Hertha empfängt HSV

Herthas Achtung vor dem Lieblingsgegner HSV

Hertha auf Rekordkurs, Gegner HSV in der Krise: Fast alles spricht vor dem Duell für die Berliner – wären da nicht böse Erinnerungen.

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Berlin.  Über Statistiken heißt es gern, sie seien große Lügen, die aus kleinen Wahrheiten bestehen. Klingt ja auch griffig, doch die Datenanalysten der Fußball-Bundesliga dürften zumindest dem ersten Teil dieser These entschieden widersprechen. Mit den kleinen Wahrheiten werden sie hingegen gut leben können, schließlich haben sie für das am Sonnabend (15.30 Uhr) stattfindende Duell zwischen Hertha und dem Hamburger SV nicht mit Erkenntnissen gegeizt. Glaubt man den nackten Zahlen, kann sich der HSV die Reise in die Hauptstadt fast sparen.

Gegen keinen anderen Erstligisten hat Hertha häufiger Spiele gewonnen als gegen die Hanseaten (27), gegen keinen Klub mehr Heimsiege gefeiert (21.). Von den jüngsten 15 Duellen im Olympiastadion gewannen die Berliner elf. Nur zweimal entführten die Gäste drei Punkte. Hallo lieber HSV, herzlich willkommen Lieblingsgegner.

Hervorragende Bilanz gegen den HSV

Nun weisen Kritiker die zahlenliebenden Siege- und Zweikampfzähler gern darauf hin, dass beim Fußball am Ende nur eine Statistik zähle: die Tore am jeweiligen Spieltag. Damit haben sie einerseits recht, doch auch diese Kennzahl hält natürlich kleine Wahrheiten parat.

Laut Langzeitbeobachtung haben die Berliner zu Hause gegen keinen Gegner häufiger getroffen als gegen Hamburg (65 Mal). Und: Laut Kurzzeitbetrachtung sind sie aktuell das treffsicherste Team der Liga – fast jeder vierte Versuch ist in der noch jungen Saison im Netz gelandet. „Wir sind im Training viel vor dem Tor und wollen keine Schüsse, die nur statistisch gut aussehen“, betont Hertha-Coach Pal Dardai. 120 abgefeuerte Versuche brächten schließlich wenig, wenn sie aus 40 Metern am Ziel vorbeifliegen.

Seinen effizientesten Torjäger plant Dardai übrigens fest ein. Dass Kapitän Vedad Ibisevic (drei Saisontreffer) seit dem errechneten Geburtstermin am Mittwoch auf die Ankunft seines zweiten Kindes wartet, scheint den Ungarn jedenfalls nicht zu beunruhigen. „Er wird schon spielen“, sagt Dardai mit zuversichtlichem Lächeln.

Nach Pekarik fällt wohl auch Verteidiger Plattenhardt aus

Herthas große Stärke ist zugleich Hamburgs größte Schwäche. Die desolate Offensivbilanz des HSV: 42 Chancen, zwei Tore. Zumindest am zweiten Wert soll sich aus Berliner Sicht nichts ändern, allerdings wird Dardai seine Abwehr wohl gleich an zwei Stellen umbauen müssen.

Der Ausfall von Rechtsverteidiger Peter Pekarik (Muskelfaserriss) steht seit Wochenbeginn fest, für ihn rückt Mitchell Weiser in die Viererkette. Nun aber muss der Trainer wohl auch auf der linken Seite Ersatz finden. Marvin Plattenhardt hat seit Mittwoch mit einem Magen-Darm-Infekt zu kämpfen. Für ihn könnte der erst 19 Jahre alte Maximilian Mittelstädt aufrücken.

Als weitere Alternative nannte Dardai Niklas Stark. Dessen Platz in der Innenverteidigung würde dann John Brooks übernehmen, der seine Adduktorenverletzung auskuriert hat. Mehr als ein guter Ersatz. Mit gut 81 Prozent gewonnener Duelle ist Brooks ligaweit der beste Zweikämpfer. Noch so eine kleine Wahrheit.

Jeder dritte neue Trainer startet mit einem Sieg

Dennoch: Statistiken haftet der Makel an, ständig von der Realität überholt zu werden. Ausgerechnet gegen den HSV hat Hertha dieses Phänomen vor einem halben Jahr zu spüren bekommen. Nach Siegen gegen Köln und Frankfurt waren die Berliner ein wenig zu sorglos gen Norden gereist, verloren nach blutleerem Auftritt 0:2.

Ibisevic fand deutliche Worte: „Wir haben das Spiel viel zu einfach verloren. Das hat auch etwas mit Einstellung zu tun“, zürnte der Bosnier damals. Heute wird er dieses mahnende Beispiel gern in Erinnerung rufen. Vorsicht, Freunde, wir dürfen keinen Gegner unterschätzen.

Nicht unterschätzen ist das eine. Richtig einschätzen das andere. Das wiederum gestaltet sich schwierig, schließlich wirkt mit Bruno Labbadias Nachfolger Markus Gisdol seit dieser Woche ein neuer Trainer in Hamburg. Kleine Beruhigung für die Hertha-Fans: Statistisch gesehen ist ein neuer Coach keineswegs ein Erfolgsgarant.

Der HSV ist anfällig für die torgefährlichen Berliner Joker

Auf die 50 Trainerwechsel in den vergangenen fünf Spielzeiten folgte in 16 Fällen eine Niederlage und je 17 Mal ein Unentschieden oder Sieg. Auch diese kleine Wahrheit werden sie in Hamburg wohl zu ignorieren versuchen.

An einer anderen wird Gisdol aber nicht vorbeikommen. Bislang fielen alle zehn Gegentore seines neuen Teams nach der 66. Minute, immer war ein gegnerischer Joker daran beteiligt. Für Hertha dürfte sich das wie eine Einladung lesen, denn in den sechs Pflichtspielen dieser Saison blieb den Berliner Einwechselspielern nur beim FC Bayern (0:3) ein Treffer verwehrt.

So bleibt nur eine einzige Statistik, die bei Hertha für leichtes Stirnrunzeln sorgt. Trotz der hervorragenden Ausgangslage haben sich nur 50.000 Zuschauer angekündigt. Ungelogen.