Berlin

Die Durchstarter

Herthas nächster Gegner Hoffenheim schreibt moderne Fußballmärchen. Ganz ohne Plastik

Berlin.  Pal Dardai schob das Thema schnell beiseite. Am liebsten wäre er in der nächsten Pokalrunde auf den 1. FC Union getroffen, sagte der Hertha-Coach, „das wäre ein Event für die ganze Stadt gewesen“. Stattdessen wird sich sein Team nun bei Borussia Dortmund beweisen müssen – so wie Union am Mittwoch. Ein Hammerlos, aber eines, das noch in weiter Ferne liegt (7./8. Februar). „Erst einmal müssen wir nach Hoffenheim“, betonte Dardai. Und diese Aufgabe wird am Sonntag (15.30 Uhr) schwer genug.

Dass sie im Kraichgau das größte Hochgefühl seit 2008 erleben, liegt weniger am gerade verkündeten Rekordumsatz (128 Mio. Euro), als vielmehr an der Rückkehr zum erfolgreichen Fußball. Ganz so furios wie in der spektakulären Aufstiegs-Hinrunde vor acht Jahren gestaltet sich der Aufschwung zwar nicht, aber in der Bundesliga ist 1899 noch ungeschlagen. Tabellenplatz vier, nur einen Punkt hinter Hertha.

Noch bemerkenswerter als die Bilanz sind jedoch die Geschichten dahinter. Die des ersten Nationalspielers made in Hoffenheim zum Beispiel. Oder die eines Hoffnungsträgers, der beim Hamburger SV durchs Raster fiel und nun die Liga aufmischt. Vom erst 29 Jahre alten Trainer ganz zu schweigen. Moderne Fußballmärchen, die das Image vom Mäzen-gezüchteten Plastikklub zunehmend verdrängen.

Niklas Süle heißt der junge Mann, der den Blick von Bundestrainer Joachim Löw nach Sinsheim gezogen hat. Trotz seiner 21 Jahre kann der Innenverteidiger bereits 82 Erstligaeinsätze vorweisen. Plus ein Länderspiel: Ende August gab er gegen Finnland sein Debüt. Vorausgegangen war der Gewinn der Silbermedaille bei Olympia, als einer der Auffälligsten im DFB-Team. Auch in seinem Klub ist er längst eine feste Größe – und ein Prestigeobjekt. Dass ein Spieler den Sprung aus der TSG-Jugend in die Nationalelf geschafft habe, sei „eine besondere Bestätigung“, sagt Klub-Boss Dietmar Hopp.

Während Süles Weg systematisch nach oben führte, musste Kerem Demirbay seinen erst finden. Der HSV verpflichtete den 23-Jährigen Mittelfeldspieler zwar schon 2013, wusste mit ihm aber nichts anzufangen. Auch nicht nach Leihgeschäften mit Kaiserslautern und Fortuna Düsseldorf, wo Demirbay in 25 Spielen zehn Tore schoss. Die 1,7 Millionen, die Hoffenheim im Sommer für den Linksfuß bot, nahmen sie an der Elbe dankend an. Nun steht Demirbay seither in der Startelf und bringt die gegnerischen Verteidiger durch aggressives Anlaufen in arge Nöte. Der Lohn seiner Arbeit: zwei Tore, eine Vorlage. „In so kurzer Zeit eine so dominante Rolle einzunehmen, ist außergewöhnlich“, sagt Sportchef Alexander Rosen.

Derjenige, der hinter diesen Entwicklungen steht, ist der größte Durchstarter von allen bei 1899: Trainer Julian Nagelsmann. In den 22 Spielen unter seiner Leitung hielt das Team nicht nur die Klasse, sondern holte auch 39 Punkte. Nur Bayern München und der BVB waren in diesem Zeitraum erfolgreicher. Und: Eine Weiterentwicklung ist erkennbar. Taktisch ist die TSG flexibler geworden, dazu schlugen neben Demirbay auch die Zugänge Kevin Vogt (Abwehr) und Sandro Wagner (Angriff) ein.

Dass es im Pokal gegen Köln nun die erste Pflichtspielpleite der Saison setzte, kann Nagelsmanns Selbstvertrauen nichts anhaben. „Die ersten 20 Minuten waren das Stärkste, was wir bisher gezeigt haben“, sagt er, „so können wir auch gegen Hertha bestehen.“ Eine Erkenntnis, die man bei Hertha nicht beiseiteschieben sollte.