Barcelona

Mehr als ein Ausrutscher

Nach dem 0:3 in Brasilien sieht selbst Lionel Messi den Weltranglistenersten Argentinien in einer Identitätskrise

Barcelona. Endlos zog sich die zweite Halbzeit für Argentinien. Unterworfen den Kunststücken Neymars und den Olé-Rufen der Zuschauer in Belo Horizonte, wo Brasiliens Fußballer einen weiteren Schritt zur Aussöhnung mit ihrem Land feierten. Nach dem Olympiasieg und dem Aufschwung unter dem neuen Nationaltrainer Tite nun also diese Machtdemonstration im Südamerika-Gipfel. Brasilien war dabei schon wieder so weit bei sich, dass es Racheinstinkte unterdrückte, Tricks bevorzugte und den Erzrivalen und WM-Zweiten dadurch halbwegs leben ließ. Wie dessen Kapitän Lionel Messi zugab: „Es hätte schlimmer ausgehen können“. Schlimmer als 0:3.

„Wir sind am Tiefpunkt angelangt“, räumte Messi ein: „Bis zum ersten Tor war es ausgeglichen. Das zweite Tor hat uns liquidiert.“ Infolge eines Einwurfes hatte ein einziger Pass von Gabriel Jesus vier argentinische Verteidiger ausgehebelt und nach der Führung durch Philippe Coutinho (25.) mit dem Halbzeitpfiff das 2:0 durch Neymar ermöglicht. „Wir verloren uns, wir demontierten uns“, so der fünffache Weltfußballer über das, was folgte. Seit langem hat man eine argentinische Elf nicht so hilflos gesehen, so überwältigt und demoralisiert, wenn auch nur Paulinho das Torso in der 59. Minute zu einem weiteren Torerfolg nutzte.

„Das Problem liegt im Kopf“, erklärte Messi: „Wir wissen nicht, was wir spielen“. Deutlicher kann man die Identitätskrise einer Mannschaft nicht formulieren, die bei den letzten drei Turnieren dreimal knapp das Finale verlor, dadurch irgendwann den Glauben und nun in Belo Horizonte auch den Stolz. „Wählen Sie 911!“, flehte die Sportzeitung „Olé“ auf ihrer Titelseite zu einem Foto des brasilianischen Sturmtrios Neymar, Coutinho und Jesus, das sich beim Torjubel imaginäre Telefone ans Ohr hielt: 911 ist in Argentinien die Nummer des Notrufs.

Auf Platz sechs der WM-Qualifikation liegt Argentinien nun, außerhalb der Qualifikationsränge, und wie die Mannschaft schmort auch die Krisendebatte im immergleichen Sumpf: Es geht um Messi. Nach dem Schock des zwischenzeitlichen Rücktritts des Kapitäns wird mit direkten Schuldzuweisungen zwar sorgsamer umgegangen als früher, als bevorzugt seine Vaterlandsliebe in Frage gestellt wurde. Mittlerweile hat insbesondere der TV-Boulevard in Messi dafür den Capo eines Amigo-Systems ausgemacht, in dem viele Spieler nur deshalb zur Nationalelf berufen würden, weil sie dem Superstar den Mate aufkochen oder anderweitig bespaßen. „Wir lieben Messi“, so ein Reporter des Sportkanals „TyC“, „aber wenn der Preis seiner Anwesenheit ist, dass wir weiter die Di Marías, Agüeros, Higuaíns, Zabaletas und Romeros ertragen müssen, bevorzuge ich einen Neuanfang mit einem irdischeren Anführer.“

Doch was hätte Argentinien dann zu bieten? In sieben Qualifkationsspielen ohne Messi gab es nur einen einzigen Sieg, in vier mit ihm immerhin drei. „Der ersehnte Erlöser der Heimat scheint gezwungen, ganz Südamerika mit Plastikbesteck zu bekämpfen“, schreibt „La Nación“ angesichts der fehlenden Mannschaft um ihn herum. Wo Vorgänger Tata Martino immerhin einen verlässlichen, kompakten Spielstil präsentieren konnte, sucht der aktuelle Coach Edgardo Bauza immer noch den Kompass.

Martino hatte im Sommer das Handtuch geworfen, entnervt vom Chaos im argentinischen Fußballverband. Nach dem Tod des jahrzehntelangen Paten Julio Grondona wird das Gremium von Diadochenkämpfen geprägt, in denen Vereinschefs, Gewerkschaftsführer, kriminelle Ultrabosse und Politiker an den Strippen ziehen. Fußball in Argentinien ist viel mehr als Fußball, ein Spielfeld der Macht, ein Abbild ihrer Strukturen. Nicht umsonst subventionierte die ehemalige Kirchner-Regierung massiv den nationalen Ligabetrieb und startete der aktuelle Staatschef Mauricio Macri seine öffentliche Karriere als Präsident der Boca Juniors. Argentinische Toptrainer wie Diego Simeone (Atlético Madrid) bleiben da lieber fern. Und Bauza fiel in Belo Horizonte nicht viel mehr ein als die exklusive Behauptung, „nicht vorgeführt“ worden zu sein.

Superstar bittet um Geduld, aber WM ist 2018 in Gefahr

Auch Messi fand noch einen positiven Aspekt: „Inmitten der ganzen Scheiße haben wir es noch selbst in der Hand“. Am Dienstag geht es gegen den Tabellendritten Kolumbien, ein Sieg würde Argentinien zumindest auf den Relegations-Platz befördern. Sollte beim Heimspiel in der Provinzstadt San Juan nicht früh Besserung zu erkennen sein, droht allerdings ein Spießrutenlauf wie zuletzt bei der Niederlage gegen Paraguay, als man vom eigenen Anhang ausgebuht wurde. „Die Leute sind müde, ich verstehe das, aber ich hoffe, sie haben Geduld mit uns“, bat Messi. So spricht der weltbeste Fußballer, der Kapitän eines Landes, das ganz nebenbei auch eine Position zu verteidigen hat: So absurd es klingt, Argentinien ist Erster der Fifa-Weltrangliste.