Paralympics

Vanessa Row ist in brasilianische Herzen gesprungen

Fan-Liebling Vanessa Low krönt bei Paralympics mit Weltrekord-Show einen goldenen Tag für die Deutschen.

Foto: Jens Büttner / dpa

Rio de Janeiro.  Dieser Sonnabend hatte mit der Goldmedaille für Triathlet Martin Schulz bereits gut begonnen. Der anschließende Titel für Kugelstoßer Daniel Scheil machte den dritten Finaltag bei den Paralympics in Rio für die Deutschen schon zum sehr guten Tag. Der abschließend gar zu einem perfekten wurde, als Vanessa Low nicht nur im Weitsprung zum ersehnten Gold sprang, sondern auch noch zwei Weltrekorde erzielte und die Herzen der Brasilianer im Sturm eroberte.

„Ich hätte nicht gedacht, dass die Leute so anspringen“, sagte die beidseitig oberschenkelamputierte Leverkusenerin sichtlich bewegt über die Zuneigung der Carioca, die sie vor jedem Sprung so euphorisch anfeuerten wie sonst nur ihre Lokalmatadoren: „Ich habe einfach nur geklatscht und gewunken – und bin weit gesprungen.“

Es war ein perfekter Tag für sie – und das Publikum. Die Probleme, die die 26-Jährige anschließend hatte, waren nachgerade vernachlässigbar: Sie hatte den Text der Nationalhymne vergessen, weiß nicht wohin, mit dem neuen Tattoo und ärgerte sich über den verpassten Fabel-Rekord. Ihren Weltrekord von 4,79 Meter hatte sie schon im zweiten Versuch auf 4,88 Meter verbessert, im dritten dann schließlich auf 4,93 Meter.

„Gold und Weltrekord – mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen“

„Gold und Weltrekord – mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen“, meinte Low. Eigentlich. „Die sieben Zentimeter hätte ich gerne noch gehabt“, sagte Low mit Blick auf die magische und bis zum Wettkampf eigentlich nicht für möglich gehaltene Fünf-Meter-Marke. Die sie eigentlich sogar geknackt hätte: „Aber leider bin ich bei meinem weitesten Sprung mit der Feder nach hinten abgerutscht.“

Es war nur ein Schönheitsfehler einer Demonstration ihrer Ausnahmestellung – wie ihr anschließender Aussetzer. Als sie wenige Minuten nach Ende des Wettkampfs auf dem Siegerpodest stand, „ist das ganze Drumherum von mir abgefallen“. Die Nationalhymne sang sie zunächst voller Inbrunst mit, „doch dann dann habe ich einfach den Text vergessen“. Statt „sind des Glückes Unterpfand“ sang Low ein zweites Mal „für das deutsche Vaterland“. Aber das „war mir dann auch egal“, sagte sie.

Klären muss sie aber noch die Frage, auf welche Stelle ihres Körpers sie sich die Unterschrift ihres Trainers Roderick Green stechen lässt. Dass sie es tun wird, ist sicher. „Ich habe das versprochen, und daran halte ich mich auch“, stellte Low klar. Schließlich war er es, der sie nach ihrem frustrierenden sechsten Platz bei den Paralympics von London 2012 in die USA mitnahm und ihr versprach, sie zu Gold zu trainieren.

Gedanken an todkranken Kollegen

Auch die beiden anderen Goldmedaillengewinner waren im Moment ihres größten Triumphs in Gedanken bei jemand Anderem. Martin Schulz war gerade überhaupt erster Paralympics-Sieger im Triathlon geworden, als er an seinen todkranken Kollegen Markus Häusling dachte. „Markus, das ist auch für dich. Er wäre auch gerne hier gewesen. Die Gedanken waren bei ihm“, sagte Schulz sichtlich berührt. Bei Triathlet Häusling war im Dezember die unheilbare Knochenkrankheit ALS diagnostiziert worden.

Als er nach seinem Gold-Coup (11,03 Meter) auf dem obersten Podest stand, musste auch Daniel Scheil kräftig schlucken. „Mir ist alles noch mal durch den Kopf gegangen“, sagt der 43-Jährige: „Vor allem habe ich an meine Mutter gedacht, die vor kurzem gestorben ist. Diese Gold-Medaille ist auch für sie.“

Dabei dachte der Sachse, der für Weiden in der Oberpfalz startet, auch an sein eigenes Schicksal: 2008 war er zusammengebrochen. Scheil wurde achtmal reanimiert, lag zwei Monate im Koma. Dadurch, dass das Gehirn mit zu wenig Sauerstoff versorgt wurde, gab es viele Folge-Erkrankungen. Darunter die Muskelerkrankung Myopathie, wegen der Scheil seit 2010 im Rollstuhl sitzt. „Ich bin von Hundert auf Null gerauscht und in Depressionen verfallen“, erklärt er. Heute fühlt er sich „wieder auf Hundert“.

Und zwar ganz besonders nach diesem Gold-Sonnabend, und ganz besonders mit dieser Gold-Stimmung in Rio. Die ist beim deutschen Team nicht nur wegen der Erfolge, die Luftgewehrschützin Natascha Hiltrop (Lengers) sowie Martina Willing (Cottbus) im Speerwurf mit Silber komplettierten, blendend. Sondern auch wegen der Umstände. „Die Unkenrufe im Vorfeld haben sich nicht bewahrheitet“, sagt Karl Quade, Chef de Mission. „Die Wettkampfanlagen: top. Die Unterbringung: in Ordnung. Das Essen: top. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen: übertop!“, ergänzt Beucher: „Ich sehe um mich herum nur zufriedene Sportler.“ Der neue Publikumsliebling Vanessa Low wird das nur bestätigen können.