Davis Cup

Deutsches Team kommt mit dem Schrecken davon

Durch ein 3:2 gegen Polen entgehen die deutschen Tennisprofis dem Abstieg aus der Weltgruppe. Die Entscheidung fällt im letzten Spiel.

Jan-Lennard Struff, Daniel Brands, Daniel Masur, Florian Mayer und Teamkapitän Michael Kohlmann (v.l.) feiern den Sieg über Polen

Jan-Lennard Struff, Daniel Brands, Daniel Masur, Florian Mayer und Teamkapitän Michael Kohlmann (v.l.) feiern den Sieg über Polen

Foto: Adam Pretty / Bongarts/Getty Images

Berlin.  Vergangenen Dienstag, am Münchner Flughafen, war die deutsche Tenniswelt noch sehr in Ordnung. Da verabschiedete sich die neue Nummer eins der Damen mit ein bisschen Pomp in den wohlverdienten Kurzurlaub. Angelique Kerber lächelte in jede Kamera, und sie sprach glücklich in jedes bereitgehaltene Mikrofon über die vollendete Mission des Gipfelaufstiegs. Angie, die Beste unter den Besten, verschwand also, charmant, gewinnend, einnehmend für sich und ihren Sport überhaupt – und im Idealfall hätten nun die deutschen Tennisherren, wiewohl auf kleiner, bescheidener Bühne, den Staffelstab übernehmen können.

Doch was dann passierte am Berliner Hundekehlesee im Steffi-Graf-Stadion, war alles andere als eine weitere Werbeveranstaltung für Tennis-Deutschland: Mit Ach und Krach siegte das schwarz-rot-goldene B-Team gegen international drittklassige Polen nach 2:0-Führung und 2:2-Zwischenstand mit 3:2 und vermied so eben den Gang in die Zweitklassigkeit.

Nach Florian Mayers 2:6, 6:4, 2:6, 3:6 gegen Kamil Majrchzak holte Jan-Lennard Struff beim 7:6 (7:4), 6:4, 6:1 gegen Hubert Hukarcz den entscheidenden Punkt. Mayer (32) erklärte nach dem verlorenen Match seinen Rücktritt von weiteren Davis-Cup-Aktivitäten. „Die Erleichterung ist schon groß jetzt“, sagte Bundestrainer Michael Kohlmann, „am Ende zählt nur der Sieg.“

Erneut fühlen sich die Stars missverstanden

Der dürftige Centre-Court-Auftritt folgte einer Katastrophen-Show, mit der die Deutschen vor dem wichtigen Match verhaltensauffällig geworden waren. Es entspann sich um dieses Nachbarschaftsduell gegen Polen der alte, vertraute Zoff und Zank, neue Kapitel im Krachstadl wurden aufgeführt, im Zweifelsfall fühlten sich wieder einmal alle missverstanden und suhlten sich gern in Opferrollen.

„Es war auch mal schöner beim Davis Cup“, sagte wehmütig der ehemalige Davis-Cup- und Fed-Cup-Chef Klaus Hofsäss. Schnell schwärmte er „über die tollen Mädels“, natürlich vor allem über „Angie: Ein Hammer, oder? Und die wird vorne bleiben, noch lange.“

Was man von „Flo“, „Struffi“, „Brandy“ und „Wally“ nicht behaupten kann. Das sind die Spitznamen der vier deutschen Davis-Cup-Spieler Mayer, Struff, Daniel Brands und Daniel Masur, die sich fast als Protagonisten des ersten Abstiegs aus der Weltliga seit 2003 verewigt hätten. Eine Woche nach Kerbers Höhenflug im Big Apple hätte der sportliche Temperatursturz nicht schroffer ausfallen können, ein deutsches Team ohne die Besten, ohne Alexander Zverev und Philipp Kohlschreiber, ein schräges Kulissentheater – und trotz Weltgruppenverbleib keine Aussicht auf wirklich bessere Tage.

Rätselraten um Alexander Zverev

Das größte Problem bereitet den Topfunktionären des Verbandes und Teamchef Michael Kohlmann ausgerechnet der, auf den sie die größten Hoffnungen gesetzt hatten. Doch wie die Geschichte von Alexander Zverev und dem Davis-Cup-Team weitergeht, ist eine knifflige Frage. Zverev hat in den letzten Monaten reichlich Konfliktpotenzial geschaffen, ob mit einem zweifelhaften Auftritt am Hamburger Rothenbaum, ob mit Olympia-Absage und nun Davis-Cup-Fernbleiben.

Viele entschuldigen Zverevs Verhalten mit einem Verweis auf seinen, vorsichtig gesagt, umstrittenen Manager Patricio Apey, einen Mann, den die kleine deutsche Spielfläche genau so wenig interessiert wie Wettbewerbe, bei denen es keine Ranglistenpunkte und Geld zu verdienen gibt. Tatsache allerdings ist: Zverev, nicht Apey, muss den Kopf für das alles hinhalten.

In der Affäre um das Relegationsspiel gegen Polen, um angeblich gute und schlechte Gründe für die Matchabsage und um ein Grüppchen von Davis-Cup-Verweigerern, kommt der Name Zverev nun allerdings gleich zweimal vor. Alexander, das personifizierte Zukunftsversprechen, wurde wegen seines Fehlens nicht sanktioniert.

Weit entfernt von gemeinschaftlicher Stärke

Doch im gleichen Moment des Freispruchs von Alexander Zverev wird sein älterer Bruder Mischa abgeurteilt, weil er für das Relegationsspiel absagte. Er darf genau wie Dustin Brown und Tobias Kamke im Jahr 2017 nicht für Deutschland spielen. Wer die verschworenen Familienbande im Hause Zverev kennt, kann sich ausmalen, wie groß die Bereitschaft des Jüngeren sein wird, sich demnächst in die Davis-Cup-Schlachten für Deutschland zu werfen.

Dabei hatten die Deutschen, schon länger im Relegationsgeschäft zwischen Erster und Zweiter Liga unterwegs, eigentlich Glück: Vergangenes und dieses Jahr spielten sie im Play-off gegen leichtkalibrige Gegnerschaft, 2015 in der Dominikanischen Republik, nun gegen ein polnisches Team, dessen Bester in der Weltrangliste auf Platz 277 steht.

Von der Kraft, aber auch gemeinschaftlichen Stärke anderer Nationen in der Champions League ihres Teamsports sind sie weit entfernt. Es fehlt die sportliche Perspektive, auch weil in der Altersklasse zwischen 20 und 30 eine „große personelle Lücke klafft“ (DTB-Vize Hordorff). Ein Berliner Tennisfans sagte: „Es wäre schön, wenn der Fed Cup mal zu uns käme.“ Und mit ihm auch Angelique Kerber. Das wäre dann real existierender Glanz im Steffi-Graf-Stadion.