Tennis

Angelique Kerber: „Alle meine Träume werden wahr“

Angelique Kerber krönt ihren Aufstieg zur Nummer eins der Welt mit dem Triumph bei den US Open.

Angelique Kerber posiert mit dem Siegerpokal vor der Weltkugel in Flushing Meadows

Angelique Kerber posiert mit dem Siegerpokal vor der Weltkugel in Flushing Meadows

Foto: Susan Mullane / USA Today Sports

New York.  Vier Stunden nach ihrem überwältigenden US-Open-Triumph gönnte sich Angelique Kerber endlich ein halbes Glas Champagner. Als sie den obligatorischen Interview-Marathon absolviert hatte, kam die neue Nummer eins im Frauen-Tennis zu Trainer und Mutter in den längst leeren Spielergarten.

„Angie, Angie“, intonierte Coach Torben Beltz, fiel der ersten deutschen US-Open-Siegerin seit Steffi Graf vor 19 Jahren um den Hals und drückte ihr das halbe Glas Schampus in die Hand. „Ich wollte immer Grand Slams holen, jetzt habe ich zwei in einem Jahr geholt. Das ist auch eine Erleichterung: Ich weiß, ich gehöre da jetzt wirklich hin“, sagte Kerber.

Nach einem 1:3-Rückstand im dritten Satz hatte die 28-Jährige das Endspiel gedreht und die Tschechin Karolina Pliskova nach mehr als zwei Stunden 6:3, 4:6, 6:4 bezwungen – mit einer mentalen und kämpferischen Stärke, die derzeit einzigartig auf der WTA-Tour ist. „Es ist das beste Gefühl überhaupt zu sehen, dass sich harte Arbeit auszahlt“, sagte Kerber.

Glückwunsch von Steffi Graf

Nachdem sie sich schon zwei Tage vorher zur ersten deutschen Nummer eins seit Graf 1997 gekrönt hatte, ließen die Glückwünsche aus Las Vegas nicht lange auf sich warten. „Klasse gekämpft und Nervenstärke bewiesen!“, meldete sich Graf aus ihrer Wahlheimat. „Ich freue mich wirklich für sie. Angie hat sich diese Stärken schwer erkämpft“, betont die Vorgängerin, die einst 377 Wochen an der Spitze stand und heute Beraterin ist. Von den ewigen Vergleichen mit ihr selbst hält sie allerdings nicht viel: „Angies Erfolg steht für sich.“

Sogar der Bundespräsident gratulierte noch in der Nacht: „Spiel, Satz und Sieg: Mit Ihnen freuen sich heute viele Menschen in Deutschland über Ihren großen Erfolg“, übermittelte Joachim Gauck. „Mit Ihren Spielen – sei es bei den Australian Open, in Wimbledon oder bei den Olympischen Spielen – begeistern Sie die Tennisfreunde und haben sicher auch viele neu für diesen traditionsreichen Sport gewinnen können.“

Sie spielt Tennis mit links, obwohl sie Rechtshänderin ist

Immerhin 1,14 Millionen Deutsche hatten nachts live bei Europsport mit der Rechsthänderin mitgefiebert, die nur beim Tennis die linke Hand benutzt. „Wir hoffen alle, dass wir in den kommenden Wochen und Monaten einen neuen Tennisboom erleben können“, meinte Ulrich Klaus, Präsident beim Deutschen Tennis-Bund.

Kerber wirkte erleichtert, als sie sich gegen halb elf am Abend Ortszeit endlich bei ihrem Team ein klein wenig entspannen und zur Ruhe kommen konnte. Rotwein stand herum, in Alufolie eingepackte belegte Brote lagen auf dem Tisch. Aber Kerber hatte keine Zeit, weil noch ein Sponsorentermin anstand und sie „unbedingt etwas Richtiges essen wollte“, bevor sie bei einem Bar-Besuch in Downtown Manhattan ihren Triumph angemessen feiern wollte.

Ihr wundersames Jahr 2016 mit dem Australian-Open-Sieg, dem Endspiel in Wimbledon und der Silbermedaille in Rio krönte Kerber mit ihrem ersten Titel beim weltweit größtenTurnier in New York, der ihr zudem 3,5 Millionen Dollar Prämie einbringt. Hier, wo mit dem Halbfinal-Einzug 2011 ihre Wandlung zur körperlich fittesten und mental abgezocktesten Spielerin auf der Tour begann, ließ sie nun alle Zweifler verstummen.

Eine richtig Große werde nie aus ihr, sagten die einen. Einen zweiten Grand Slam schaffe sie nicht, sagten andere. Auch als sie eine Woche nach Rio in Cincinnati im Endspiel gegen Pliskova die erste Chance auf die Übernahme der Weltranglistenspitze verspielte, wurde wieder gemäkelt.

Und jetzt diese Dramaturgie: Weil Serena Williams ihr Halbfinale verliert, steht Kerber schon als neue Nummer eins fest. Wäre sie früher vielleicht verkrampft und dem Druck nicht gewachsen gewesen, schlägt sie heute die frühere Weltranglisten-Erste Caroline Wozniacki souverän in zwei Sätzen.

Sie wettet mit dem Trainer, er muss nun Schnauzer tragen

Als neue Nummer eins geht sie in das Finale gegen die zuletzt überragend aufspielende Pliskova - und will auf keinen Fall verlieren. „Der Sieg war wichtig für mich, aber ich habe mich überhaupt nicht stressen lassen“, sagte Kerber. Die Haare fielen ihr offen über die Schulter, die Halskette von Tiffany’s glitzerte im Scheinwerferlicht, als Kerber in der Pressekonferenz immer wieder lächelnd die vor ihr postierte silberne Henkeltrophäe betrachtete.

„Die Nummer eins konnte mir niemand mehr nehmen. Aber für mich war es wichtig, nach dem Finale in Wimbledon jetzt die Partie für mich zu entscheiden. Daher habe ich am Ende alle meine Kräfte rausgeholt“, erzählte Kerber. Noch auf dem Platz wurde sie von Emotionen überwältigt, schlug ungläubig die Hände vors Gesicht und wischte sich die Tränen aus den Augen. „All meine Träume sind in diesem Jahr wahr geworden“, sagte sie.

Nur für Trainer Beltz wohnt dem Traum ein kleiner Albtraum inne: Als Einsatz für die regelmäßig neu vereinbarten Wetten muss der 39-Jährige sich jetzt bis zur WTA-WM in Singapur Ende Oktober einen Schnauzbart stehen lassen. „Er hat das vorgeschlagen - und ich hab eingeschlagen“, lachte Kerber, die sich nun erst einmal zwei Wochen Pause gönnen will, ehe sie in Wuhan(China) wieder antritt.