Stuttgart

Im Abgaswirbel

Nach dem Ausstieg aus der Langstrecken-WM zieht sich bei Audi nun auch Motorsportchef Ullrich zurück

Stuttgart. Die Nachricht hat nicht wirklich überrascht. Wolfgang Ullrich zieht sich zum Jahresende als Audi-Motorsportchef zurück. Nach 23 Jahren. Ein Jahr wird der 66-Jährige dann noch seinen Nachfolger Dieter Gass begleiten. Bei Audi hat man versucht, diese Personalie so geräuschlos wie möglich über die Bühne zu bekommen. In Zeiten wie diesen, in denen wegen des Abgasskandals jede Personalie für Erschütterungen sorgt, wollte man keine weiteren Diskussionen. Ullrich selbst hat die Nachricht verkündet, weit weg von der Motorsport-Zentrale Neuburg an der Donau im fernen Shanghai, wo am vergangenen Wochenende ein Rennen zur Langstrecken-WM (WEC) stattgefunden hat.

Von Le Mans geht die größere Faszination aus

Diese WEC war das besondere Spielzeug des promovierten Maschinenbau-Ingenieurs aus Wien. Besonders faszinierte ihn dabei das 24-Stunden-Rennen von Le Mans. „Le Mans ist und bleibt eine launische Diva“, hat er den Motorsport-Klassiker einmal beschrieben, „das Rennen hat in seiner Geschichte die größten Dramen geschrieben.“ Zuletzt in diesem Jahr, als der führende Toyota bei der vorletzten Zieldurchfahrt stehenblieb und dadurch Porsche gewinnen konnte.

Mit Audi hat es die Diva Le Mans gut gemeint. 13 Siege bei 18 Teilnahmen sind eine überragende Quote. Ullrich und sein Team haben es dabei verstanden, immer wieder neue Techniken wie die Benzin-Direkteinspritzung, den leistungsfähigen Dieselmotor oder die Hybridtechnik einzuführen, die auch für die Serienmodelle des Premiumherstellers von Bedeutung waren. Auf diese Weise genehmigte ihm der Audi-Vorstand jedes Jahr einen immer größeren Etat. Zuletzt lag dieser bei etwa 350 Millionen Euro, wie ein Insider verrät. Viel Geld für eine Meisterschaft, die eigentlich nur aus einem Rennen besteht.

Deshalb war die Frage nach einem Formel-1-Engagement Ullrichs ständiger Begleiter. Diese wehrte er stets mit demselben Argument ab: „Wir fahren in Le Mans genauso weit wie die Formel 1 in einem ganzen Jahr, wir machen das mit einer höheren Durchschnittsgeschwindigkeit als die Formel 1, und wir verbrauchen dabei deutlich weniger Kraftstoff. Das ist unsere Herausforderung.“ Dabei wusste er immer Ferdinand Piëch auf seiner Seite. Auch der ehemalige Vorstandsvorsitzende und Aufsichtsratschef von Volkswagen war ein begeisterter Fan des Langstreckenrennens.

Um von den Verantwortlichen des veranstaltenden Automobil-Club des l’Ouest ernst genommen zu werden, lernte Ullrich Französisch. Was ihm nicht nur deren Respekt, sondern auch einen Platz in Le Mans, der seinen Namen trägt, einbrachte.

Als Wolfgang Ullrich 1993 den Posten des Motorsportchefs bei Audi übernahm, standen die Zeichen nicht unbedingt auf ein Engagement im großen Motorsport. Aufgrund sinkender Verkaufszahlen wollte der Autohersteller eigentlich gar keinen Motorsport mehr machen.

Gemeinsam mit dem damaligen Audi-Vorstand Herbert Demel schaffte es der neue Sportchef jedoch, 1994 ein Programm für Super-Tourenwagen (STW) mit dem Audi A4 quattro genehmigt zu bekommen. Das Engagement wurde zu einem großen Erfolg, man feierte 1996 in sieben nationalen Meisterschaften den Titel. Als daraufhin der Allradantrieb bei Tourenwagen verboten wurde, endeten auch die Einsätze des A4 quattro.

Ein Teamplayer, der nicht frei von Fehlern ist

Wolfgang Ullrich fand dann im Le-Mans-Projekt ein neues Betätigungsfeld. Dies kam seinem Charakter als Teamplayer sogar mehr entgegen.

Doch Audi kehrte auch wieder zu den Tourenwagen zurück. Nachdem der Kemptener VW- und Audi-Tuner Abt privat vier Jahre mit Audi TTs angetreten war, folgte 2004 das werksseitige Engagement. Sechs Fahrer-Meisterschaften konnten die Ingolstädter seither feiern. Doch mit der DTM ist auch eine von Ullrichs schwärzesten Stunden verbunden. Im vergangenen Jahr funkte der Sportchef beim Rennen in Spielberg seinen Fahrer Timo Scheider an. „Timo, schieb ihn raus“, lautete das Kommando. Und der Pilot gehorchte, schubste die Mercedes von Robert Wickens und dem späteren Meister Pascal Wehrlein ins Kiesbett.

Danach zeigte sich Ullrich nicht sehr souverän, verwickelte sich von Minute zu Minute in immer größere Widersprüche und Schutzbehauptungen. All das nutzte nichts, Ullrich und Scheider mussten ein Rennen pausieren, der Sportchef wurde zudem für den Rest der Saison mit einem Funkverbot belegt. Am bis dahin geschätzten Motorsport-Gentleman Wolfgang Ullrich blieb der Makel der Unfairness hängen.

Als kurz darauf die Schummeleien bei den VW-Dieselmotoren bekannt wurden, stand auch der komplette Motorsport auf dem Prüfstand. Dass lediglich die Wolfsburger ihr Engagement in der Rallye-Weltmeisterschaft und eben Audi das in der WEC beenden müssen, ist noch eine relativ bescheidener Einschnitt. Zumal die Ingolstädter bereits ein neues Werks-Engagement angekündigt haben.

Vom Herbst 2017 werden sie offiziell in der elektrischen Formel E antreten. „Ich werde noch ein Jahr lang an Bord bleiben, um sicherzustellen, dass die Veränderungen bei Audi Sport gut umgesetzt werden“, sagte Ullrich am vergangenen Wochenende. Als ob das sein Nachfolger Dieter Gass, der seit Ende 2011 wieder auf der Audi-Gehaltsliste steht, nicht alleine könnte.