Hamburg

Gefährlicher als Schweinsteiger

Ilkay Gündogan ist ein verhinderter Weltmeister. Nun soll er eine große Lücke in der Nationalelf schließen

Hamburg. An die bordeauxroten Stollenschuhe kann sich Michael Oenning erinnern, wenn es um Ilkay Gündogan geht. Und daran, dass er in den ersten Wochen als Trainer der U19 des VfL Bochum nur per Blickkontakt mit ihm kommunizierte, weil Gündogan so introvertiert war. Aber besonders daran, was er dachte, als er diesen stillen Jungen aus Gelsenkirchen zum ersten Mal Fußballtennis spielen sah: Der wird einmal ein Weltstar. „Ilkay hatte alles, um es nach ganz oben zu schaffen“, sagt Oenning, ehemaliger Bundesligatrainer in Nürnberg und Hamburg. Alles, außer Glück. Bisher.

Das ist acht Jahre her. Am Donnerstag sitzt Gündogan in einem Autohaus im wenig erbaulichen Hamburger Osten. Er ist jetzt zurück in der deutschen Nationalelf – 328 Tage nach seinem bislang letzten Spiel im November 2015 ist er für die beiden WM-Qualifikationspartien gegen Tschechien am Sonnabend und gegen Nordirland am Dienstag (jeweils 20.45 Uhr, RTL) nominiert. Aber jetzt soll der 25-Jährige erst einmal erzählen, wie man damit umgeht, wenn man auf der Überholspur Richtung Weltstar mehrfach ausgebremst wird. Wie man es erträgt, wenn man hätte dabei sein sollen, als die Kollegen in Brasilien Weltmeister wurden. Wie man auch den nächsten Rückschlag aushält und die EM in Frankreich verpasst. Ja, wie man bei allem Verletzungspech noch bei Trost bleibt. „Ich habe versucht, nie den Glauben an mich zu verlieren“, sagt er.

Ilkay Gündogan hat insgesamt erst 16 Länderspiele für Deutschland absolviert, was lächerlich wenig ist für einen Spieler, der an guten Tagen neben Toni Kroos und Mesut Özil zu den drei besten Ballartisten des Landes zählt. Nur acht Länderspiele machte der Deutsch-Türke in den letzten drei Jahren. Eine Stauchung der Wirbelsäule kostete ihn 2014 die WM, eine ausgerenkte Kniescheibe die EM 2016. Nie ist Gündogan bei einem Turnier aufgelaufen. Bei der EM 2012 war er dabei, aber nicht auf dem Rasen. Gündogan ist der älteste 25-Jährige seiner Zunft und ähnelt damit dem, den er nun ersetzen soll: Bastian Schweinsteiger, der älteste 32-Jährige des Fußballs, dessen Körper oft ebenso widerborstig war.

Schweinsteiger ist aus der deutschen Nationalelf zurückgetreten und hat eine Lücke im Mittelfeld hinterlassen, die Gündogan schließen soll. „Ich würde mich extrem freuen, wenn meine Karriere ähnlich verlaufen würde wie die von Bastian Schweinsteiger“, sagte Gündogan und nannte es eine „große Ehre“. Er weiß, dass sich das gehört. Aber er weiß auch, dass das nur auf der Oberfläche ein treffender Vergleich ist. Sein Spiel ist viel offensiver als das von Schweinsteiger. Er kann die oft zu ballverliebte Mannschaft von Joachim Löw mit seiner Direktheit zum Tor bereichern. „Dass Ilkay zurück ist, bedeutet für uns eine Qualitätssteigerung“, sagt der Bundestrainer. „Er ist ein Spieler, der uns mit seiner Übersicht, seiner Spielintelligenz und Kreativität noch mal belebende Elemente bringen kann“, so Löw. Wer weiß, ob Schweinsteigers Karriere in der Nationalelf so lange gehalten hätte, wäre Gündogan fit geblieben.

Gündogan und Schweinsteiger leben mittlerweile in derselben Stadt – aber unter anderen Voraussetzungen: Während Schweinsteiger bei Manchester United nicht mehr fürs Profiteam zum Einsatz kommt, wollte Pep Guardiola Gündogan trotz Knieverletzung im Sommer unbedingt haben. Manchester City überwies 27 Millionen Euro an den BVB. Fünf Spiele hat Gündogan dort nach seiner Genesung bisher absolviert und wurde besonders nach seiner ersten Partie in der Premier League gegen Bournemouth (4:0) Mitte September gelobt: „Wenn Pep einen Weg findet, Kevin de Bruyne, David Silva und Ilkay Gündogan gemeinsam spielen zu lassen, wird es fast unmöglich sein, City zu schlagen“, schrieb der „Guardian“.

Vier Kilogramm hat er in Manchester abgenommen

Oft spricht Gündogan am Donnerstag davon, dass er den Moment genießen wolle. Wer stets vor dem Erreichen des großen Ziels gescheitert ist, der setzt sich lieber kleine. Und das sei nicht die WM 2018, sondern nur gesund zu bleiben. Vier Kilogramm habe er abgenommen. Und nun kommt ihm eine Eigenschaft zugute, die schon Michael Oenning aufgefallen war. Oenning hat Gündogan auch in Nürnberg trainiert. Auch damals war er oft verletzt. „Aber das Erstaunliche an Ilkay ist, dass er jedes Mal nach einer Verletzung zurückkam, sechs Wochen trainierte, und sofort wieder besser war als jeder andere im Kader. So einen Spieler habe ich noch nie gesehen“, sagt Oenning.

Er habe sich bei all seinen Verletzungen gefragt, ob er wieder das Niveau erreichen könne, das er vorher hatte, sagt Gündogan. Gelingt es ihm erneut, ist Löws Team um einen Klassespieler bereichert. Dann bräuchte Ilkay Gündogan nicht mehr viel zur Weltklasse – nur noch etwas Glück.