Singapur

Wie eine Nummer eins

Beim WTA-Finale kämpft sich Angelique Kerber zum Auftaktsieg über die Slowakin Cibulkova

Angelique Kerber

Angelique Kerber

Foto: Getty Images / Getty Images Sport/Getty Images

Singapur. Es war ein Spiel wie eine Miniaturausgabe des ganzen Tennisjahres von Angelique Kerber. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, eine wilde und herausfordernde Reise. Doch in Singapur, dem Ort des WM-Schreckens der vergangenen Saison, war wie sonst auf den großen Bühnen etwas anders für die Frontfrau des Tennis – nämlich, dass die knappen und hart umstrittenen Matches halt mit einem Sieg für sie enden. Fast 140 Minuten lang fightete Kerber mit aller Leidenschaft am ersten Turnierabend gegen Dominika Cibulkova, das 161 Zentimeter kleine Energiebündel aus der Slowakei, dann war der 7:6 (7:5), 2:6, 6:3-Erfolg im wichtigen Auftaktmatch des Elitetreffens der besten Acht festgeschrieben.

„Die Erleichterung ist schon groß jetzt. Ich wollte diesen Sieg mit aller Macht“, sagte die Weltranglistenerste, die zum zweiten Mal bei vier WM-Teilnahmen mit einem Erfolgserlebnis in den Wettbewerb startete. So groß war die Anspannung und nervliche Belastung, dass es Mutter Beata Kerber im dritten Satz nicht mehr auf ihrem Logenplatz hielt - leicht aufgelöst flüchtete die Mama aus dem Singapore Indoor Stadion in die tropische Nacht und kehrte erst zurück, als die Tochter den ersten Matchball verwandelt hatte.

Der unfreundlichen Beziehung zwischen dem Abschlussturnier der WTA-Tour, das traditionell noch einmal die Besten der Saison versammelt, und der neuen Spitzenkraft Kerber drohte eine frustrierende Fortsetzung. Und zwar, als Cibulkova nach dem schnellen 1:1-Satzausgleich auch im dritten Akt des Thrillers mit einem Break in Führung ging. „Ich wusste, was für ein extrem schweres Match das werden würde“, sagte Kerber, „sie ist eine der stärksten Spielerinnen der letzten Monate gewesen.“

Doch wie in Melbourne, Wimbledon oder auch bei den US Open verzagte Kerber nicht, als sie zur Preisgabe ihres ganzen Könnens ausgefordert war. In höchster Not zeigte die Deutsche, warum sie auf dem Tennisthron residiert und mit 60:17 Siegen über die weitaus beste Bilanz in dieser Spielserie 2016 verfügt. „Sie hat ihr Herz in die Hand genommen, noch mal richtig zugelegt. Und dann auch verdient gewonnen“, sagte Trainer Torben Beltz, der selbst in der Kerber-Loge am Spielfeldrand große Mühe hatte, seine Nerven unter Kontrolle zu halten, „dieser Sieg hat schon Gewicht.“

Auch, weil Kerber bei dieser Weltmeisterschaft zum ersten Mal bei einem Topturnier in der Rolle der Gejagten ist, einer Frau, gegen die Siege neuerdings mehr zählen als früher. „Ich muss hier wirklich noch einmal alle Reserven mobilisieren“, hatte Kerber schon vor den ersten Ballwechseln gesagt – und daran gab es nichts zurückzunehmen gegen die formstarke Cibulkowa. Schon in diesem packenden Duell wurde die 28-jährige Kielerin bis ans Limit gefordert. Ihre Gegnerin aus der Slowakei steckte auch nicht zurück, als die Nummer eins den ersten Satz im Tiebreak für sich entschied – ganz im Gegenteil: Danach übernahm Cibulkowa, peitschte Siegpunkt um Siegpunkt ins gegnerische Feld, ließ Kerber phasenweise kaum eine Chance.

Kerber, bisher nur frustrierte Randfigur bei den vorherigen drei WM-Ausgaben mit ihrer Beteiligung, kann im Idealfall schon am Dienstag (13.30 Uhr) die erste Halbfinalqualifikation klarmachen. Dazu müssen Kerber und ihre Sonntagsgegnerin Cibulkowa jeweils ihr zweites Gruppenmatch gewinnen, Kerber gegen die Rumänin Simona Halep und Cibulkowa gegen die US-Amerikanerin Madison Keys. Erstmals schöne Aussichten also für die Nummer eins, auch die Nummer eins bei der WM zu werden.