Handball

Johannes Sellin: Torjäger mit Tücken

Nationalspieler Johannes Sellin sucht für kommende Saison einen neuen Klub. Gegen seinen Ex-Verein, die Füchse, ist er besonders motiviert

Johannes Sellin (M.) beim Wurf gegen Benjamin Buric, Torwart der HSG Wetzlar

Johannes Sellin (M.) beim Wurf gegen Benjamin Buric, Torwart der HSG Wetzlar

Foto: dpa Picture-Alliance / Sport Moments/Kuhl / picture alliance / Sport Moments

BERLIN.  Johannes Sellin ist ratlos. Dabei läuft es gerade richtig gut für den 25-Jährigen. Mit 87 Toren ist der Rechtsaußen der MT Melsungen aktuell der viertbeste Torschütze der Handball-Bundesliga. Trifft er im Spiel gegen seinen alten Arbeitgeber Füchse Berlin am heutigen Mittwoch vier Mal (20.15 Uhr, Sport1), kann er sich sogar auf Platz eins vorschieben.

Doch Sellin ist eben nur einer von wenigen Spielern im Kader der MT Melsungen, die ihre Leistung abrufen können. Der EHF-Cup-Teilnehmer, Vierter der Vorsaison, ist auf Rang elf abgerutscht. Mit 10:16 Punkten liegen die Nordhessen deutlich hinter ihren Ansprüchen. „Es ist jetzt Zeit zu begreifen, dass die letzte Saison zwar sehr schön war, aber nicht mehr der Realität entspricht, wenn nicht jeder an seinem Leistungsmaximum spielt“, sagt Sellin.

Komplizierte Beziehung zu Ex-Trainer Sigurdsson

Der gebürtige Usedomer spielte 2007 zuerst bei der SG Spandau/Füchse Berlin, dann unter Bob Hanning in der A-Jugend und ab 2010 unter Dagur Sigurdsson bei den Profis der Füchse. 2013 hatte er genug davon, die zweite Besetzung hinter Markus Richwien zu sein und wechselte nach Melsungen. „Bei uns hatte Johannes seine junge, wilde Zeit, es war nicht immer einfach zwischen ihm und Dagur“, weiß Füchse-Geschäftsführer Hanning.

Da gab es mal eine verpasste Abfahrt zum Trainingslager sowie andere Undiszipliniertheiten. In Melsungen bekam Sellin dann Freiheiten – und viele Spielanteile, sein Vertrag wurde frühzeitig bis 2017 verlängert, er konnte Ex-Bundestrainer Martin Heuberger von sich überzeugen und schaffte es sogar ins Nationalteam. Auch persönlich hat er sich entwickelt. „Johannes ist unheimlich gereift, ich hätte ihn auch zurückgeholt, wenn wir nicht mit Mattias Zachrisson verlängert hätten“, sagt Hanning.

Sellin hofft auf WM-Ticket und neuen Arbeitgeber

Stattdessen ist Sellin nun auf Vereinssuche. Die MT Melsungen muss er zum Saisonende verlassen, da der Klub Nationalspieler Tobias Reichmann vom polnischen Meister Kielce verpflichtet hat. „Das war ein Schlag ins Gesicht“, sagt Sellin. „Viel mehr Tore kann Tobias hier auch nicht werfen, aber er hat im vergangenen Jahr eine Leistungsexplosion erlebt und ist aktuell der beste deutsche Rechtsaußen, daher bleibt mir nichts, als das zu akzeptieren.“ MT-Manager Axel Geerken äußert sich zurückhaltend: „Das Eine ist das Ergebnis im Spiel, aber wir sehen unsere Spieler jeden Tag, dadurch kommen dann für Außenstehende vielleicht schwer nachvollziehbare Entscheidungen zustande.“

Deutlicher wollte Geerken nicht werden, stattdessen lobte er Sellin für einen Leistungsschub nach der EM und einen persönlichen Reifeprozess, der sich inzwischen auch sportlich bemerkbar mache. In der Nationalmannschaft war Sellin zuletzt hinter Reichmann und Patrick Groetzki von den Rhein-Neckar Löwen der dritte Mann auf Rechtsaußen. Bei der EM in Polen war er nur dabei, weil Groetzki sich kurzfristig verletzte, zu Olympia nach Rio nahm Sigurdsson ihn nicht mit – für Sellin besonders bitter, weil seine Verlobte Brasilianerin ist. Nun hofft er, sich für die WM empfehlen zu können, die vom 12. bis 29. Januar in Frankreich stattfindet.

Füchse hoffen auf einen Sieg gegen Melsung

„Die Leistungen sprechen diese Saison eigentlich für mich“, sagt Sellin. „Ich war sehr konstant und finde, dass ich gegenüber Patrick meine Leistung gut bestätige.“ Auch Bob Hanning sieht Sellin und Groetzki auf Augenhöhe: „Das sage ich aber nicht als DHB-Vizepräsident, sondern als sein ehemaliger Trainer.“ Für die Bundesliga-Partie an diesem Mittwoch könnte Hanning allerdings auf einen Johannes Sellin in Topform verzichten. Ein Sieg würde den zuletzt wenig konstanten Füchsen wieder zu etwas Schwung verhelfen.

Sellin hat sich die Partie gegen Gummersbach am vergangenen Sonntag angesehen. „Die Füchse können überragend spielen“, sagt er. „Sie haben aber auch das Potenzial, ziemlich schlecht zu spielen.“ Dann muss er lachen: „Wem sage ich das, wir sind Elfter und haben auch schon in zwei Hälften zwei komplett unterschiedliche Gesichter gezeigt. Wir müssen eben hoffen, dass sie gegen uns die Konstanz nicht finden und das ausnutzen.“

Montag wird der erweiterte WM-Kader bekanntgegeben

Für ihn persönlich ist das Spiel ein weiteres Empfehlungsschreiben in Richtung Bundestrainer Dagur Sigurdsson, der am kommenden Montag den erweiterten Kader für die WM bekanntgibt. „Ich werde weiter an mir arbeiten, an meinen Fehlern und an meiner Konstanz, mehr kann ich nicht machen“, sagt Sellin.