Paralympics

Die Begeisterung der Olympiasiegerin für eine Favela in Rio

Birgit Kober besucht ein Armenviertel im brasilianischen Bundesstaat und plant nun ein eigenes Hilfsprojekt.

Birgit Kober ist zweimalige Paralympicssiegerin im Kugelstoßen

Birgit Kober ist zweimalige Paralympicssiegerin im Kugelstoßen

Foto: Frank May / picture alliance / Frank May

Rio de Janeiro.  Als Birgit Kober sichtlich angestrengt versucht, einen steilen Berg hochzukommen, eilt ihr ein junges Mädchen sofort zu Hilfe. Lächelnd stützt sich die behinderte Frau auf ihrer Schulter ab, und so laufen der Gast und die elfjährige Keyla aus der Favela den Berg hinauf. Eine Woche vor ihrem Wettkampf besucht Birgit Kober, die zweimalige Paralympicssiegerin im Kugelstoßen, das Armenviertel Campinho im Bundesstaat Rio de Janeiro.

Der Teenager strahlt vor Freude, und die Hilfe kommt ganz selbstverständlich. Von Gedanken an eine Gegenleistung oder Neid auf die teure Ausstattung des Besuchs ist nichts zu spüren. Als sie eine Autogrammkarte der Sportlerin erhält, hüpft Keyla umher und schaut immer wieder von der Karte auf zu Birgit Kober. Am Sonnabend will sie sich den Wettkampf ihrer neuen Freundin anschauen. Aber zuerst muss sie herausfinden, was Kugelstoßen ist.

Keyla ist ein außergewöhnliches, aufgewecktes Kind. Die Favela bietet schlechte Voraussetzungen für die Bildung, aber Keyla ist neugierig und geht mit offenen Augen durchs Leben. Sie guckt mit ihrer älteren Schwester Tharciane Fernsehen bei ihrer Tante, als sie die Gruppe Fremder vor dem Haus erblickt. Sofort rennt Keyla auf die Straße und stößt dazu. Unaufdringlich, aber doch hartnäckig.

Fröhliche Kinder verdecken nicht die bedrückende Armut

Die Begeisterungsfähigkeit der beiden Mädchen erfreut auch Kober, die sich diesen Besuch trotz einiger Trainingsprobleme nicht nehmen lassen wollte und ihn eigenständig mit dem Aktionsbündnis „Rio bewegt. Uns“ organisierte. Doch die sehr gläubige 45-Jährige, deren Ataxie, eine schwere Störung in ihrer Bewegungskoordination, durch einen Behandlungsfehler hervorgerufen wurde und die zudem schwerhörig ist, ist auch bedrückt von der Armut.

„Auf der einen Seite macht es mir große Freude, diese fröhlichen Kinder zu sehen. Wir können nur begrenzt in die Lebenswirklichkeit schauen. Aber ich sehe nur fröhliche Gesichter“, sagt sie. „Auf der anderen Seite tut es mir leid, in welchen Umständen sie wohnen und zu wissen, dass wir daran nicht viel ändern können. Doch ich will in meinem Umfeld das tun, was ich tun kann. Vielleicht kann ich ja eine Welle lostreten.“

Selfies im Stehen – auch wenn es schwerfällt

Der Tag in Campinho hat ihren Blick auf die Welt noch einmal verändert. „Ich wohne auch in einem Stadtteil, der als Brennpunkt bezeichnet wird“, erklärt sie, „aber wenn ich nach Hause komme, weiß ich, dass wir uns mit unseren Mini-Problemchen von diesen lebensfrohen Menschen etwas abschauen können.“

Dass sie den Bewohnern von Campinho eine Freude gemacht hat, bewegt sie sichtlich. Als Star behandelt zu werden, ist ihr fast unangenehm. Dennoch posiert sie für Selfies, auch wenn das Stehen schwer fällt. Sie umarmt die Kinder in der Kita und albert mit ihnen herum.

Für die Jungs, die jeden Tag im Käfig kicken, hat sie einen Fußball mitgebracht. Birgit Kober hat im Leben nicht immer Glück gehabt. Umso beeindruckender ist es, dass sie andere dabei nicht vergisst. Auf dem Nachhauseweg macht sie sich schon Gedanken über ein eigenständiges Hilfsprojekt.