London

Ein Hoch auf den neuen Herrscher

Andy Murray besiegt Novak Djokovic beim Saisonfinale in London und beendet das Jahr als Nummer eins

London. An diesen Anblick muss man sich erst gewöhnen. Wenn der ATP-Computer am Montag das Abschlusszeugnis für die Saison 2016 ausspuckt, dann findet sich auf Platz 16 ein Mann, der einst als Souverän das Heer der Tennis-Profis anführte. Es handelt sich dabei um Roger Federer (35), den verletzten Maestro, der ein Pleiten-, Pech- und Pannenjahr bereits nach dem Wimbledon-Treffen zu beenden hatte. Und noch ein weiterer Zampano muss erst in der Hackordnung erspäht werden – Rafael Nadal (30), der Mallorquiner rangiert so eben noch in den Top Ten, als Neunter direkt hinter dem Saisonaufsteiger Dominic Thiem aus Österreich. Federer und Nadal, die Protagonisten einer epischen Rivalität, die Seriengewinner an allen Spielorten der Branche, sind weit abgerutscht, nicht nur wegen körperlicher Blessuren, sondern auch weil andere Großmeister an ihre Stelle getreten sind.

Der alles überstrahlende Zweikampf zwischen Novak Djokovic und Andy Murray ist keineswegs neu im Welttennis, schon seit 2006 duellieren sich die Jugendfreunde auf der Tour. Doch noch nie zuvor beherrschten der Serbe und der Schotte das Geschehen im Wanderzirkus so hartnäckig wie im Jahr 2016 – in einer Saison, in der letztlich Platz eins der Weltrangliste erst auf dem letzten Meter an Murray vergeben wurden, der Djokovic beim ATP-Finale in London 6:3, 6:4 bezwang. Es war das 24. Match und das fünfte Turnier in Folge, das Murray gewann, doch er sagte: „Dass ich das Jahr als Nummer eins beende und der Sieg heute sind Dinge, die ich niemals erwartet hätte.“ Djokovic zeigte sich als guter Verlierer: „Andy ist verdient die Nummer eins der Welt, er hat in den entscheidenden Momenten das bessere Tennis gespielt.“

Wie sehr die glorreichen Zwei den Rest abgehängt haben, beweist der Blick auf die Rangliste: Dort verfügen Verfolger wie Milos Raonic (Kanada), Stan Wawrinka (Schweiz) und Kei Nishikori (Japan) nur über etwa halb so viele Punkte. „Sie bewegen sich auf den Spuren von Federer und Nadal in deren besten Zeiten“, sagt Englands früherer Topmann Tim Henman, „und daran wird sich auch so schnell nichts ändern.“ Aus den großen Vier sind die großen Zwei geworden, was die Vermarktung womöglich erschwert.

Von den großen Vier sind nur noch zwei übrig geblieben

Das Tennisjahr 2016 war zwar bunter und unberechenbarer als viele Spielzeiten zuvor, doch wenn es auf den größten Bühnen um Titel ging, hatten fast immer Djokovic und Murray Zugriff. Drei der vier Grand-Slam-Titel holten sich die Kumpel, die beide im Juni 1987 innerhalb von sieben Tagen geboren wurden, nur Stan Wawrinka brach in die Phalanx mit dem US-Open-Titel ein. Sieben der neun Masters-Wettbewerbe gewannen sie auch, Djokovic vier, Murray drei – und der Schotte wiederholte in Rio seinen Olympiasieg von 2012. Erstmals in seiner Karriere spielte Murray über Monate auf Topniveau, mit einer Konstanz, die ihm Djokovic lange genug vorgemacht hatte. Nur deshalb schaffte es Murray auch, unmittelbar vor dem WM-Showdown erstmals den Gipfelplatz zu erstürmen, als erster Brite seit Einführung des neuen Wertungssystems.

So gab es in dieser Saison nicht nur eine Zweiteilung der Macht, sondern auch eine kalendarische Zweiteilung. Denn bis zu seinem French-Open-Sieg im Sand von Roland Garros war Djokovic nicht beizukommen, bis zum Karriere-Grand-Slam spielte er in einem eigenen Tennis-Kosmos, gewann auch schon früh in der Saison die Australian Open. Und dann, auf der absoluten Höhe seiner Kunst, erfasste ihn erst die Sinn- und dann die Leistungskrise.

Murray, im Frühsommer noch runde 8000 Weltranglistenpunkte hinter Djokovic abgeschlagen die Nummer zwei, nutzte die Gunst des Augenblicks und setzte zu einer ebenso erstaunlichen wie unwahrscheinlichen Aufholjagd an. Erst beim Abschlusschampionat der Saison, nun in vertauschten Rollen – Murray als Nummer eins, Djokovic als Nummer zwei – begegneten sie sich wieder auf Augenhöhe. Und beide diktierten sie auch dieses Turnier der Besten nach Belieben, ungeschlagen rückten sie ins Finale vor, zum Gladiatorenkampf um Sieg und Platz eins für 2016. Der Rest der Welt – er hatte, wie so oft in diesem Jahr, nur die beste Zuschauerposition „beim Duell der Titanen“ („Daily Mirror“).