Nationalmannschaft

Sigurdsson setzt auf Entwicklungsarbeit statt Goldprojekt

Dagur Sigurdsson hört als Trainer der deutschen Handballer auf. Er zieht zurück nach Island und will Japans Handball an die Weltspitze führen.

Im Januar führte Dagur Sigurdsson die deutsche Mannschaft zum EM-Titel. Im Sommer gewann er mit der DHB-Auswahl in Rio de Janeiro Olympia-Bronze

Im Januar führte Dagur Sigurdsson die deutsche Mannschaft zum EM-Titel. Im Sommer gewann er mit der DHB-Auswahl in Rio de Janeiro Olympia-Bronze

Foto: Getty Images / Getty Images Sport/Getty Images

Berlin.  Isländer und Japaner haben viel gemeinsam, findet Dagur Sigurdsson. Fisch zum Beispiel essen beide Nationen reichlich. Gastfreundlich sind die Menschen dort. „Und sie werden sehr, sehr alt.“ Der 43-Jährige darf sich ein Urteil erlauben, spielte er doch zwischen 2000 und 2003 bei Wakunaga Hiroshima. Jetzt zieht es Sigurdsson erneut nach Ostasien. Der Bundestrainer verlässt den Deutschen Handball-Bund (DHB) nach der WM 2017 in Frankreich, er übernimmt die japanische Auswahl und soll sie bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio zum Erfolg führen.

Was sich seit Wochen angedeutet hatte, ist nun Gewissheit. Sigurdssons Vertrag beim DHB lief eigentlich noch bis 2020, eine Option - zu ziehen bis zum 31. Dezember - ermöglichte ihm den vorzeitigen Ausstieg zum 30. Juni 2017. „Das habe ich aus persönlichen Gründen so entschieden. Jetzt wissen alle Bescheid“, sagt Sigurdsson.

DHB-Vizepräsident und Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning bedauert die Entscheidung seines Freundes, „aber jetzt haben wir endlich auch Klarheit in dem Thema und können uns mit ganzer Kraft auf die WM konzentrieren.“ Traurig ist Hanning aber schon: „Wir verlieren einen der weltbesten Trainer. Dagur hat das Denken im deutschen Handball nachhaltig geändert – das wird über seine Zeit hinaus wirken.“ Und das sei sogar schwieriger gewesen, als in Rio die olympische Bronzemedaille zu gewinnen. „Jetzt gilt es, einen Nachfolger zu finden, der die richtige Strategie hat.“ Aussichtsreicher Kandidat ist Christian Prokop, der aktuell sehr erfolgreich den SC DHfK Leipzig trainiert. Wer Hanning kennt, der weiß, dass er in jedem Schicksal auch eine Chance sieht. „Und diese werden wir nutzen. Unser Ziel bleibt der Olympiasieg 2020“, sagt der Berliner.

Sigurdsson wird nach acht Jahren in Deutschland seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Island verlegen und von dort aus die japanische Nationalmannschaft betreuen. An Japan hat der 43-Jährige beste Erinnerungen. Der Kontakt zu seinem ehemaligen Trainer und späteren Nationaltrainer, Kiyohara Sakamaki, ist nie abgerissen. Schon seit Jahren unterstützt Sigurdsson den Verband dabei, sich dem europäischen Spitzenniveau anzunähern. Seit 2015 hospitiert zum Beispiel Manabu Todoroki vom japanischen Trainerstab sowohl bei den Füchsen als auch bei der deutschen Nationalmannschaft, analysiert die Trainingsarbeit und die Spielvorbereitung. Sigurdsson selbst flog bislang einmal im Jahr nach Hiroshima, um dort Trainingscamps durchzuführen, die er auf Japanisch anleitete.

Der neue Job in Japan entspricht genau dem, was Sigurdsson stets für sich sucht: Eine Herausforderung, etwas, das zu seiner Persönlichkeit passt. Sein Bruder Larús Sigurdsson meint, er sei ein Reisender, bei dem man nie wisse, wohin die Reise geht. „Wenn alle Welt erwartet, dass ich mich so oder so entscheide, würde ich garantiert den dritten Weg wählen, mit dem keiner rechnet“, sagt Dagur Sigurdsson. Dieser führt 2017 nach Japan.