Radsport

Gesichtsverletzungen, Eiswesten und nur wenige Fans

Hitzetortur statt Hochglanzbilder: Die Rad-WM in Katar gibt einen Vorgeschmack auf folgende Großevents in Leichtathletik und Fußball.

Foto: Bryn Lennon / Getty Images

Doha/Berlin.  Nach seinem WM-Triumph im Mannschaftszeitfahren rümpfte Radprofi Tony Martin die Nase. „Wir mussten davon ausgehen, aber es ist natürlich schade, oben auf dem Podium zu stehen, und es sind mehr Reporter als Fans um einen herum“, sagte der 31-Jährige über die in jeder Hinsicht unwürdige Atmosphäre zum Auftakt der Straßenrad-Weltmeisterschaften im Wüstenstaat Katar.

Die fehlenden Zuschauer waren dabei noch das kleinere Übel, das größere Problem ist die fast unerträgliche Hitze, die bereits zu einem heftigen Unfall führte. Die Niederländerin Anouska Koster fuhr durch einen Hitzeschlag bedingt wie von Sinnen auf fast gerader Strecke in die Absperrgitter und überschlug sich. Blutende Wunden und Prellungen im Gesicht trug sie davon.

Etwa 38 Grad Celsius zeigte das Thermometer nämlich, als die Frauen am Sonntag noch in der Mittagshitze ihr Teamzeitfahren absolvierten. Die Deutsche Trixi Worrack, die mit ihrer Equipe Canyon-SRAM Rang zwei belegte, fand die Bedingungen „echt hart. Wir haben bis drei Minuten vor dem Start eine Eisweste angehabt, um uns runterzukühlen“, sagte sie und sprach von einer Körpertemperatur von bis zu 41 Grad während des Rennens, die ein Messgerät anzeigte: „Das ist schon eine harte Nummer.“

Am Rande der Gesundheitsgefährdung

Zwar waren zwei zusätzliche Motorräder im Einsatz, die die Fahrer mit Wasser versorgten, insgesamt wurden 10.000 zusätzliche Flaschen ausgegeben. Trotzdem bewegen sich die Sportler am Rande der Gesundheitsgefährdung, trotz frühzeitiger Anreise und verschiedener Maßnahmen zur Hitzeanpassung.

Statt der erhofften Hochglanzbilder liefert die Hitzetortur nun erschreckende Eindrücke aus Katar. Im Zielbereich lagen Fahrerinnen völlig entkräftet auf dem Asphalt, die frühere deutsche Zeitfahrmeisterin Mieke Kröger brauchte noch auf dem Weg zur Siegerehrung Unterstützung.

Entsprechend laut fällt die Kritik an den Verantwortlichen aus. „Die UCI hat das nicht durchdacht. Das macht keinen Sinn. Die Hitze, das ist unmöglich. Es ist wie in einer Sauna“, schimpfte Roxane Knetemann, eine Kollegin der gestürzten Koster. Und die Niederländerin Chantal Blaak betonte: „Sogar die Lungen haben geschmerzt. Nach 20 Minuten waren wir überhitzt.“

Auch fehlte es offenbar an medizinischer Betreuung. Teilweise mussten die Fahrerinnen bis zu 20 Minuten auf ärztliche Hilfe warten. „Ich bin noch nie in solch einer Hitze gefahren. Du gehst an dein Limit und weißt nicht, was mit deinem Körper passiert“, sagte sogar Olympiasiegerin Anna van der Breggen.

Das Straßenrennen könnte nun deutlich verkürzt werden

Auch die Männer zollten der Hitze Tribut, obwohl sie später am Sonntagnachmittag dann einen Tick weniger unter den Bedingungen zu leiden hatten als die Frauen. „Wir hatten Start gegen 16 Uhr Ortszeit, das war machbar“, sagte Marcel Kittel zwar, der an der Seite von Martin mit dem Team Etixx-Quick Step siegte. Aber Martin fügte dann doch hinzu: „Nach 15 Minuten ist der Motor bei allen heißgelaufen, ab da war es eine einzige Quälerei. Es war unglaublich heiß.“

Radsport und Hitze, das ist an sich nicht ungewöhnlich. Doch Radsport und Wüste, das passt nicht zusammen. Der Weltverband UCI hat zur ersten WM im Nahen Osten, die 2012 noch unter dem skandalumtosten Pat McQuaid vergeben wurde, eine 28-seitige Broschüre mit dem Titel „Beat the heat“ – „Besiege die Hitze“ verfasst.

Ein vierköpfiges Medizinergremium beobachtet zudem täglich die Gegebenheiten und spricht Empfehlungen aus. In Abstimmung mit der Fahrergewerkschaft könnte nun aber das Straßenrennen am Sonntag (257 Kilometer) um die lange Passage durch die Wüste verkürzt werden.

Der Preis ist zu heiß

Grenzwertige Verhältnisse für die Athleten und dann auch noch kaum Publikum: Es wird interessant sein, zu beobachten, wie die Katarer nun reagieren. Auf dem Weg zur Sport-Großmacht will sich das Emirat nach wie vor empfehlen.

Katar richtet 2019 die Leichtathletik-WM aus und nicht zuletzt die Fußball-WM 2022. Die große Vision sind die Olympischen Sommerspiele. Geld spielt dabei keine Rolle. Nur ist der Preis eben viel zu heiß, vor allem für die Athleten selbst.

Bei der Handball-WM 2015 wurden Soldaten in die spärlich gefüllten Hallen gesetzt, um Plätze zu füllen. Fans, die damals die katarische Multi-Kulti-Truppe unterstützen sollten, wurden kurzerhand im Ausland eingekauft. „Vielleicht kommen am Sonntag zum Straßenrennen noch Fans eingeflogen“, sagte Tony Martin. Er meinte echte Anhänger, keine Claqueure.