilität, das heute hat gut getan, gerade vor unseren eigenen Fans.“

Die meisten der knapp 11.000 Zuschauer in der Mercedes-Benz Arena standen schon vor dem Ende der Partie von ihren Plätzen auf und applaudierten der Mannschaft. Von Beginn an hatten die Spieler gut verteidigt und auch in der Offensive Beweise für ihr immer besseres Zusammenspiel geliefert, das teilweise bereits sehr spektakulär anzusehen ist. Besonders zufrieden war Caki mit dem zweiten Viertel, als sein Team 30 Punkte erzielte, aber den Gegner bei nur 15 Punkten hielt. „So ein Spiel und so ein klarer Sieg sind sehr gut für unser Selbstvertrauen“, sagte der Türke.

Und wenn es mal läuft, dann kommen auch die oft riskanten Pässe von Spielmacher Peyton Siva an, die Dunkings von Malcolm Miller (mit 15 Punkten treffsicherster Berliner) oder Tony Gaffney reißen das Publikum mit. Und ein Distanzwurf von Niels Giffey mit der Halbzeitsirene fällt eben noch in den Bremerhavener Korb, statt vom Ring abzuprallen. Neben Miller trafen Elmedin Kikanovic (13), Akpinar, der neuverpflichtete Carl English bei seiner viel versprechenden Heimpremiere (je 11), Dragan Milosavljevic, Gaffney (je 10) und Giffey (9) am besten.

Vor zwei Jahren erwischte es sogar die San Antonio Spurs

„Albas Sieg war auch in der Höhe verdient“, sagte Eisbären-Trainer Sebastian Machowski. Der 44-Jährige hat selbst viele Siege mit dem Klub gefeiert, der gebürtige Berliner spielte hier von 1991 bis 1996. Am ersten großen Triumph, dem Korac-Cup-Sieg 1995 vor 10.000 Zuschauern in der Deutschlandhalle, war er beteiligt. Jene Saison war so etwas wie die Geburt des in Europa bis heute hoch geachteten Vereins Alba Berlin. Denn es folgten viele weitere denkwürdige Siege, allen voran das 62:61 in der Schmelinghalle gegen den späteren Europaligachampion Olympiakos Piräus mit den Berliner Helden Marko Pesic und Wendell Alexis. Alle großen Klubs des Kontinents haben in der Sömmering-, der Schmelinghalle oder der Arena am Ostbahnhof vorgespielt. Und fast alle haben mindestens einmal hier verloren.

Sogar der NBA-Champion San Antonio Spurs, und das ist erst gut zwei Jahre her. Wer den achtmaligen Deutschen Meister und neunmaligen Pokalsieger Alba Berlin in den Basketball-verrückten USA bis dahin noch nicht kannte, der kennt ihn seither. Wer ein wenig den Zeiten hinterhertrauert, als Alba noch das Maß der Dinge in Deutschland war, der sei daran erinnert, dass die 11.000 Fans an diesem Sonntag vermutlich in ganz Europa nicht übertroffen wurden bei einem Basketballspiel. Und Siege fühlen sich immer noch genauso gut an wie früher.