Fußball

„Uns Uwe“ - Ein Stadion verneigt sich vor der Ikone

Uwe Seeler wird Samstag 80 Jahre alt: Das Spiel des kriselnden HSV gegen Dortmund wird zur größten Geburtstagsparty aller Zeiten.

Uwe Seeler beim Abschiedspiel 1972. Zuvor

Uwe Seeler beim Abschiedspiel 1972. Zuvor

Foto: dpa

Ist es vorstellbar, dass ein Mario Götze, der 2026 seine Karriere mit 34 Jahren beendet hatte, im Jahr 2072 in einen irischen Billigflieger Richtung Malaga steigt, um im spanischen Andalusien für seine Stiftung aktiv zu sein? Und dass „Uns Mario“, kaum dass er in der Economy-Klasse Platz 11c eingenommen hat, schon die Reihen acht bis 13 mit launigen Sprüchen unterhält?

Nichts gegen den Dortmunder Profi, der am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky) in Hamburg auf den krisengeschüttelten HSV trifft – trotz seines finalen Schusses zum WM-Erfolg 2014 in Brasilien liegt die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten dieses Szenarios bei unter einem Prozent. Wer aber Glück hatte, konnte dieses Erlebnis in den vergangenen Jahren regelmäßig erleben, wenn sich Uwe Seeler nach Marbella aufmachte, um mit alten Weggefährten zu golfen und Geld für die Bedürftigen zu sammeln.

Er steht wie kein anderer für Treue und Normalität

Um zu ergründen, warum Seelers Popularität über 44 Jahre nach dem Ende seiner Fußball-Karriere noch immer ungebrochen ist, muss im Grunde nur ein paar Minuten Zeit mit ihm verbringen. Ja, er schlug 1961 ein Angebot von Inter Mailand aus und verzichtete auf ein Millionengehalt, für damalige Verhältnisse eine Wahnsinnssumme. Der Name Seeler steht für Treue, Bescheidenheit, Verlässlichkeit, Disziplin und Bodenständigkeit, was ihn zum Idol nicht nur einer Generation machte.

Was den Nimbus aber bis heute am Leben hält, sind genauso seine Offenheit und Freundlichkeit, wenn ihm eine fremde Frau aus der hinteren Sitzreihe zuruft: „Hallo Uwe, machst du auch Urlaub, oder was hast du vor in Spanien?“ Getreu seinem Lebensmotto „Das Schönste ist es, normal zu sein“ glaubt er nicht, ein besonderer Mensch zu sein, bloß weil er Tore wie am Fließband schießen konnte.

Den Spitznamen „Uns Uwe“ hat er von einem Journalisten

Sein Spitzname „Uns Uwe“, den ihm 1961 ein Frankfurter Journalist nach einem spektakulären 4:1-Erfolg im Europapokal gegen Burnley verpasste, hätte nicht besser gewählt sein können. Seeler ist auch mit fast 80 Jahren ein Mann des Volkes geblieben, ein Volksheld – und das, obwohl ihm in seiner langen Karriere der Gewinn des WM-Titels versagt blieb. Ihn nicht zu mögen, ist praktisch unmöglich.

Seinen 80. Geburtstag am heutigen Sonnabend wollte Seeler eigentlich nur im kleinen Kreis feiern. Eine große Party, die ihm der HSV angeboten hatte, lehnte er ab. Dennoch mutiert das Bundesliga-Spiel vor 57.000 Fans im Volksparkstadion zur größten Geburtstagsparty aller Zeiten. Denn natürlich wird er seinem HSV auf der Tribüne die Daumen drücken. „Ich fange am Besten heute schon damit an“, sagte Seeler Freitag am Telefon. Natürlich leidet der frühere Weltklasse-Torjäger, der zwischen 1958 und 1970 an vier Weltmeisterschaften teilnahm, mit dem HSV. Längst hat Seeler registriert, dass es dem Kader an Qualität fehlt: „Die Situation macht mich traurig. Drei neue Spieler brauchen sie: einen für hinten, einen im Mittelfeld und einen für vorne, der den Ball reinmacht.“

Viel kritischer sieht Seeler jedoch den Mangel an Charaktereigenschaften, die ihn früher so auszeichneten: „Die Spieler können einen schlechten Tag erwischen, das ging uns früher nicht anders. Aber was die Zuschauer verlangen können ist, dass die Spieler beißen, kämpfen und so zumindest aufrecht den Platz verlassen.“

Seine (prominenten) Freunde machen ihm zum Geburtstag Mut: „Sorge dich nicht, Dein HSV steigt nicht“, schreibt Franz Beckenbauer in einem Geburtstagsgruß. Doch der erste Bundesliga-Abstieg ist für Seeler längst ein greifbares Szenario: „Ich würde mir auch die Spiele in der Zweiten Liga anschauen“, sagt er nüchtern.

Anders als der HSV, den er zwischen 1995 und 1998 auch als Präsident führte, bereitet ihm das Alter keine Sorgen. „Mir geht schon seit einigen Wochen dieses Sprichwort nicht aus dem Kopf: „Die Acht, die lacht.“ Was er damit meint: „Wenn jemand vom Älterwerden spricht, erwidere ich locker: Na und? Ich kann den lieben Gott doch nicht beeinflussen und ihn bitten, die Uhr für mich anzuhalten. Es lebt sich viel einfacher, wenn man den natürlichen Lauf des Lebens annimmt.“

Er wohnt seit 1959 im selben Bungalow

Dass der Ehrenbürger Hamburgs trotz einiger körperlicher Beschwerden – seit einem unverschuldeten Autounfall 2010 ist ein Ohr taub, sein Rücken schmerzt chronisch – ein glücklicher Mensch ist, verdankt er seiner Familie. Mit Ehefrau Ilka („Mein bester Treffer“) ist er seit über 57 Jahren verheiratet. Noch immer wohnen sie in Norderstedt nördlich der Hansestadt in dem Haus, das sie 1959 bezogen haben. Seine drei Töchter, die ihm sieben Enkel (darunter den Mainz-Profi Levin Öztunali) schenkten, leben im Umkreis von nur einigen Kilometern. „Ob früher im Sport, in der Familie oder mit Freunden: Treue spielt in meinem Leben eine zentrale Rolle“, betont Seeler.

Man würde sich wünschen, die Fußballer von heute hätten alle etwas „Uns Uwe“ in sich. Mitzuhelfen, in einem Verein etwas aufzubauen und zu wissen, wo seine Heimat ist, kann wertvoller sein als eine weitere Million auf dem Konto. Und wer stets geerdet bleibt, dem wird die Rückkehr aus der Parallelwelt Fußball in die Normalität viel leichter fallen – wie Uwe Seeler.

Zum 80. Geburtstag bringt das „Hamburger Abendblatt“ das Jubiläumsalbum „Danke, Uwe“ heraus. Auf 224 Seiten finden sich viele noch nicht veröffentlichte Fotos. Erhältlich im Buchhandel oder unter abendblatt.de/shop