New York

Schach mit der Brechstange

Weil Magnus Carlsen die Geduld verliert, kündigt sich eine WM-Sensation an

New York. Seine Fans spüren seit Tagen, dass mit Magnus Carlsen etwas nicht stimmt. Ein ums andere Mal hat er Herausforderer Sergej Karjakin beim WM-Kampf in Manhattan entwischen lassen. Nicht nur die Chancenverwertung, auch seine übliche Coolness lässt der Weltmeister vermissen. Der Norweger versuchte sogar, was ihm sonst verhasst ist: Zuflucht im Vorbereitungsschach der älteren Generation, um ohne viel nachdenken zu müssen ein Schwarzspiel zu überstehen. „Er ist so entspannt wie möglich, er sieht es nicht als dramatische Situation“, sagte sein Manager Espen Agdestein, bevor die achte WM-Partie begann. Doch die sieben Remis zuvor waren offenbar zu viel für Carlsen. Er verlor.

Dass er sieben Mal in Folge nicht gewann, war Carlsen zuletzt 2009 passiert. Er war alles andere als entspannt. Und spielte, als ob nur ein Sieg zählte. Jan Nepomnjaschtschi, ein mit beiden Finalisten befreundeter Weltklassespieler, sagte: „Etwas in der Art habe ich erwartet. Wenn er länger nicht gewinnt, versucht er es mit der Brechstange.“

Erst begann Carlsen mit einem Aufbau, den eher Kaffeehausspieler als Großmeister anwenden. Später ruinierte er seine Bauernformation, damit die Partie nicht zu einem weiteren Remis verflacht. Als die Bedenkzeit knapp wurde, opferte er zwei Bauern für eine nicht schwer zu durchschauende Angriffsidee. Karjakin verpasste die mögliche Widerlegung und ließ Carlsen noch einmal entwischen. Selbst danach gab der Norweger sich nicht mit einem halben Punkt zufrieden, obwohl sein Herausforderer einen gefährlichen, weit vorgerückten Freibauern und damit viel bessere Chancen besaß. Der Weg zum Remis wurde nun immer schmaler. Carlsen fand ihn nicht und gab sich nach 52 Zügen geschlagen.

Nun ist er in einer für ihn ungewohnten Situation. Erstmals in seiner Karriere liegt er in einem WM-Kampf zurück. In der Vergangenheit ist es den Favoriten freilich schon öfter gelungen, die Wettkämpfe zu wenden: Kasparow glich gegen Anand 1995 gleich in der folgenden Partie aus, Anand gelang das selbst 2012 gegen Gelfand, und Kramnik schaffte es 2004 gegen Leko wenigstens im letzten Spiel. Der nervenstarke Herausforderer sagte: „Es sind noch vier Partien, und alles kann passieren. Ich bin sicher, dass es ein großer Kampf wird.“ Die gewonnene Partie charakterisierte er als „komplett verrückt, alles konnte passieren“. Carlsens Spiel wolle er nicht schlechtreden: „Magnus hat es wirklich versucht, er hat zwei Bauern geopfert und die Partie interessant gemacht. Dank ihm war es ein großer Tag.“