Tennis

Becker/"Djoker" - Das Duo „Beckovic“ ist Geschichte

Ein Kuschelguru und fehlende Arbeitsmoral führen zur Trennung von Novak Djokovic und Boris Becker.

v.l. Novak Djokovic, Trainer Boris Becker (Deutschland) Tennis, ATP Masters 1000, BNP Paribas Masters 2015 in Paris-Bercy, Training

v.l. Novak Djokovic, Trainer Boris Becker (Deutschland) Tennis, ATP Masters 1000, BNP Paribas Masters 2015 in Paris-Bercy, Training

Foto: BernardPapon / WITTERS

Als Novak Djokovic (29) Mitte November um seine Titelverteidigung bei der ATP-Weltmeisterschaft in London kämpfte, war es bereits offensichtlich. Nicht etwa nur der Bruch in seinem Spiel, sondern auch der Bruch in seiner Beziehung zu Boris Becker, dem Trainer, der ihn drei Jahre lang auf neue Tennishöhen geführt hatte. Becker, der Chefcoach, saß in einer Ecke der Spielerloge von Djokovic. Unbewegt verfolgte er die Handlungen seines Schülers. Einige Meter entfernt, klar auf Distanz zu Becker, saß ein anderer Mann, auf den Djokovic neuerdings hörte: Felipe Imaz.

Der Spanier wird wechselweise als Motivations- oder Meditationsguru bezeichnet. Manche nennen ihn auch Kuschelguru, weil er bei seinen Lehrsitzungen Plüschbären verwendet. Jedenfalls hatte Djokovic auf der Anwesenheit von Imaz bei diesem letzten Saisonhöhepunkt bestanden, sehr zum Unwillen Beckers. Ihn störte der Verlust von Autorität, aber auch ein Verlust an Arbeitsintensität bei Djokovic: „Er hat in den vergangenen Monaten nicht soviel Zeit auf dem Trainingscourt verbracht, wie er sollte. Und er weiß das“, sagte Becker am Mittwoch.

„Djoker“ sucht verstärkt Rat beim Esoteriker Imaz

Einen Tag zuvor war offiziell geworden, was sich bereits abzeichnete: Das Duo „Beckovic“ ist nun Geschichte. Am Dienstagabend verkündete Djokovic im handelsüblich offiziellen Jargon, dass er und Becker einvernehmlich beschlossen hätten, „unsere Zusammenarbeit zu beenden“. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis sich auch Becker über die sozialen Medien meldete. Der dreimalige Wimbledonsieger, der soeben einen Vertrag als Werbefigur für „Partypoker“ unterzeichnet hatte, gab zu Protokoll: „Wir hatten die Zeit unseres Lebens.“ Dazu zeigte ein Gruppenbild noch einmal harmonisch vereint das „Team Nole“, mit Djokovic, mit Becker, mit Djokovics Familie. Aber natürlich ohne den geheimnisvollen Pepe Imaz, den Becker wohl ziemlich unumwunden als Scharlatan betrachtete.

Imaz, der sich selbst als „göttliches Wesen aus Licht und Liebe“ bezeichnet, bewegte sich schon länger in Djokovics Umfeld. Selbst bei der ATP-WM 2015 und später auch bei den French Open saß der ehemalige Profi im Publikum, allerdings unbemerkt und nicht prominent bei der Entourage. Ins Rampenlicht und in gewisser Weise auch als Becker-Konkurrent rückte der Spanier erst, als Djokovic nach dem Pariser Grand-Slam-Coup, dem erstmaligen Sieg in Roland Garros, in eine schwere Leistungs- und Sinnkrise stürzte.

Djokovic redet über Trennung von Trainer Boris Becker

Fortan suchte der „Djoker“ primär Rat und Hilfe bei seinem esoterisch angehauchten Berater – und nicht mehr so sehr bei seinem Strategen und Tennisflüsterer Becker. Bei manchen Turnieren war Becker dann im Herbst schon gar nicht mehr als Coach dabei. In Paris etwa, beim Hallen-Masters, vertraute der kriselnde Djokovic nur auf Imaz. In London saßen dann noch einmal alle Trainer und Berater zusammen, es war aber vor allem so, dass Djokovic dort noch einmal einen optisch versöhnlichen Abschluss für Becker schaffen wollte.

Was auch mehr als verdient und gerecht war. Denn niemals war Djokovic besser, stärker und vor allem effizienter als in den drei Jahren der Liaison mit Becker. Was vor 36 Monaten, kurz vor Weihnachten 2013, zunächst Spott und Unglauben ausgelöst hatte, die neue Partnerschaft von Djokovic und Becker, das verwandelte sich sehr schnell in Respekt und Bewunderung.

Boris Becker: "Es gibt nur Triumph oder Tragödie"

Denn eines gelang dem 49-Jährigen mit nur kurzer Anlaufzeit: Den serbischen Frontmann zu einem Spieler zu machen, der die allermeisten der wichtigen Punkte und Spiele gewann. Sechs seiner zwölf Grand Slam-Titel gewann Djokovic mit Becker. 2015 und im ersten Halbjahr 2016 herrschte Djokovic an der Seite des deutschen Supercoaches wie ein Sonnenkönig im Wanderzirkus. Als erster Spieler der Neuzeit hielt er sogar alle vier Grand Slam-Titel gleichzeitig in seinem Besitz.

„Es war eine unglaubliche Reise. Wir hatten drei Jahre voll mit Erfolgen“, sagte Becker am Mittwoch. Man darf nicht vergessen: Auch er profitierte von dieser Partnerschaft, schließlich drohte, aus der einzigen Sport-Ikone noch im Herbst 2013 in Deutschland eine Witzfigur zu werden – nicht zuletzt durch einen Fernsehauftritt, bei dem er eine Fliegenklatsche vor dem Gesicht trug. Der Trainer Becker war dagegen ein Mann, der wieder Boden unter den Füßen spürte, der in seiner ureigenen Profession wieder bei sich selbst angekommen war.

Becker wird TV-Experte für die Australian Open

Und nun? Was kommt nach drei Jahren mit dem besten Spieler des Planeten? Becker wird im nächsten Jahr als TV-Experte für Eurosport die Australian Open in Melbourne (16. bis 29. Januar) begleiten. Eine andere Perspektive könnte ihn in absehbarer Zeit vielleicht noch einmal locken, nämlich die, das deutsche Supertalent Alexander Zverev in die engere Weltspitze zu führen.

Das Ende von „Beckovic“ betrachtet Becker aber unsentimental: Alles hat seine Zeit in dieser Branche, in diesem Geschäft. Keiner weiß das besser als er selbst. Als Becker vor 25 Jahren die Nummer eins der Welt wurde, erstmals in seiner Karriere, bei den Australian Open 1991, war die Arbeitsbeziehung zu seinem Coach Bob Brett auf ihrem Höhepunkt angelangt. Aber nur ein paar Wochen später trennten sich ihre Wege. So wie nun die von Becker und Djokovic. Über seinen Ex-Schüler sagte er nun: „Ich bin auch überzeugt, dass er wieder der dominanteste Spieler werden wird. Aber er muss wieder zurück auf den Trainingsplatz gehen und diese nötigen Stunden arbeiten.“