Bundesliga-Geschichte

Die ewige Letzte Tasmania könnte vom HSV erlöst werden

Bis heute gilt Tasmania 1900 Berlin als schlechtestes Bundesliga-Team der Geschichte. Doch der Hamburger SV könnte das jetzt ändern.

Torwart Heinz Rohloff von der Tasmania musste in der Saison 58 Gegentore hinnehmen – und er war nicht immer aufgestellt. Hier wird gerade gegen Borussia Mönchengladbach gespielt

Torwart Heinz Rohloff von der Tasmania musste in der Saison 58 Gegentore hinnehmen – und er war nicht immer aufgestellt. Hier wird gerade gegen Borussia Mönchengladbach gespielt

Foto: imago sport

Es klang stolz, als Hans-Günther Becker, früherer Kapitän der Fußballmannschaft von Tasmania 1900 Berlin, nach fast 50 Jahren rückblickend sagte: "Es gibt in der Bundesrepublik keinen in der Versenkung verschwundenen Verein, an dem nach so langer Zeit noch ein so großes Interesse besteht." Stolz auch, weil er das 2011 bei der Vorstellung eines spannenden Buches über Tasmania tat. Titel: "Der ewige Letzte. Die wahre Geschichte der Tasmanen".

Es ist das brutale Schicksal der Vereinsmannschaft aus Neukölln, die 1965/66 für eine Saison in der Fußball-Bundesliga mitspielen durfte. Bis heute haftet ihr seit jener Saison der Ruf als Schießbude des deutschen Fußballs an. Gleich sieben bislang ungebrochene Negativrekorde der Liga stellten sie damals auf. Darunter: Die wenigsten Tore aller Zeiten, die meisten Gegentore und die wenigsten Punkte am Saisonende.

Ungebrochene Rekorde, aber eben nur bislang – die Einschränkung gilt besonders dieser Tage. Es läuft die Bundesligasaison 2016/17, der zehnte Spieltag ist absolviert. Und da dämmert für Becker und seine Pleitekameraden Hoffnung herauf am Fußballhorizont, die Aussicht, vom Thron des ewigen Verlierers abzusteigen. Schon hört man wieder ähnliche Witze, wie sie damals über Tasmania kursierten. Jetzt über einen anderen Fußballverein: über den altehrwürdigen Hamburger SV, den altehrwürdigsten überhaupt. Der HSV ist nicht nur das einzige nie abgestiegene Gründungsmitglied der Bundesliga: Er spielt seit 1919, seit er HSV heißt, ununterbrochen in den jeweils obersten Fußballligen Deutschlands mit. Drei Jahre fehlen noch zum kompletten Jahrhundert. Schafft er es? Wohl kaum.

Der Verein wird mit Spott überzogen. Es heißt: "Der HSV-Mannschaftsbus soll sich doch mal blitzen lassen, das gibt wenigstens Punkte", haha. Oder: "Imageschaden durch HSV – McDonalds nimmt Hamburger aus dem Sortiment." Noch mehr zum Lachen sind die nackten Tatsachen: dass die Mannschaft mehr rote Karten kassiert hat als sie Tore schoss (Bilanz nach dem neunten Spieltag). Oder dass beim 2:5 gegen Dortmund Gegenspieler Aubameyang in einem Spiel so viele Treffer erzielte wie der ganze HSV bisher in allen Begegnungen. Vier nämlich.

Tatsächlich steht der HSV heute schlechter da als die Berliner "Rekordhalter" damals. Nach lediglich zwei Unentschieden und acht Niederlagen haben die Hamburger zwei Punkte. Die Tasmania hatte zum selben Zeitpunkt einen Sieg und ein Unentschieden auf dem Konto. Nach heutiger Zählweise (für einen Sieg drei statt seinerzeit zwei Punkte) wären dies also doppelt so viele Punkte, nämlich vier. Auch bei den Toren kann man Tasmania im Vorteil sehen – nach damaliger Zählweise. Vier Tore stehen beim HSV heute gegen 23 Gegentore, 6:31 hieß es damals bei den Berlinern. Die heute maßgebliche Differenz spricht zwar für die Hamburger, damals aber galt der Quotient, das "Torverhältnis", und da ist der HSV schlechter. Übrigens: Auch der FC Ingolstadt steht heute kaum besser da, ebenfalls mit nur zwei Punkten, aber mit einem etwas besseren Torverhältnis.

"Wenn ich den Mund auftue, dann ist Hertha morgen erledigt"

Es ist eine illustre Geschichte, die zu der legendären Bundesligasaison von Tasmania 1900 führte. Angefangen hatte es im Frühjahr 1965 mit einer wohl etwas unbedachten Äußerung auf einer Sitzung des Lokalrivalen, dem Bundesligaverein Hertha BSC. Mit einem Punkt Vorsprung vor dem Zweitletzten hatte sich der Verein gerade so vor dem Abstieg gerettet. Darüber waren an jenem Abend zwei Vorstandskollegen aneinandergeraten. Heftige Wortwechsel fielen, worauf Schatzmeister Herzog drohte: "Wenn ich den Mund auftue, dann ist Hertha morgen erledigt." Herzog, der damals als Bestattungsunternehmer in seinen Särgen größere Posten Schwarzgeld für illegale Handgelder bunkerte – er hätte angesichts seiner Leichen im Keller besser geschwiegen. Dem DFB kamen die Worte zu Ohren, er veranlasste eine Betriebsprüfung, die schwarzen Kassen im Sarg flogen auf, die Lizenz war weg, Hertha erledigt.

Die Frage war nun: Wer sollte an Herthas Stelle für die neue Saison 1965/66 aufrücken, als sechzehnter Verein? Wie genau die Entscheidungsfindung in den Gremien des Deutschen Fußballbundes (DFB) darüber ablief, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Klar war lediglich, dass Karlsruhe und Schalke in der Vorsaison die Abstiegsplätze belegt hatten und Bayern München sowie Borussia Mönchengladbach über die Aufstiegsrunde für die neue Bundesligasaison qualifiziert waren.

Hinter den Kulissen gab es den Wunsch, nach der Disqualifikation von Hertha wieder einen West-Berliner Verein in die Bundesliga zu holen, um die Zugehörigkeit der Halbstadt zum bundesdeutschen Fußball zu dokumentieren. Hans ("Hänschen") Rosenthal, Rias-Quizmaster und Präsident des Konkurrenten Tennis Borussia, plädierte für eine Ausscheidung zwischen seiner "TeBe" und Tasmania, weil ihm klar war, dass Tasmania mehr vorzuweisen hatte. Karlsruhe, als der "bessere" Absteiger, meldete vor dem DFB-Gericht Anspruch auf Herthas Platz an. Was obendrein noch eine Rolle spielte: In den DFB-Gremien wollte sich nicht jeder mit dem Abstieg des damaligen Rekordmeisters Schalke 04 abfinden. Beim DFB brach das Chaos aus, Regionalverband gegen Regionalverband.

Alle Tasmania-Spieler im Urlaub

Am 25. Juni 1965 bekam die Tasmania-Geschäftsstelle in Neukölln plötzlich Post vom DFB. Der Vorstand hatte eine zusätzliche Aufstiegsrunde angesetzt, mit Karlsruhe, Tasmania und den beiden Unterlegenen der regulären Aufstiegsspiele. In zwei Wochen schon sollte es losgehen. Alarmstimmung kam auf, weil alle Spieler im Urlaub waren, irgendwo im Süden. Die österreichischen Rundfunksender, alle ADAC-Außenstellen in Italien und Spanien wurden informiert, Reiserufe ausgestrahlt, Grenzkontrollstellen eingeschaltet. An allen möglichen Infotafeln hingen Namen, Bilder und Autonummern der Gesuchten aus. Die beiden tragenden Kräfte zum Beispiel, Stürmer Wulf-Ingo Usbeck und Mittelläufer Klaus Konieczka, hörten unterwegs auf Radio Luxemburg, dass sie sofort umdrehen sollten. Irgendwie waren dann alle zur Stelle. Als sie aber zum Training antraten, kam die Nachricht: Keine Aufstiegsrunde. Dem Einspruch von Karlsruhe war stattgegeben worden, die Badener hatten den 16. Platz.

Doch das Gerangel ging weiter. Eine Rolle spielte plötzlich, dass bei Gründung der Bundesliga 1963 Hertha durch eine etwas dubiose Zählweise an der besseren Tasmania vorbei ins "Oberhaus" eingezogen war, und man nun späte Gerechtigkeit walten lassen wollte. Neuer Zwischenstand also: Tasmania darf auch aufsteigen, die Bundesliga sollte 17 Plätze bekommen. Fünf Tage später rechnete man nochmal nach, stellte fest, dass eine ungerade Zahl keine runden Spieltage ergäben, stockte auf 18 Vereine auf – und rettete so auch nebenbei Schalke vor dem Abstieg.

Bei Tasmania machte man sich keine Illusionen, der Kader war nur bedingt bundesligatauglich. "Die meisten Spieler von uns waren damals schon über den Zenit", erinnerte sich Ex-Kapitän Becker. Hektisch suchte man nach Verstärkung, auch durch abgewanderte Spieler wie den Schalker Heinz Fischer. Bei ihm scheiterte es an 1000 Mark. Bei Nationalspieler Horst Szymaniak dagegen, der gerade von Mailand nach Varese gewechselt war, schaltete sich Bundestrainer Helmut Schön ein, versprach, ihn bei einer Rückkehr in die Bundesliga öfter zu berücksichtigen. Der Halbstürmer kam für 50.000 Mark und wurde der Starspieler Tasmanias. Dabei hatte man eigentlich gar kein Geld, die meisten Spieler waren berufstätig, in der Verwaltung, bei der Stadtreinigung. Weil kein Geld in der Kasse war, musste man etwa zum Spiel gegen Schalke nach Gelsenkirchen mit dem Bus am Samstag hin- und wieder zurückfahren, fürs Hotel reichte es nicht.

28 Niederlagen, vier Remis und nur zwei Siege

Die Bundesligasaison wurde für Tasmania zum Desaster. Verheerende, haushohe Niederlagen, darunter 2:7 gegen Nürnberg, 0:9 gegen Meiderich. Immerhin: Zweistellig wurde es nie. Am Ende waren es 28 Niederlagen, vier Remis und nur zwei Siege. Die Bilanz: acht Punkte (nach heutiger Zählweise zehn), beim Torverhältnis von 15:108.

Der Abstieg stand frühzeitig fest. Erholen konnte sich die Tasmania davon danach nicht mehr. Letztlich hatte sie als "Verein der kleinen Leute" immer einen schweren Stand zwischen dem Arbeiterverein Hertha und dem Feine-Leute-Club Tennis-Borussia. Das Bemühen um den Wiederaufstieg brachte der Tasmania zwar weiterhin vordere Plätze in der Regionalliga ein, sie übernahm sich damit aber finanziell, ging 1973 pleite und verlor die Lizenz. Eine Neugründung im selben Jahr hat heute außer dem Namen "Tasmania" nichts mit dem alten Verein zu tun.

Sicher wäre es verfrüht, dieses endgültige Schicksal dem HSV jetzt als Warnung vor Augen zu führen – selbst wenn er zum Saisonende den Negativrekord Tasmanias einstellen sollte. Und der ewige Erstligist den ewigen Letzten ablöst.

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