Freitaucher

Dieser Berliner kann sieben Minuten die Luft anhalten

Deutschlands beste Apnoetaucher trafen sich am Sonnabend wieder im Märkischen Viertel. Der Berliner Robert Woltmann wurde einer von ihnen.

Robert Woltmann kann lange unter Wasser bleiben

Robert Woltmann kann lange unter Wasser bleiben

Foto: Daan Verhoeven

Berlin.  Im entscheidenden Moment abgetaucht zu sein, diesen Vorwurf hört keiner gerne. Für Robert Woltmann gibt es jedoch kein größeres Kompliment. Bis zu sieben Minuten kann der 38-Jährige unter Wasser sein – je länger, desto besser. Er könnte also mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof zum Alexanderplatz fahren, ohne dabei einmal Luft zu holen.

Woltmann ist Freitaucher, er benutzt keinerlei Sauerstoffgeräte zum Tauchgang. Apnoetauchen heißt die Disziplin, vom griechischen Wort Apno für Atemstillstand. Es ist die älteste und ursprünglichste Form des Tauchens; bereits in der Steinzeit haben Menschen Muscheln und Perlen vom Meeresgrund gesammelt. Als Sport findet das Freitauchen auch in der Halle statt.

Die Besten hierzulande trafen sich am Sonnabend zu den Deutschen Meisterschaften am Wilhelmsruher Damm in Reinickendorf. Drei Disziplinen wurden angeboten: das statische Tauchen, bei dem die Athleten bewegungslos im Wasser liegen, sowie Streckentauchen mit und ohne Flossen.

Erinnerung an ersten Schwimmkurs

Für Robert Woltmann waren die Titelkämpfe im Märkischen Viertel auch ein Ausflug in die Vergangenheit. In der Schwimmhalle hier hatte er als Kind seinen ersten Schwimmkurs gehabt, vor 30 Jahren legte er dort seine Seepferdchen-Prüfung ab. Und wahrscheinlich hätte er nie professionell mit dem Apnoetauchen angefangen, wenn nicht im Februar 2015 an eben diesem Ort die Deutschen Meisterschaften stattgefunden hätten.

Bis dahin hatte er den Sport nur hobbymäßig betrieben, doch ein Wettkampf an der Stätte, an der seine Wassersportkarriere einst begonnen hatte, „das war für mich ein Anreiz mich anzumelden“, erzählt Woltmann. Er gewann, qualifizierte sich später sogar für die Weltmeisterschaften in Belgrad. Inzwischen gehört er zum Nationalteam. Sein nächstes Ziel: „Irgendwann will ich auch mal einen deutschen Rekord knacken.“

Gerade erst ist Woltmann von einer Reise ans Rote Meer zurückgekehrt. Offiziell war es Urlaub, doch ein klein wenig wohl auch Trainingslager, denn auch in Ägypten tauchte der Diplom-Biologe regelmäßig ab. „Es ist für mich mehr als bloß ein Sport“, sagt er. „Es ist eine Lebenseinstellung.“

Sein Herz schlägt langsamer

Längst ist er dem „Rausch der Tiefe“ erlegen, wie ihn der französische Regisseur Luc Besson 1988 im gleichnamigen Film beschrieb – in der Szene natürlich ein Kultfilm. Apnoetauchen, so Woltmann, sei wie Meditation; gefragt ist höchste Konzentration. „Man muss dabei total entspannt sein, man darf sich nicht ablenken lassen.“

Freitaucher wollen die eigene Grenze erfahren, ohne sie jedoch zu überschreiten. Damit unterscheiden sie sich von anderen Extremsportlern. Denn wer zu lange unter Wasser bleibt, riskiert eine Sauerstoffunterversorgung und wird ohnmächtig. Anfänger kommen erst gar nicht in diesen Bereich, in dem der Sauerstoffgehalt des Blutes in kritische Bereiche absinkt – sie tauchen meist viel früher auf, weil sich im Körper giftiges Kohlenstoffdioxid anreichert, was bei vielen zu einem Gefühl von Beklemmung führt. „Wenn sie dann auftauchen, haben sie immer noch einen ausreichenden Sauerstoffgehalt von 90 Prozent“, sagt Woltmann.

Die Kunst beim Apnoetauchen bestehe deshalb darin, die CO2-Anreicherung von diesem Panikgefühl zu entkoppeln. Zudem haben die Sportler den sogenannten Tauchreflex perfektioniert – den Schutzmechanismus des Körpers, der beim Eintauchen zu kurzzeitigem Atemstillstand führt, verlangsamtem Herzschlag und einer Konzentration der Sauerstoffversorgung auf die überlebenswichtigen Organe. Der Reflex kommt bei allen lungenatmenden Lebewesen vor, kann aber auch bewusst trainiert werden. „Mein Körper reagiert inzwischen schon, wenn ich Wasser nur sehe“, sagt Woltmann.

Knapp 10.000 Freitaucher

Mittlerweile lebt er in München, aus beruflichen Gründen. Dort hat er mit einigen Mitstreitern einen Verein gegründet: Freedive Munich. „Wir sind womöglich der einzige reine Apnoetauchverein in Deutschland“, erzählt er. In Berlin etwa gibt es die Disziplin bislang lediglich als kleine Abteilung in Tauchvereinen, in denen ansonsten mit Ausrüstung getaucht wird. „Wir wollen das Zentrum dieses Sports in Deutschland werden“, beschreibt Woltmann die Ziele.

Knapp 10.000 Freitaucher gibt es hierzulande mittlerweile, doch in der Öffentlichkeit ist der Sport immer noch nahezu unbekannt. Das liegt auch an der schwierige Präsentation: Die Wettkämpfe spielen sich größtenteils unter Wasser ab und sind für Zuschauer schwer zu verfolgen.

Auf dem offenen Meer gab es jedoch schon erste Versuche mit Tauchdrohnen. „Das wird den Sport weiter voranbringen“, glaubt Robert Woltmann.

Der Franzose Mifsud schaffte 11:35 Minuten

Bei Rekorden müssen immer zwei offiziell zugelassene Schiedsrichter des Weltverbandes Aida anwesend sein, um anerkannt werden zu können, meist ist das nur bei größeren Titelkämpfen der Fall. Der Weltrekord wird seit 2009 gehalten vom Franzosen Stephane Mifsud mit 11:35 Minuten, bei den Frauen blieb Natalia Molchanova im Jahr 2013 9:02 Minuten unter Wasser. Deutsche Rekordhalter sind Tom Sietas mit 10:12 Minuten und Anna von Bötticher mit 6:12 Minuten.

Der Weltrekord im Streckentauchen liegt bei 244 Metern bei den Männern und bei 185 Metern bei den Frauen. Den deutschen Rekord hält Tom Sietas mit 213 Metern in einem Pool, in einem See schaffte er in diesem Jahr 130 Meter. Mit Flossen liegt der Weltrekord sogar bei 300 Metern bei den Männern, bei Frauen bei 237 Metern.

Beim Tieftauchen wird nach unterschiedlichen Disziplinen unterschieden, je nach verwendeten Gewichten, Flossen und Art der Gewässer. Die Weltrekorde im No-Limit-Bereich liegen derzeit bei 214 Metern bei den Männern und 160 Metern bei den Frauen.