Schach-WM

Mit dem Staubsauger zum Jüngsten Gericht

Die Schach-WM geht in den Tiebreak und damit die schnelle Entscheidung mit wenig Bedenkzeit. Das kritisieren Fans und Stars.

Magnus Carlsen (l.) im Duell mit Herausforderer Sergej Karjakin

Magnus Carlsen (l.) im Duell mit Herausforderer Sergej Karjakin

Foto: Peter Foley / dpa

New York.  In der Nacht zu Donnerstag wird der Schachweltmeister in ein paar schnellen Partien ermittelt. Vielleicht wird sogar erstmals in der 130-jährigen Geschichte der Zweikämpfe um die Schachkrone geblitzt. Vielen Schachkennern graust es davor. In einer aktuellen Umfrage der führenden Internetseite Chess.com sprechen sich die Hälfte der Nutzer dafür aus, in einer klassischen WM nur Partien mit langer Bedenkzeit zu werten. Für Schnellschach und Blitzschach gibt es schließlich eigene Weltranglisten und eigene Weltmeisterschaften – zuletzt übrigens vor einem Jahr in Berlin.

Nach zwölf Partien steht es zwischen Magnus Carlsen (Norwegen) und Sergej Karjakin (Russland) 6:6 – oder 1:1, wenn man nur die Gewinnpartien zählt. Länger dürfen Titelkämpfe heute nicht mehr sein, hat der Weltverband Fide entschieden. Früher musste der Herausforderer noch gewinnen, um den Weltmeister abzulösen, während dem Titelverteidiger ein Unentschieden reichte, wie Garri Kasparow 1987 gegen Anatoli Karpow oder Wladimir Kramnik 2004 gegen Peter Leko. Doch je kürzer die Wettkämpfe wurden, desto stärker fiel dieses Privileg ins Gewicht. Seit vor zehn Jahren die Partienzahl auf zwölf reduziert wurde, wird im Fall eines Unentschiedens gestochen. „So kann man den Meister in einem Hinterhof ermitteln, aber nicht den Weltmeister“, kritisierte Ex-Weltmeister Karpow das Spielsystem.

Schamlos ins Remis

Dennoch steuerte Carlsen in der zwölften Partie mit Weiß schamlos ein Remis an, bekam es nach gut einer halben Stunde. Es war nicht das subtile Schach, das man von ihm kennt, eher banales Staubsaugerschach. Nichts riskieren und Figuren vom Brett heruntertauschen, wann immer es möglich war. „Ich entschuldige mich bei allen Schachfans, die eine lange Partie erwartet haben“, sagte Carlsen, der das vor drei Jahren im WM-Kampf gegen Anand schon einmal so gemacht hat. Nur lag er da zwei Punkte vorn. Gegen Karjakin stand und steht es gleich.

Nun ist er heute ab 20 Uhr deutscher Zeit allen Unwägbarkeiten eines Stechens ausgesetzt. Gespielt werden dort zunächst vier Partien Schnellschach. Jeder Spieler erhält dabei nur 25 Minuten Bedenkzeit sowie zusätzlich zehn Bonus-Sekunden nach jedem Zug. In den regulären Partien waren es bis zu drei Stunden. Steht es danach Unentschieden, beginnt eine Serie von Blitzschach-Partien. Dabei haben beide nur noch fünf Minuten Bedenkzeit. Gespielt werden jeweils zwei Partien und maximal fünf solcher Doppelpacks. Erst dann käme eine „Armageddon“-Partie, wobei der ausgeloste Spieler mit weißen Figuren fünf Minuten hat, sein Gegner nur vier. Bei Remis ist der Spieler mit Schwarz Weltmeister.