Potsdam

Berliner mit Biss

Tyron Zeuge zeigt im zweiten Anlauf seine Qualitäten und erfüllt sich mit dem WM-Titel einen Kindheitstraum

Potsdam. Nach 2:41 Minuten der zwölften und letzten Runde hatte Roberto Ramirez aus Puerto Rico in seinem 213. WM-Kampf als Ringrichter genug gesehen und nahm Titelverteidiger Giovanni de Carolis, der zum zweitenmal innerhalb weniger Sekunden am Ringboden war – aus dem Kampf. Der neue Champion im Supermittelgewicht der World Boxing Association (WBA) hieß in diesem Moment Tyron Zeuge. 24 Jahre alt, geboren in Neukölln, unbekümmert und „einfach nur glücklich“.

Es war ein außergewöhnlich guter Kampf zwischen dem 36 Jahre alten Römer und seinem Herauforderer. Die 3000 Fans in der ausverkauften Potsdamer MBS Arena dürften vor allem die neunte Runde nicht vergessen, die zu den besten des Jahres in Deutschland zählte. Beide suchten über weite Strecken des Duells in der Nahdistanz den Erfolg. „Nie aufgeben, ruhig bleiben, nachsetzen, was ich letztes Mal versäumt hatte, und mitschlagen“, beschrieb der neue Champion seine erfolgreiche Marschroute, nachdem er im Juli in Berlin gegen den routinierten Titelverteidiger nur ein Remis erreicht hatte, was diesem damals den Titel beließ. Diesmal gelang Zeuge eine Vorstellung, die Ex-Champion Arthur Abraham (36) zutreffend mit „perfekt“ beurteilte. Sein nächster Gegner, in einer WM-Ausscheidung, könnte Robin Krasniqi (29) aus Magdeburg werden, zumindest hat das die World Boxing Organization (WBO) so verkündet.

Promoter Sauerland schließt auch den Verlierer ins Herz

Giovanni de Carolis fand ein paar mehr lobende Worte als der Berliner Abraham: „Tyron war heute der bessere Boxer, er war außergewöhnlich gut. Er hat mich zu Fehlern gezwungen. Im ersten Kampf konnte ich immer, wenn er Druck gemacht hat, dagegenhalten. Das ist mir diesmal nicht gelungen, ich habe meine boxerischen Stärken einfach nicht zeigen können. Er verdient meinen Respekt.“

„Belohne dich!“ und „Du bist ein Tier“ waren die aufmunternden Worte der Zeuge-Trainer Jürgen Brähmer (38) und Conny Mittermeier (54) in der Pause vor dem letzten Durchgang. Und Zeuge belohnte nicht nur sich und die begeisterten Zuschauer. „Die letzten 48 Stunden waren für das deutsche Boxen enorm wichtig und Tyron hat uns alle mit seinem Sieg in ein ruhiges Fahrwasser gebracht“, freute sich Promoter Kalle Sauerland. Der 39-jährige Sohn von Teamgründer Wilfried Sauerland (76) spielte damit auch auf das glückliche Ende der Vertragverhandlungen mit TV-Partner Sat.1 am Tag zuvor an. „Ohne den Vertragsabschluss wären in Deutschland die Lichter für das Profiboxen erst einmal ausgegangen. Jetzt gibt es wieder Planungssicherheit. Und nun Tyrons Sieg als Sahnehäubchen“, so der Manager erleichtert.

„Tyrons Titelgewinn vergrößert unseren Spielraum, eröffnet neue Perspektiven“, zog auch Sauerland Senior erfreut Bilanz. Was den Teamchef aber ins Schwärmen gebracht hatte, war „die Art und Weise, wie sich Tyron durchgebissen hat. Wie er unbedingt seine Chance nutzen wollte und wie er, von dem ich glaube, dass er noch besser boxen kann, als er es uns heute gezeigt hat, bis zum Ende seine Vorteile ausgespielt hat.“ Gleichzeitig versprach Wilfried Sauerland dem Verlierer de Carolis („Den habe ich richtig in mein Herz geschlossen“), ihm eine neue Chance gegen einen anderen Boxer aus den Team zu geben.

Für den neuen Weltmeister, der bereits als Dreijähriger erste Karate-Erfahrungen gesammelt hatte, war die Tragweite seines größten Erfolges zunächst noch nebensächlich. „Es ist ein geiles Gefühl. Für mich ist ein Kindheitstraum wahr geworden. Ich kann das noch nicht in Worte fassen. Ich habe auch nicht gedacht, dass ich vorzeitig gewinnen könnte. Natürlich ist die Freude jetzt um so größer“, ließ der American-Football-Fan wisssen. Bei der US-Sportart schlägt sein Herz für die New England Patiots aus Foxborough im US-Bundesstaat Massachusetts. Kulinarisch für Chili con Carne – in der Vorbereitungsphase auf seinen WM-Kampf aber streng verboten.

Drei bis vier Wochen Urlaub stehen für Tyron Zeuge jetzt an. Voraussichtlich im März 2017 soll es die erste Titelverteidigung geben. „Wir werden uns hinsetzen und nach einem guten Gegner suchen“, sah Kalle Sauerland keinen Grund zur Eile. „Wir stehen erst am Anfang, da kommt noch mehr“, zeigte sich Coach Jürgen Brähmer optimistisch. Der Schweriner steigt aber auf jeden Fall vor seinem Schützling wieder in den Ring. Bereits im Februar 2017 steht die Revanche des nach einer Armverletzung verlorenen WM-Kampfes (1. Oktober) im Halbschwergewicht gegen den Waliser Nathan Cleverly (29) an.