Hamburg

Huck spürt die große Liebe

Weltmeister verteidigt IBO-Titel gegen den Ukrainer Kucher und will durch intelligentes Boxen überzeugen

Hamburg. Manchmal ist es notwendig, Dinge laut auszusprechen, damit sie ankommen, wo sie ankommen sollen. Im eigenen Bewusstsein ebenso wie im Herzen derjenigen, denen sie gelten. Marco Huck (32) hat einen solchen Moment kürzlich im Trainingslager erlebt. Im Braunlage, wo sich der Cruisergewichts-Boxprofi sechs Wochen lang auf die Verteidigung seines IBO-WM-Titels vorbereitete, die ihn am Sonnabend (22.30 Uhr, RTL) in der Tui-Arena in Hannover mit dem Ukrainer Dmytro Kucher zusammenführt, brach es unvermittelt aus ihm heraus.

„Nach einem gelungenen Aufwärtshaken im Sparring habe ich gespürt, wie viel Spaß mir die Arbeit macht und wie dankbar ich meinem Team bin, dass es mich auf meinem Weg begleitet. Und das habe ich dann auch ganz deutlich ausgesprochen“, sagt Huck, und er grinst dabei schelmisch. „Am Ende habe ich mich aber vor allem selbst gelobt“, schiebt er nach und lacht. Huck liebt solche Späße. Aber wer ihn beobachtete in den Vorwochen, der kann erahnen, wie viel Ernst in der Anekdote steckt.

Sein neuer Trainer will bisher ungenutztes Potenzial heben

Tatsächlich hatte der Mann die schwerste Phase seiner Karriere zu überwinden, seit er im August 2015 im ersten Kampf nach der Trennung vom Berliner Sauerland-Team in den USA gegen den Polen Krzysztof Glowacki verloren hatte. Huck wusste nicht, ob ihm die Rückkehr nach Deutschland glücken würde, wie die Fans auf ihn reagieren und ob die Auswirkungen der Pleite gegen Glowacki nachhaltig Einfluss auf seine Einstellung zum Sport nehmen würden.

Er trennte sich zunächst von seinem US-Coach Don House, fand mit RTL einen Fernsehpartner und mit der Klitschko Management Group einen wichtigen Berater, feuerte dann noch kurz vor seinem Comeback im Februar dieses Jahres House-Nachfolger Conny Mittermeier und setzte auf den im Profibereich als Trainer völlig unerfahrenen Berliner Varol Vekiloglu (33). Doch trotz all dem Hin und Her gelang ihm mit einem Abbruchsieg über den Nigerianer Ola Afolabi eine triumphale Rückkehr, die alle Zweifel zerschlug.

Seitdem hatte der in Serbien geborene Bielefelder viel Zeit, um darüber nachzudenken, wie er den Neustart seiner Karriere gestalten könnte. Und er hat diese Zeit genutzt, um eine Wandlung anzuschieben, an deren Ende ein anderer, besserer Marco Huck stehen soll. „Vor allem habe ich wieder gespürt, dass das Boxen meine große Liebe ist“, sagt er, „die Reaktion der Fans, ihre Unterstützung und Liebe haben mir viel Mut zurückgegeben.“

Vekiloglu habe ihm zudem den Spaß am Training zurückgebracht, vor allem aber einen Schlüssel gefunden, um vorhandenes, aber bislang nicht genutztes Potenzial zu heben. „Marco ist unglaublich intelligent im Ring und hat eine extrem gute Auffassungsgabe. Der Grund dafür, dass er wieder Spaß am Training hat, ist, dass er spürt, was noch alles in ihm steckt“, sagt der neue Chefcoach. Im Sparring konnte Huck spüren, „dass ich ein Schlagrepertoire habe, das sich sehen lassen kann“.

Vekiloglu legt viel Wert auf Beinarbeit und Meidbewegungen. Er hat versucht, Huck den Aufwärtshaken als probates Konterwerkzeug einzutrichtern und ihm schnelle Schlagkombinationen anstelle harter Einzelhände empfohlen. Und der als schlagstarker, aber technisch limitierter Haudrauf verschriene Champion will diesen Weg mitgehen, weil ihm sein Image zuletzt erstaunlich arg zusetzte. „Ich will mehr sein als eine Zerstörungsmaschine“, sagt er, „ich haue nicht mehr nur drauf wie ein Kesselflicker, sondern boxe viel intelligenter, wie ein Fuchs.“ Kucher dürfte dafür der passende Gegner sein, um das nachzuweisen.

Überzeugt ist Huck von seinen Qualitäten: „Wenn ich richtig vorbereitet bin, dann bin ich der Beste im Cruisergewicht.“ Natürlich wurmt es ihn, von einer Reihe Experten nicht als Weltmeister anerkannt zu sein, weil die IBO nicht zu den vier bedeutenden Weltverbänden zählt. Er will diese Scharte so schnell wie möglich auswetzen, zum Rückkampf mit Glowacki antreten, der im September in Danzig den von Huck eroberten WBO-Gürtel an Oleksandr Usyk verlor, danach die vier WM-Titel vereinigen, ins Schwergewicht aufsteigen und dort auch Weltmeister werden. Huck wäre nicht er selbst, wenn er nicht tatsächlich glauben würde, das schaffen zu können.