Berlin

Zwischen Arbeitsamt und Weltrekord

Bei der Kurzbahn-DM in Berlin streiten Schwimmtrainer über Verträge und Konzepte

Berlin. Mit seinem Weltrekord über 200 Meter Brust (2:00,44 Minuten) hat Marco Koch, der seit der Olympia-Enttäuschung in Rio 13 Kilogramm abgenommen hatte, bei den deutschen Kurzbahn-Meisterschaften am Schlusstag wieder den Sport in den Vordergrund gerückt. Doch die schweren Verstimmungen im Deutschen Schwimm-Verband (DSV) dürften sich deswegen nicht verziehen. Von Aufbruchstimmung zwei Wochen nach der Wahl eines neuen Präsidiums ist kaum etwas zu spüren. Gründe dafür sind die Hängepartie um die Trainerverträge, das neue Konzept von Bundestrainer Henning Lambertz und ein Kommunikations-Problem.

Die vor allem hinter vorgehaltener Hand angebrachte Kritik der Heimtrainer wollte Lambertz nicht auf sich sitzen lassen. Vor der Presse verteidigte er seine Ideen: „Wir müssen die Lücke aufholen, auch unsere Geldgeber erwarten mehr als nur ein ‘weiter so’. Wenn ich alles so lasse, dann stehen wir in vier Jahren da und haben wieder nichts“, sagte Lambertz drei Monate nach dem medaillenlosen Olympia-Debakel von Rio: „Ich bin kein Prophet, aber ich weiß eins: So bleiben kann es nicht!“

Neun Bundesstützpunkte gab es bislang, sieben hat der DOSB dem DSV bewilligt (Hamburg, Berlin, Magdeburg/Halle, Essen, Heidelberg, Würzburg, Potsdam). Chefbundestrainer Lambertz will die Elite aber eher in vier oder fünf Stützpunkten konzentrieren. Mit solch einschneidenden Veränderungen tun sich aber traditionell vor allem die Heimtrainer schwer. In diesen Tagen ist die Verunsicherung bei ihnen besonders groß. „Es weiß keiner, was kommt. Es herrscht maximale Verunsicherung bei den Trainern“, sagte Magdeburgs Stützpunktleiter Bernd Berkhahn.

Vor allem die noch immer nicht unterschriebenen Trainer-Verträge sorgen für Ärger. Frank Embacher, Leiter des Bundesstützpunktes Halle/Saale und Erfolgscoach des nach Rio zurückgetretenen Weltrekordlers Paul Biedermann, setzte dem DSV nun sogar ein Ultimatum. „Ich brauche innerhalb der nächsten Woche ein klares Signal“, sagte Embacher. Bis Ende des Monats müsse er sich ansonsten auf eine andere Stelle bei der Stadt beworben haben.

Die neuen Verbandschefin Gabi Dörries betonte, ihr seien aufgrund der noch nicht beschlossenen Förderreform im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) noch die Hände gebunden: „Ich hoffe, dass ich am Mittwoch, nach dem Gespräch mit dem DOSB, alle Informationen zusammenhabe.“ Bislang sind Einsparungen von 350.000 Euro avisiert.

Für Verstimmung unter den Heimtrainern sorgt auch ein Maßnahmen-Paket. Als Konsequenz aus der Nullrunde von Rio gibt Lambertz unter anderem ein neues, auf Maximalkraft ausgerichtetes Kraftkonzept vor. Das sehen viele Heimtrainer als unerwünschte Einmischung in ihre Arbeit. „Das ist kein Anspruch auf Absolutismus, sondern nur eine Basis“, sagte Lambertz.

Auch die künftig härteren Qualifikationsnormen für Großereignisse stoßen auf Kritik, weil sich Schwimmer aus der zweiten Reihe vom Leistungssport abwenden könnten. Für die Kurzbahn-WM in Kanada erreichten neben Weltrekordler Koch in Berlin nur drei weitere Athleten die Norm. Zudem halten einige Trainer es für einen Fehler, dass Lambertz am liebsten mit noch weniger als sieben Bundesstützpunkten arbeiten will. „Überall gibt es Insellösungen, mit denen man gut arbeiten kann, bis hin zur Weltspitze. Und jetzt wird erstmal alles platt gemacht. Das erinnert mich an eine bestimmte Zeit“, kritisierte Berkhahn: „Ist das produktiv? Im Moment finde ich das nur unsensibel.“

Lambertz appellierte an die Heimtrainer: „Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Es scheint einige Trainer zu geben, die extreme Probleme haben, sich zu öffnen. Ich versuche denen seit dreieinhalb Jahren die Ängste zu nehmen, dass ich ihnen die Köpfe abreiße. Jeder kann auf mich zukommen.“