Singapur

Lust auf Rampenlicht

Beim WTA-Finale erreicht Angelique Kerber als Gruppenerste das Halbfinale und ist auch neben dem Platz gefragt

Singapur. Als Angelique Kerber dieser Tage in Singapur gefragt wurde, worauf sie sich am meisten in der nahenden Urlaubszeit freue, kam die Antwort knapp und klar. „Dass ich nicht dauernd auf die Uhr schauen muss, was als nächstes kommt“, sagte die Weltranglisten-Erste mit einem angedeuteten Lächeln. Kerber, seit den US Open die Frontfrau des weltweiten Damentennis, lebt ein neues Leben an der Spitze – mittendrin im Scheinwerferlicht, angestrahlt von den Medien, herausgeleuchtet von ihrer Spielerinnengewerkschaft WTA. In Singapur, bei der Weltmeisterschaft, erlebt die 28-jährige Kielerin erstmals in vollem Glanz und in voller Härte, was es bedeutet, die Vorzeigefigur, wenn nicht das Gesicht ihres Sports zu sein. „Manchmal kommt es mir so vor, als hätte der Tag mehr als 24 Stunden“, sagt Kerber, „die Dichte der Verpflichtungen ist extrem hoch.“

10 Millionen Dollar Preisgeld, neue Sponsoren stehen an

Aber, kein Missverständnis: Die Nummer eins klagt nicht darüber, sondern macht im Rampenlicht eine sehr gute Figur. In der Hauptrolle, der sie jahrelang nachgelaufen ist, für die sie mehr kämpfen und investieren musste als andere Thronbesteigerinnen. „Angie ist eine gewinnende, unheimlich sympathische Persönlichkeit“, sagt Steve Simon, der WTA-Chef, „wir sind wirklich glücklich, wie sie ihre Position an der Spitze ausfüllt.“ Gerade in Asien erlebt Kerber, wie sich ihre professionelle Karriere mit dem Satz auf den Gipfel verändert hat – in einer Region, die Superstars und die absolut Besten idolisiert. Anders als im letzten Jahr, als Kerber noch in einer Randlage als WM-Teilnehmerin war, scharen sich Fans und Medien nun im Stadtstaat um die blonde Deutsche.

Selfies mit Kerber stehen plötzlich auf Höchstkurs. Wo immer Kerber in den letzten Tagen vor dem Turnier Sponsorenauftritte absolvierte, erfüllte sie Dutzende bis Hunderte Autogrammwünsche. „Angie macht gerade den Sprung zu einer internationalen Topgröße“, sagt Viktoria Wohlrapp, Leiterin der Sportkommunikation bei Porsche. Die Stuttgarter Automobilbauer hatten Kerber im Frühjahr 2015 als Markenbotschafterin verpflichtet. Ein Glücksgriff, wie sich 2016 zeigte – Maria Scharapowa, ebenfalls eine Porsche-Repräsentantin, geriet wegen ihrer Doping-Sperre ins Abseits, Kerber stieg währenddessen zur Nummer eins auf. Dort oben zu sein, mit allen Konsequenzen, ist für Kerber Lust und nicht Last. „Als Nummer eins ist man auch Botschafterin seines Sports“, sagt Kerber, „das ist manchmal mühsam mit den Terminen, aber auch schön.“ Kerber lernte auch, Nein zu sagen: „Es fällt schwer, was abzusagen. Vor allem, weil es mir schwer fällt, Menschen zu enttäuschen. Aber es geht nicht ­anders.“

Kerber, die am Rande der WM als „Spielerin des Jahres“ (eine Wahl der Spielerinnen, der Medien und der Fans) und noch einmal als Nummer 1 der Saison ausgezeichnet wurde, spürt ihren Spitzenstatus inzwischen auch als selbstständige Unternehmerin. 2016 machte die Firma Kerber mehr Umsatz als in allen anderen Karrierejahren zuvor. Bereits vor der WM hatte die 28-jährige 8,66 Millionen Dollar eingespielt, bestenfalls können in Singapur 2,3 Millionen Dollar hinzukommen. Auch Sponsorengelder schraubten sich in die Höhe, weil vertragliche Boni für den Sprung auf Platz 1 und für Grand Slam-Siege fällig wurden. Es kommen neue Geldgeber hinzu, neben Porsche, Adidas, Ausrüster Yonex und der Generali-Versicherung. Angeblich steht ein Kontrakt mit der Uhrenmarke Rolex vor dem Abschluss. Dazu zeigen Schmuck- und Parfümhersteller sowie eine Gastrofirma Interesse. „Bei Angelique Kerber wird die Natürlichkeit und Bodenständigkeit geschätzt“, sagt ein Branchenkenner, „sie ist das nette Mädchen von nebenan, dem man ­abnimmt, was es sagt.“

Noch ein paar Tage muss Kerber in diesem größten Jahr ihres Tennislebens durchhalten. Mehr Spiele als jede andere WM-Mitstreiterin hat sie auf dem Buckel, 79 Matches bisher, und im Idealfall würde die Saison bei 81 Duellen enden – im Finale am Sonntag. Im letzten Gruppenspiel gegen die US-Amerikanerin Madison Keys setzte sich Kerber mit 6:3 und 6:3 durch. Im Halbfinale trifft die Kielerin entweder auf die Polin Agnieszka Radwańska oder die Tschechin Karolina Pliskowa.