Berliner gegen de Carolis

Tyron Zeuge kämpft gegen den Absturz des deutschen Boxens

Deutschlands Profiboxern drohen harte Einschnitte. Der Berliner Tyson Zeuge will gegen Giovanni de Carolis den Sinkflut beenden.

Im Juli hatte Tyron Zeuge (r.) gegen Giovanni de Carolis verloren, nun gibt es die Chance zur Revanche

Im Juli hatte Tyron Zeuge (r.) gegen Giovanni de Carolis verloren, nun gibt es die Chance zur Revanche

Foto: Bernd Wende Sportfoto / picture alliance / Photowende

Berlin.  Am Abend des 9. Dezember 1995 entschieden sich 17,96 Millionen TV-Zuschauer fürs Profiboxen. In Stuttgart kämpfte Axel Schulz gegen den Südafrikaner Francois Botha um den IBF-Titel im Schwergewicht. Das Ganze endete beinahe in einer Saalschlägerei und später mit der Annullierung wegen eines Doping-Vergehens Bothas. Es war dennoch ein Startschuss für viele fette Jahre im deutschen Berufsboxen.

Die Zahl derjenigen, die am Samstag einen Fernsehabend für das WM-Duell zwischen dem Italiener Giovanni de Carolis und dem Berliner Tyron Zeuge (ab 22.20 Uhr, Sat.1) einplanen, kennt noch niemand. Nach jüngsten Erfahrungen dürfte sie unter drei Millionen liegen. Denn das Profiboxen befindet sich hierzulande seit geraumer Zeit im Sinkflug. Geling es nicht durchzustarten, endet die Reise am Boden.

Ex-Weltmeister Graciano Rocchigiani (52) beschreibt die Situation gewohnt kompromisslos. „Zeuge hat Talent, Weltklasse ist er aber noch nicht und den kennt irgendwie auch keiner. Warum eigentlich, der soll doch Weltmeister werden! Ich glaube, das Fernsehen müsste mehr machen, um das Profiboxen zurückzubringen. Aber das läuft nicht. Dafür gibt es viel zu viele Kämpfe um irgendwelche Mond-Titel. Heute darf kein Boxer verlieren. Also bekommen sie oft irgendwelche Pfeifen vorgesetzt für einen angeblich tollen Rekord. Viele Leute, die vor ein paar Jahren noch zugeschaut haben, haben keinen Bock mehr darauf.“

Zeuge kann sich in Potsdam finanziell absichern

Klingt hart, ist aber wahr. Wladimir Klitschko (40) und dann schon mit Abstrichen Arthur Abraham (36), Felix Sturm (37) und Marco Huck (32) sind so bekannt, dass sie auch Bundesbürgern ohne Boxaffinität ein Begriff sind. Jack Culcay (30) oder Jürgen Brähmer, beide weltweit sicher in den Top-Ten ihrer Gewichtsklassen, zählen schon nicht mehr zu dieser Kategorie. Ihnen fehlt Charisma, wie auch Zeuge.

In einer Sportart, die vom bewegten Bild abhängig ist, müssen die Aktiven mehr tun, als sich auf ihren Sport zu konzentrieren. Der mittlerweile 38-jährige Brähmer kann das gut ignorieren, seinem Stil treu bleiben. Zeuge nicht. Sein Mantra „Ich mache mir um nichts eine Platte“ wird auf Dauer nicht reichen.

Er sollte sich darüber klar werden, dass er die Chance hat, sich in den nächsten Jahren finanziell für den Rest seines Lebens in eine komfortable Position zu bringen. Noch gibt es dank garantierter TV-Summen auch garantierte Börsen. Das wird sich sukzessive ändern. Sowohl Sat.1 als auch Zeuges Arbeitgeber Team Sauerland erwarten eine Entwicklung in Richtung Pay-per-View. „Wer gut verdienen will, muss die Fans überzeugen. Muss sich präsentieren, im und eben auch außerhalb des Rings“, sagt Manager Kalle Saulerland (44). Das gilt aber auch für den TV-Anbieter Sat.1. Wer verdienen will, muss seine Protagonisten mit deutlich mehr Aufwand als bisher präsentieren.

Internet-Übertragung gegen Bezahlung braucht Starfaktor

Sven Ottke kennt den Unterschied zu den Zeiten, in denen er immer nur gewann: „Wir haben davon profitiert, dass es mit der ARD und dem ZDF zwei große Anbieter gegeben hat und mit Sauerland in Berlin und Universum Promotion in Hamburg zwei große nationale Konkurrenten“, so der Berliner, der seine 21 Titelverteidigungen zwischen 1998 und 2004 fast im 90-Tage-Rhythmus absolvierte. „Boxen war ein guter Quotenbringer am Wochenende. Dadurch waren wir Boxer natürlich schneller bekannt.“

Der 49-Jährige sieht primär die Weltverbände in der Verantwortung: „Es gibt über 80 Weltmeister. Den Schwachsinn versteht doch keiner. Es ist heute schwerer bei den Amateuren Weltmeister zu werden als in einigen Profibereichen.“

Die Titelflut war TV-Interessen geschuldet. Egal bei welchem Anbieter: Nur Titelkämpfe zählen. Interims-WM, International-Championchips, Ausscheidungskämpfe (Eleminator) bei denen der Sieger dann einen imposanten (in der Regel selbst zu bezahlenden) Gürtel erhält, sind Alltag. Und selbst Weltmeistern werden Superchampions (mit WM-Titeln bei mehreren Verbänden) vor die Nase gesetzt. Alles verwässert.

Berliner Feigenbutz ist Opfer einer verfehlten Karriereplanung

Immer mehr Titel bringen immer mehr Boxern Chancen, auch mal nur vermeintliche. Vincent Feigenbutz, Zeuges Kollege in Berlin, ist Opfer einer verfehlten Karriereplanung geworden. Er sollte mit 20 jüngster deutscher Weltmeister werden – und scheiterte, nachdem er eine Reihe indiskutabler Gegner leicht besiegt hatte, peinlich am heutigen Zeuge-Gegner de Carolis. Zu lange schlecht geführt, zu schnell hochgejubelt, sieht das einstige „Großmaul“ die Dinge heute anders. „Ich bin froh, dass sich im Sauerland-Team die Chance habe, einen neuen, vernünftigen Anlauf zu nehmen.“

Quoten-König Axel Schulz (47) sieht nur eine Chance: „Wir haben es selbst in der Hand. Boxen ist immer noch beliebt, aber die Leute sind auch anspruchsvoll. Wir müssen Qualität bieten. Das ist in den letzten Jahren manchmal zu kurz gekommen.“

Für Kalle Sauerland ist der Zeuge-Kampf in Potsdam daher nun der „wichtigste der letzten Zeit“. Hier soll der Sinkflug enden. „Tyron trägt eine enorme Verantwortung. Es geht um die Wurst für das Profiboxen in Deutschland. Aber ich glaube trotz mancher Probleme an das Produkt Boxen.“ Sauerland ist aber klar, dass es auch vom Partner Sat.1 einer neuen Strategie bedarf: „Wir führen gute Gespräche und ich bin Sat.1 dankbar, dass sie sich im Boxen engagieren.“ Vielleicht kommt es schon demnächst bald zur Vertragsverlängerung.

Zeuge-Trainer Conny Mittermeier macht nach dem verlorenen ersten Duell gegen de Carolis im Juni sogar richtig Druck. „Tyron muss zeigen, dass er ein Mann ist. Ich will einen richtigen Kampf sehen. Ich hoffe, er enttäuscht mich nicht“, sagte er. Sportlich nachvollziehbar, aber nach Fingerspitzengefühl klang das nicht. So etwas sagt man einem sensiblen 24-Jährigen wie Zeuge, trotz dessen vermeintlicher Unbekümmeretheit, unter vier Augen. Damit aus Sinkflug nicht Sturzflug wird.