Dortmund

In der Herbstdepression

Bayern München hat unter Carlo Ancelotti die Hoheit über das Spiel verloren und zeigt sich verwundbar

Dortmund.  Ein Häuflein Weltklasse schlich nach Abpfiff zu den Bayern-Fans vor die Gästekurve. Zu viert waren sie, das Häuflein, im Elend vereint. Manuel Neuer, David Alaba, Mats Hummels und Thomas Müller blickten sich um, ihre Mitspieler waren in den Katakomben verschwunden. Lothar Matthäus, für den Bezahlsender Sky nahe der Eckfahne als Experte im Einsatz, nahm Müller tröstend in den Arm. „Es müssen natürlich mehr Spieler von uns nach dem Spiel dahingehen“, schimpfte Neuer, nach Philipp Lahms Auswechslung Kapitän, später. Es war der Bayern geringstes Problem an diesem Abend, nach dem 0:1 bei Borussia Dortmund.

Vom Rekordmeister geht keine Torgefahr aus

Es war nicht irgendeine Niederlage. Die erste Liga-Pleite der Saison war auch die erste von Carlo Ancelotti. „Früher oder später musste die erste Niederlage ja kommen“, sagte er wie ein Meteorologe über den ersten Schnee. Aber die Pleite kam so überraschend wie Schneefall in den Alpen. Platz eins ist weg, RB Leipzig hat Bayern überholt, erstmals seit dem fünften Spieltag der Vorsaison ist man nicht mehr Spitzenreiter. Eine logische Entwicklung, wie die Fakten belegen: Nur zwei der letzten sechs Ligaspiele gewonnen, neun Punkte von möglichen 18, das war zuletzt am Ende der Saison 2014/2015 der Fall – als Bayern unter Trainer Pep Guardiola längst über der Meister-Ziellinie war. Eine Zeitenwende hat eingesetzt. Spätestens durch – und für viele dank – des BVB hat der Rest der Liga endgültig verstanden, dass die Ära der nahezu unverwundbaren Pep-Bayern vorbei ist.

Nach dem frühen Treffer von Pierre-Emerick Aubameyang in der 11. Minute kam man nicht zurück, Ancelotti hatte keine Antworten auf die Taktik seines Gegenübers Thomas Tuchel, der erst Überfall-Fußball spielen, dann mit einer Fünferkette verteidigen ließ. Ausgetrickst. Taktisch besiegt. Das hat es in der Bundesliga unter Guardiola nicht gegeben. Trotz Überlegenheit. 66 Prozent Ballbesitz, 85 Prozent Passquote, neun Ecken, 18 Torschüsse. Null Ertrag. Totaler Frust.

„Sehr ärgerlich“, nannte Neuer dieses 0:1. Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge raunte den Journalisten beim Verlassen des Stadions lediglich zu: „Unglücklich gelaufen“. Wozu Neuer eine klare Meinung hatte: „Das hilft uns nichts. Wir haben die Möglichkeit gehabt, gegen eine nicht ganz so starke Dortmunder Mannschaft zu punkten.“ Schwierig bei Überlegenheit ohne wirkliche strategische Dominanz, ohne zwingende Zielstrebigkeit. „Die Genauigkeit im letzten Pass hat uns gefehlt“, monierte Lahm, „sonst hätten wir uns viele Großchancen erarbeiten können – so war es zu wenig.“ Ein guter Punkt, weil: ein wunder Punkt im Bayern-Spiel. Ancelotti lässt die Mannschaft zu intensiv einer Flanken-Strategie nachgehen – ob über die Außen oder aus dem Halbfeld.

Insgesamt 30 Versuche, keine Wirkung. Das Spiel über die Flügel wirkt ein wenig eindimensional, auch die Eckbälle verpuffen. Dadurch fehlt echte Torgefahr, die letzten Bälle kamen nicht an. Torjäger Robert Lewandowski ist in sieben von elf Ligaspielen ohne Treffer, Müller weiter ganz ohne Tor. Und plötzlich ist sie da, die erste Herbstdepression seit vielen Jahren.

Kapitän Lahm reagiert gereizt nach seiner Auswechslung

Die Bayern haben unter ihrem neuen Coach die Hoheit über das Spiel verloren. Den Rhythmus gibt, wie am Sonnabend unter Guardiola-Verehrer Thomas Tuchel geschehen, der Gegner vor. Der Herbst war in jedem der drei Jahre Guardiolas fruchtbarste Jahreszeit, die Bayern spielten toptoptop. Der Nachteil: Im Frühjahr, wenn im Fußballbetrieb Erntezeit ist, stockte der Motor. Bereits uneinholbar Meister folgte ein Spannungsabfall, dreimal scheiterten die Pep-Profis im Halbfinale der Champions League. Ob es bei Ancelotti umgekehrt läuft? Fakt ist: man läuft hinterher. Hinter einem Aufsteiger.

„Das ist doch schön für die Liga, das haben sich doch alle gewünscht - wir nicht“, sagte Lahm auf die Leipziger angesprochen. Noch schmallippiger reagierte er auf Fragen nach seiner vorzeitigen Auswechslung. „Ich hatte keine Probleme. Da müssen sie den Trainer fragen.“ Und weiter: „Es ist die Entscheidung des Trainers, und ich habe seit dem fünften Lebensjahr in einer Mannschaft gelernt, dass man die Entscheidung des Trainers zu akzeptieren hat.“ Aber nicht zu verstehen.

Lothar Matthäus, der Müller-Tröster, hatte übrigens bei Sky ziemlich draufgehauen auf seinen Ex-Verein, sagte über die Bayern: „Sie suchen ihre Form. Den Bayern fehlt die Fitness, die Freude und die Selbstverständlichkeit. Viele Dinge, die sie im letzten Jahr stark gemacht haben, vermisst man hier.“ Fitness? Freude? Selbstverständlichkeit? Für solche Dinge ist ein Trainer verantwortlich. Matthäus weiß das. Er war ja auch Trainer.

Die Bayern sind nun plötzlich Jäger. „Wir haben immer in den letzten drei Jahren gesagt, wie schwierig es ist, ganz oben zu stehen, die Erfolge zu bestätigen“, erklärte Lahm, „es wollte uns keiner glauben. Jeder hat gesagt, das ist easy. Jetzt sieht man mal, dass es wirklich harte Arbeit ist.“

Unter der Woche geht es in der Champions League nach Russland zum FC Rostow (Mittwoch 18 Uhr), am Sonnabend in der Liga gegen Leverkusen. Wichtiger ist der Vorabend. Uli Hoeneß wird wieder zum Präsidenten gewählt. Ein Ruckrede ist zu erwarten, auch in sportlicher Hinsicht.