Paris

Andy Murrays Ankunft in einer neuen Dimension

Sein Weg an die Weltranglistenspitze war steinig. Um so mehr verneigt sich die Tennis-Welt nun vor dem Schotten

Paris. Als Novak Djokovic am Ende von zwei Grand-Slam-Wochen in Paris das letzte große Rätsel seiner Karriere aufgelöst hatte, als die Nummer eins der Weltrangliste auch die Nummer eins bei den French Open war, da war die Hackordnung im Welttennis noch wie in Stein gemeißelt. Djokovic hatte etwa doppelt so viele Punkte auf seinem Arbeitskonto, über 8000 Zähler trennten ihn von der Nummer zwei, seinem Verfolger Andy Murray.

Umbruch begann nach Djokovic-Triumph in Paris

Man muss noch einmal auf diese Frühlingstage in Paris zurückblicken, auf den damals am Boden zerstörten Murray und den triumphalen Sieger Djokovic, um zu verstehen, welch epochaler Umbruch seitdem stattgefunden hat – eine Zeitenwende, ein Umbruch und nun ein Machtwechsel, den niemand vorhersehen konnte, zuallerletzt die beiden Großmeister, um die es geht. Um den tatsächlich entthronten Potentaten Djokovic. Und um den neuen Weltranglisten-Spitzenreiter Murray, der während des Pariser Hallenturniers nun den nächsten Meilenstein seiner komplexen Achterbahn-Laufbahn erreichte. „Es war die härteste Aufgabe, die ich je als Spieler hatte, dieser Sprung an die Spitze“, sagte Murray, der seit den French Open die Rolle des Dominators in der Branche übernommen hat, mit einer Paradebilanz von zuletzt 43:3-Siegen.

Es ist eine der erstaunlichsten Geschichten, die das moderne Tennis, überhaupt aber der Sport in den letzten Jahren schrieb – diese Geschichte des Bravehearts Murray, der sich allen Widerständen, allen Skeptikern und Zweiflern zum Trotz doch zu einer der prägenden Persönlichkeiten des Wanderzirkus erhob. Und nun, sieben Jahre nachdem er erstmals die Nummer zwei der Welt wurde, auch den Gipfel erklomm, in einer Epoche gemeinsam mit den Superhelden Djokovic, Roger Federer und Rafael Nadal. „Wir haben einen neuen König. Gratulation, Sir Andy“, verbeugte sich Federer vor dem neuen Branchenführer, einem in Kollegenkreisen hochgeschätzten und respektierten Kämpfer. Alle wissen nur zu gut, welche Herkules-Mission hinter Murray liegt, einem Mann, auf dessen Schultern Erwartungsdruck wie auf keinem zweiten lag. „Niemand hat es schwerer gehabt als er in seiner Karriere“, sagte der schwedische Altmeister Björn Borg, der schon nach Murrays Wimbledonsieg eine Wachablösung prophezeit hatte.

Tatsächlich waren die beiden Wochen in London ein Wendepunkt in diesem verrückten Tennisjahr – und vielleicht sogar darüber hinaus. Jedenfalls bewegten sich die Leistungs- und Ergebniskurven von Djokovic und Murray plötzlich in entgegengesetzte Richtungen. Murray fand mit dem an seine Seite zurückgekehrten Coach Ivan Lendl neuen Halt, neue Balance, neues Selbstbewusstsein. Und Djokovic, der Unberührbare, der Seriensieger, landete zurück in irdischer Schwerkraft – private Probleme, aber auch eine Sättigung, eine Erschlaffung nach dem großen Paris-Moment machten ihm zu schaffen. Bis heute hat er sich nicht wirklich erholt.

Murray nutzte die Schwächen seines ewigen Spielverderbers gnadenlos aus, seit dem Sommer ist er fast immer der Mann gewesen, über den Titel zu holen waren. Aber eben auch jener, der die Titel für sich behielt, ob nun bei den Olympischen Spielen in Rio, beim Masters in Schanghai oder zuletzt in der Wiener Stadthalle. Am Sonntag gewann er das Hallenturnier in Paris durch den 6:3, 6:7 (4:7), 6:4-Sieg über John Isner (USA).

Murray hat sich den Capitano-Rang mehr als verdient, es war die Krönung eines langen, mit beschwerlich nur unzureichend beschriebenen Weges. „Ich habe oft und hart an mir gezweifelt“, sagt Murray, „vor allem, als ich die ersten großen Endspiele immer wieder verlor.“ Und zwar immer wieder gegen den gleichaltrigen Djokovic, den Frusterzeuger aus Belgrad.

Was hat Murray nicht alles zu hören bekommen in seiner Karriere vom aufgepeitschten Londoner Zeitungsboulevard, welche Hoffnungen und Sehnsüchte wurden nicht auf den Mann aus Schottland projiziert? Und doch löste er, nach vielen bitteren Rückschlägen, nach zunächst vier verlorenen Grand-Slam-Finals, nach Spott und Häme übers wiederholte Scheitern, („Er ist wie Popeye ohne Spinat“), doch noch die massiven Erwartungen des Vereinigten Königreichs ein – 2012 erst mit dem Olympiasieg in Wimbledon, danach mit dem Triumph bei den US Open in New York. Und 2013 dann auch mit dem Grand-Slam-Coup auf dem Heiligen Rasen, am 7.7., 77 Jahre nach Fred Perrys letztem Sieg. Murray ist der erste Brite seit Einführung des neuen Leistungssystem in den 1970er-Jahren. Murray musste zwölf Berufsjahre warten, bis das Werk vollendet war. Jener unwahrscheinliche Held Andy Murray, der auch die Traumata seiner Kindheit auf dem langen Marsch durch die Tennis-Institutionen hinter sich ließ. Erst das Schulmassaker in seiner Heimstadt Dunblane, bei dem er sich mit seinem Bruder Jamie vor dem amoklaufenden Pistolenschützen Thomas Hamilton verstecken musste. Und später die familiäre Tragödie, die Trennung seiner Eltern. „Wenn man weiß, was er in jungen Jahren durchlebt hat, weiß man, wie gigantisch seine Karriere eigentlich ist“, sagte Tim Henman, einst einmal der britische Spitzenspieler.

Der zweite Führungswechsel im Welttennis ist aber noch nicht das Abschlussdokument für die Saison. Wer das Jahr als Nummer eins beenden wird, entscheidet sich erst bei der WM in London ab Sonntag. Murray wird dann der Gejagte sein, Djokovic der Jäger.