Doping

Wird Russland von Olympia 2018 ausgeschlossen?

Der zweite Teil des McLaren-Reports zeigt das Ausmaß des russischen Staatsdopings. Die Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen.

Tennis-Profi Maria Sharapowa führt als Fahnenträgerin das russische Team 2012 ins Olympiastadion von London. Sie ist derzeit gesperrt

Tennis-Profi Maria Sharapowa führt als Fahnenträgerin das russische Team 2012 ins Olympiastadion von London. Sie ist derzeit gesperrt

Foto: Jonathan Brady / dpa

London/Berlin.  Die Redensart „voll wie 1000 Russen“ ist eine gängige Umschreibung, wenn Menschen zu tief ins Glas geschaut haben. Will man es flapsig formulieren, könnte der zweite Teil des McLaren-Reports, der am Freitag im St. Pancras Renaissance Hotel in London veröffentlicht wurde, mit dieser Redensart überschrieben werden.

Der Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), Richard McLaren, benennt das wichtigste Ergebnis seines Reports so: „Mehr als 1000 russische Sportler profitierten in den Jahren 2011 bis 2015 von der Dopingverschwörung in Russland.“ Die Morgenpost fasst die wichtigsten Fakten des McLaren-Reports zusammen und beleuchten die möglichen Folgen für den Weltsport.

Was sind die schwerwiegendsten Untersuchungsergebnisse?

Mehr als 1000 russische Sportler haben von der „systematischen und zentralisierten Vertuschung und Manipulation des Dopingkontrollprozesses profitiert“. McLaren, ein Jurist aus Kanada, spricht von einer „institutionellen Verschwörung“.

Wer war an dieser Verschwörung beteiligt?

Die Sportler selbst, russische Offizielle im Sportministerium, die Nationale Anti-Doping-Agentur, das Moskauer Kontrolllabor und sogar der Inland-Geheimdienst FSB, der auch schon im ersten Teil des McLaren-Berichts am 18. Juli schwer belastet worden war. Der FSB hat bei der Manipulation der Dopingproben geholfen.

Grigori Rodschenkow, der frühere Chef des Moskauer Kontrolllabors, hat bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi durch ein Loch in der Wand Dopingproben erhalten, den Urin in die Toilette gekippt und durch sauberen Urin, den er in Wasserflaschen oder Babyfläschchen erhalten hat, ersetzt.

Gab es auch Medaillengewinner bei Olympischen Spielen, die von der Manipulation profitiert haben?

Ja. Dopingtests von zwölf russischen Medaillengewinnern, darunter vier Goldmedaillengewinner, sollen bei den Winterspielen in Sotschi manipuliert worden sein.

Sind nur die Olympischen Spiele in Sotschi betroffen?

Nein. Auch bei der Universiade 2013, der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2013 in Moskau sowie den Olympischen Sommerspielen 2012 in London soll es zum Austausch von Dopingproben gekommen sein. „Das russische Team hat die Spiele von London in einer Weise korrumpiert, die nie dagewesen ist. Das ganze Ausmaß wird wohl nie bekannt werden“, sagt McLaren.

Welche Beweise hat McLaren für seine Vorwürfe gegen den russischen Sport?

Die Untersuchungskommission hat Interviews mit Zeugen geführt sowie E-Mails, Datensätze und über 4000 Excel-Dokumente ausgewertet. McLaren gibt aber zu: „Das Bild ist nicht komplett. Wir hatten nur einen kleinen Teil der Daten.“

Welche prominenten Sportler sind betroffen?

Namen sind im McLaren-Report nicht veröffentlicht. Der Wada-Sonderermittler wird sie an die Sportfachverbände und das Internationale Olympische Komitee (IOC) weiterleiten.

Was sagt das IOC zu den neuen aufsehenerregenden Ergebnissen?

Das IOC hat ernste Konsequenzen angekündigt. „Die Erkenntnisse sind ein fundamentaler Angriff auf die Integrität der Olympischen Spiele und des Sports im Generellen“, hieß es in einer Stellungnahme: „Das IOC erkennt die vorgelegten Beweise an.“

Später äußerte sich der deutsche IOC-Chef Thomas Bach selbst: „Professor McLarens Bericht schildert einen fundamentalen Angriff auf die Integrität des Sports. Für mich als Olympiateilnehmer sollte jeder Athlet oder Offizielle, der sich aktiv an einem solchen Manipulationssystem beteiligt hat, lebenslang von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden – in welcher Funktion auch immer.“

Als erste Maßnahme werden alle eingelagerten Dopingproben russischer Athleten der Olympischen Spiele 2012 noch einmal getestet. Die Ergebnisse des Reports werden in die Untersuchung zweier eigenständiger Kommissionen eingehen.

Wird es zu einem Ausschluss Russlands von den Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang kommen?

Das ist im Moment noch nicht abzusehen, aber durchaus möglich. Nach der Veröffentlichung des ersten McLaren-Reports im Juli hatte das IOC unter der Führung seines deutschen Präsidenten den Fachverbänden die Entscheidung überlassen. So durften schließlich 280 russische Sportler in Rio starten.

Gibt es schon Forderungen nach einem generellen Ausschluss der Russen?

Ja. Sowohl Dagmar Freitag (SPD), die Sportausschuss-Vorsitzende des deutschen Bundestages, als auch Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), treten dafür ein, dass russische Sportler auf unabsehbare Zeit bei allen großen Meisterschaften und Olympischen Spielen mit einem Startverbot belegt werden.

„Doping ist ein Teil des gesamten russischen Sports. Die große Anzahl der jetzt unter Verdacht stehenden Athleten ist die logische Folge diese Systems“, sagt Prokop und fordert das IOC zum Handeln auf. Freitag spricht Bach direkt an: „Er muss endgültig seiner Verantwortung gerecht werden und eine klare Haltung zeigen. Bislang ist er bestenfalls durch Worte aufgefallen, die Taten hat er delegiert an die Fachverbände.“

Der frühere russische Biathlon-Trainer Wolfgang Pichler fordert nach dem neuen Report Konsequenzen. „Für mich ist klar, dass jetzt der Weltsport handeln muss. Wie er handelt, ist eine Sache. Aber wenn man das sieht, gibt es im Grunde nur eine Lösung. Bei so vielen Fällen und wenn das alles korrekt ist, dann gibt es in meinen Augen nur eines, dass man sie suspendiert“, sagte Pichler beim Weltcup in Pokljuka. „Wie soll man es sonst regeln?“, fragte Pichler. Der Bayer sieht IOC-Chef Thomas Bach in der Pflicht: „Bei 1000 Fällen wird wohl auch der Herr Bach die richtigen Schlüsse ziehen.“

Wie reagieren die Russen?

Natalia Gart, die Präsidentin des russischen Rodel-Verbandes, sagt: „Wie kann jemand Vorwürfe akzeptieren, die keine einzige Tatsache oder nur einen einzigen Namen enthalten. Der McLaren-Report wird durch nichts bestätigt. Wo sind die Fakten? Man kann sagen, das ist nichts als Müll.“

Und der russische Parlamentsabgeordnete Igor Lebedew sieht sogar den kommenden US-Präsidenten Donald Trump als Retter. Es handele es sich um „politische Manöver“. Lebedew hofft, dass „der große Freund Russlands, Trump, jetzt dem Ganzen ein Ende setzt“.