Sao Paulo

Sternstunde mit Tücken

Formel 1: Im WM-Duell zwischen Rosberg und Hamilton ist im Mercedes-Rennstall besondere Diplomatie gefragt

Sao Paulo. Normalerweise hat ein WM-Kandidat in der Formel 1 die volle Unterstützung seines Rennstalls hinter sich. Doch wenn die Kontrahenten aus dem gleichen Lager kommen, sind vor allem gefragt: Chancengleichheit und Diplomatie. Letzteres betont die Mercedes-Führung vor dem vorletzten Saisonlauf in Brasilien am Sonntag (17 Uhr, MEZ) ständig, damit wird auch Ersteres de facto garantiert. „Die technische Ausgangslage ist ausbalanciert. Keiner wird technische Vor- oder Nachteile haben“, sagt der Technische Direktor von Mercedes AMG, der Brite Paddy Lowe: „Wie immer sind wir bestrebt, beiden Fahrern bestmögliche Voraussetzungen zu bieten, das heißt standfeste und ausgeglichene Technik.“ Lowe betont, dass die Antriebseinheiten in beiden Autos gleich lange „Vordienstzeiten“ absolviert hätten und Rosberg wie Hamilton auf gleicher Basis in das vielleicht schon entscheidende Wochenende gehen können.

Der Wiesbadener hat 19 Punkte Vorsprung auf den Engländer. Nach elf Saisons in der Formel 1, zwei bitteren WM-Niederlagen in Folge gegen den Stallrivalen hat er es nun erstmals allein in der Hand. Die einfache Gleichung lautet: Sieg = Titel. Und in den vergangenen beiden Jahren war er in Sao Paulo ja auch stets der Sieger gewesen. Und selbst wenn Hamilton beide Rennen noch gewinnt, braucht Rosberg „nur“ einen zweiten und einen dritten Rang zum ersten Titelgewinn.

Mercedes-Motorsportchef Christian „Toto“ Wolff sieht die besseren Karten im Titelkampf eindeutig beim 31-jährigen Deutschen. „Ich denke, dass diese neue Situation mental ein bisschen einfacher ist“, sagte der Österreicher: „Für Nico ist das Gerede vorbei, dass er nur Zweiter werden muss, um es zu schaffen. Er hat es selbst in der Hand. Das ist eine faszinierende Situation.“ Hamilton sei sich bewusst, dass es in Sao Paulo für ihn vorbei sein kann: „Aber er weiß, was er tun muss. Lewis wird niemals aufgeben. Deshalb gehört er auch zu den Besten.“ Wolff ergänzt, dass Mercedes keine bisher verborgenen Asse mehr im Talon hat: „Als Team werden wir alles in unserer Macht stehende unternehmen, um beiden die Möglichkeiten zu geben, die sie benötigen. Wir haben die Performance ausgeschöpft, was am Ende eines Reglementzyklus normal ist. In so einem Fall ist alles viel enger. Deshalb müssen wir auf jedes noch so kleine Detail achten.“ Doch was die Mercedes-Teamführung beunruhigt, sind die Rivalen. Für Red Bull und Ferrari geht es nur noch um den Augenblickserfolg, während sich die beiden Mercedes-Stars vor allem eines nicht leisten dürfen: einen Ausfall, sei es durch Kollision oder technischen K.o. Also werden Rosberg wie Hamilton versuchen, mit Kalkül so schnell wie möglich zu sein, und dabei möglichst wenig Risiko einzugehen.

Doch bei aller Neutralität kann der Rennverlauf auch eine Entscheidung der Teamführung verlangen. Doch wie dann vorgegangen wird, wird wohl ad hoc in der jeweiligen Situation entschieden. Rosberg betont nur, sich nicht ändern zu wollen: „Ich muss weiter das machen, was mir dabei hilft, meine Bestleistung zu bringen – und das bedeutet, jedes Mal auf Sieg zu fahren.“ Nach außen gibt er sich wie immer, postete im Internet Fotos vom Spielen mit Hund Bailey in seiner Küche, vom Cruisen auf einem lindgrünen Motorroller. Nervosität hilft ja auch nicht beim vielleicht wichtigsten Rennen seines Lebens.