Wrestling

Tim Wieses neues Leben als Bösewicht

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Jan Kanter
Tim Wiese beim Training

Tim Wiese beim Training

Foto: FUNKE Foto Services / Kai Kitsch / Funke Foto Services

Der ehemalige Nationaltorwart Tim Wiese bestreitet heute als „The Machine“ seinen ersten Wrestling-Kampf. Alle sind gespannt.

Frankfurt/Essen.  Der Kampfname ist das Wichtigste. Klar. Klingt der nicht nach Spektakel, nicht nach einem Haudrauf, nimmt dich keiner ernst. Im Fußball ist das egal, da tauft dich höchstens mal der Boulevard „Rambo“, wenn du einen umtrittst, oder „Kapitänchen“, wenn du ein schlaffer Anführer bist. Aber beim Wrestling? Da suchst du dir besser gleich zum Anfang einen martialischen Namen selbst aus. Und Tim Wiese will in seiner zweiten Karriere alles richtig machen.

Am Mittwoch hat der 34-Jährige seinen Kampfnamen verraten. Wenn er an diesem Donnerstag in der Münchner Olympiahalle erstmals als Wrestler für die WWE, die World Wrestling Entertainment, in den Ring steigt, dann heißt er „The Machine“ (die Maschine). Zusammen mit seinen Partnern „Cesaro“ und „Sheamus“ tritt der ehemalige Fußball-Nationaltorwart gegen das Duo „The Shining Stars“ und „Bo Dallas“ an. „Es kann kommen wer will. Ich bin nicht zu schlagen“, sagte Wiese auf einer Pressekonferenz in Frankfurt. Das klang schön nach Haudrauf, nach Spektakel. „Es gibt nur ein Ziel: Zerstörung. Ich will Gas geben und freue mich darauf.“

Die Maschine läuft also wieder. Diesmal nur völlig anders, skurriler als jemals zuvor. Sie begann für den ehemalige Schlussmann von Kaiserslautern, Werder Bremen und Hoffenheim als PR-Maschine, die zum Wrestling dazu gehört. Er sprach schon seit Wochen von einer knallharten Vorbereitung und davon, dass er „wie ein Tornado durch den Ring fegen“ und seine „Gegner zerstören“ werde.

Monatelanges Schuften im Fitnessstudio, dazu ein extremes Drill-Camp in Orlando und schmerzende Sparrings mit anderen Kraftpaketen – für die Erfüllung seines großen Traums ging Wiese bis an die Schmerzgrenze. „Die Tryouts in den USA waren unglaublich, überhaupt nicht mit Fußball-Training zu vergleichen“, sagte Wiese, der knapp 120 kg Kampfgewicht auf die Waage bringt und bei der WWE hoch hinaus will. „Das Ziel ist es natürlich, irgendwann einmal Champion zu werden.“

Ungeliebt auch auf dem Rasen

Ob Wrestling tatsächlich Sport ist, darüber streiten die Gelehrten ja immer noch. Klar ist aber, dass Wiese die Regeln des Spektakels perfekt verinnerlicht hat: Klappern gehört zum Handwerk, und das – so viel steht bereits vor dem Kampf fest – betreibt der Sportler, der immerhin mit Werder Bremen mal Pokalsieger und Nationaltorhüter war, höchst professionell. Die Wrestling-„Kämpfe“, soviel sei jenen verraten, die sich noch nie spätnachts vor dem Fernsehgerät zu Übertragungen aus den USA verirrt haben, sind sehr sorgfältig durchchoreografiert, die Rollen, Gut und Böse, Gewinner und Verlierer genau verteilt. Keine Frage, welche Rolle sich Tim Wiese ausgesucht hat. „Der Bad Boy war ich schon immer“, erzählte er der „Sport-Bild“. „Ich werde sofort Gas geben.“

Tatsächlich muss sich Wiese nicht großartig verstellen. Bereits als Fußball-Profi war er das Enfant Terrible der Liga. Mit Vorliebe provozierte er Fans in gegnerischen Stadien, vor allem die beim Hamburger SV: Seit die ihn einmal wegen eines gewagten Torwart-Outfits verspotteten, trat er vor allem dort immer wieder in Rosa an. Er fiel immer wieder im Kontakt mit gegnerischen Stürmer auf. Wiese wuchs an den Pfiffen. Und irgendwie scheint es, als wäre er nun als Wrestler wieder gewachsen – an den Lachern derer, die über ihn den Kopf schütteln.

Zuletzt war es etwas ruhiger um ihn

Auch wenn es seit einigen Jahren vergleichsweise ruhig um den 1,93-Meter-Mann war: Formal hatte er noch bis zum Sommer einen Vertrag bei der TSG Hoffenheim, war also aktiver Fußballspieler. Dorthin war er 2011 in einer Karriere-Fehlentscheidung gewechselt und schnell aussortiert worden. Das Gehalt wurde weiter gezahlt. Zumindest finanziell war die TSG eine kluge Entscheidung. Dennoch bleibt die Frage, was Wiese zum Wrestling getrieben hat. Der gebürtige Bergisch Gladbacher ist ein exaltierter Typ.

Das war nicht nur in den Fußballstadien manifest, Wiese posiert bis heute gerne vor schnellen, teuren Autos, pumpte seinen Körper bis kurz vor die Unkenntlichkeit auf, wog zwischenzeitlich muskelbepackte 140 Kilo. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass Wiese durch sein ungeplantes Karriere-Ende in Hoffenheim kurz vor dem Absturz stand. Für einen Menschen, der das Scheinwerferlicht liebt, muss dauerhafte Stille unerträglich sein.

Nun steht er wieder im Scheinwerferlicht. Die Stille ist dem Lärm um ihn gewichen. Will er aber die Granden der WWE als Anfänger unter vielen beindrucken, muss er etwas zeigen. Tim Wiese sagt es so: „Zunächst möchte ich mich in Deutschland möglichst gut verkaufen und eine geile Show abliefern.“