Leverkusen

Bei Herrn Schmidt ist nichts mehr Roger

Leverkusens emotionaler Trainer entschuldigt sich für seine Schimpftirade, muss aber mit einer Strafe des DFB-Kontrollausschusses rechnen

Leverkusen. Den Humor hatte Roger Schmidt schon bald nach seinem Rückfall wiedergefunden, auch wenn es nach dem 0:3 gegen Hoffenheim vor allem Galgenhumor war. Schließlich schwirrte auch Leverkusens Trainer nach seiner Schimpftirade gegen den Kollegen Julian Nagelsmann sofort die Geschichte vom Februar im Kopf herum – als er sich im Spiel gegen Dortmund so lange weigerte, auf die Tribüne zu gehen, bis Schiedsrichter Felix Zwayer die Partie unterbrach. Es war kein Ruhmesblatt für Schmidt, der 20.000 Euro Geldbuße zahlen musste und für drei Partien gesperrt wurde – plus zwei Spiele zur Bewährung.

Die Frist für diese Zusatzstrafe läuft bis zum 30. Juni 2017. Und weil er nach seinen verbalen Ausfällen gegen Nagelsmann nun – diesmal von Referee Bastian Dankert – erneut auf die Zuschauerränge geschickt wurde, gilt Schmidt als Wiederholungstäter. Was das für das Strafmaß durch das DFB-Sportgericht bedeuten könnte, vermochte der 49-Jährige nicht zu beurteilen. „Sie denken, dass ich ein Experte auf diesem Gebiet bin“, schmunzelte Schmidt bei dieser Frage lakonisch in die Runde. Am Sonntag erklärte Anton Nachreiner, der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses, dann gegenüber dem Kölner „Express“: „Wir werden ein Verfahren einleiten – mit einer sachgerechten, angemessenen Sanktion.“

Nach einem Zweikampf direkt vor ihren Nasen hatten sich beide Trainer in der 51. Minute ein hitziges Wortgefecht geliefert, Schmidts Beitrag fingen die Mikrofone des TV-Senders Sky dabei als belastendes Material ein. „Gar nichts war das! Was bist du denn für ein Spinner? Halt doch einfach mal die Schnauze!“, fauchte der Bayer-Trainer, der wie sein Klub bis Dienstag um eine Stellungnahme gebeten wurde, sein Pendant aus dem Kraichgau an. Ohrenzeuge: Mark Borsch, der Vierte Offizielle. „Er hat’s gehört, hat zugepackt – und mich auf die Tribüne geschickt“, berichtete Schmidt – der diesmal aber nicht störrisch, sondern lammfromm reagierte.

Gleich nach Abpfiff entschuldigte er sich bei Borsch, sprach sich mit Nagelsmann aus – und umgarnte den 20 Jahre jüngeren Kollegen später für dessen Spielanalyse. „Sehr gut zusammengefasst“, lobte Schmidt ausdrücklich – während sich Rudi Völler zuvor mit auffallend leiser Stimme zu dem Vorfall geäußert hatte. „Das war nicht ganz die feine englische Art. Aber die Sache gegen Dortmund hatte eine ganz andere Dimension – da hat er von uns allen auch die Gelbe Karte gesehen“, zog Bayers Sportdirektor den direkten Vergleich und betonte: „Nur weil er Spinner gesagt hat zu Nagelsmann, der wie ein HB-Männchen herumspringt, werden wir nicht nervös und stellen unseren Trainer infrage. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“

TSG-Trainer Nagelsmann nimmt Kollegen in Schutz

Moralische Unterstützung bekam Roger Schmidt auch vom Gegner. „Man sollte das Ganze nicht so hoch hängen, auch wir Trainer haben einen hohen Puls. Für mich ist die Sache abgehakt“, erklärte TSG-Coach Nagelsmann. Verständnis äußerte zudem Hans-Joachim Watzke. „Solche Beleidigungen finde ich nicht dramatisch, Fußball ist eben kein Halma oder Schach“, argumentierte der BVB-Boss im ZDF-Sportstudio, gab für diesen speziellen Fall aber zu bedenken: „Dass es während der Bewährungsstrafe passiert ist, ist ein zusätzliches Problem.“ Der Angeklagte tat jedenfalls alles, um die Gemüter zu beruhigen. „Ich hab‘ ein paar Worte gesagt, die nicht in Ordnung waren“, meinte Roger Schmidt kleinlaut. „Ich fühl‘ mich nicht toll, dass ich auf die Tribüne musste. Und ich hätte nicht gedacht, dass mir das noch mal passiert.“ Ein Premierenerlebnis hatte dagegen der frühere Hoffenheimer Kevin Volland, der mit seinem Platzverweis nach sechs Minuten, dem ersten in seiner Karriere, die Partie früh in eine für die Rheinländer ungünstige Richtung lenkte.

„Wenn man als letzter Mann foult, ist es eine Rote Karte. Aber wenn es nicht so eindeutig ist, könnte man es auch ein bisschen anders sehen“, erklärte Volland in leiser Verzweiflung – nachdem Bayer durch die Tore des von ihm gefoulten Kerem Demirbay (15.), Sandro Wagner (49.) und Steven Zuber (60.) auf Rang elf zurückgefallen war. „Wir haben auch in der letzten Saison viele schwierige Phasen gehabt“, beharrte Kevin Kampl, der Beste seines Teams, auf der Krisenfestigkeit der Leverkusener und prophezeite: „Wir werden auch diesmal wieder den Anschluss schaffen.“