Beachvolleyball

Raus aus dem Bikini, rein ins Leben

Katrin Holtwick und Ilka Semmler prägten eine Ära im Beachvolleyball. Nun nehmen die Berlinerinnen Abschied mit viel Applaus,.

Ilka Semmler (r.) bei der Annahme, dahinter Katrin Holtwick

Ilka Semmler (r.) bei der Annahme, dahinter Katrin Holtwick

Foto: dpa Picture-Alliance / nph / Kurth / picture alliance / nordphoto

TIMMENDORFER STRAND.  In der aktuellen Weltrangliste belegen die deutschen Beachvolleyballerinnen momentan die Plätze eins bis vier. Nur die Länderquote des Weltverbandes FIVB konnte verhindern, dass neben den umjubelten Goldgewinnerinnen Laura Ludwig/Kira Walkenhorst und den Achtelfinalistinnen Karla Borger/Britta Büthe bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro noch weitere Damenduos die deutschen Farben vertraten.

Ilka Semmler und Katrin Holtwick aus Berlin mussten das Spektakel an der Copacabana genau wie Chantal Laboureur/Julia Sude (Stuttgart/Friedrichshafen) daheim vor dem Fernseher verfolgen.

Holtwick (32) und Semmler (31) werden diese Zuschauerrolle auch zukünftig einnehmen. Mit einer dramatischen Niederlage gegen Melanie Gernert und Tatjana Zautys (21:16, 18:21,18:20) beendeten die Berlinerinnen am Freitagabend die Deutsche Meisterschaft auf Platz sieben.

„Ich habe Pippi in den Augen“

Minutenlang applaudierten die 4000 Zuschauer vor der Timmendorfer Seebrücke, so als wollten sie die Protagonistinnen zu einer Zugabe animieren. Die wird es aber nicht geben: Ende des Jahres beenden die Deutschen Meisterinnen von 2009 und 2012 ihre sportliche Karriere.

„Ich habe Pippi in den Augen“, sagte Sebastian Fuchs von den BR Volleys, der wegen Schulterverletzung nicht mitspielen konnte. Wie ihm erging es auch anderen Zuschauern, Fans, Trainern und Spielern, die sich entweder verschämt die eine oder andere Träne aus den Augenwinkeln wischten oder den Gefühlen einfach freien Lauf ließen. Mit dem Karriereende von Holtwick/Semmler geht eine Ära zu Ende im deutschen Beachvolleyball.

Holtwick hat 18 Jahre Beachvolleyball hinter sich, Semmler deren 16. Im Jahr 2006 taten sie sich zusammen, 2009 wurden sie Nationalspielerinnen, diesen Status behielten sie bis zum heutigen Tag.

Sie vermarkten sich besser als Olympiasiegerin Laura Ludwig

Nebenbei schöpften sie wie kein anderes Team das Vermarktungspotenzial aus, das im immer hipperen Strandsport steckt: Sie posierten in Unterwäsche für Hochglanzmagazine, bekämpften TV-Entertainer Stefan Raab im Turmspringen und zeigten ihre hübschen Gesichter in vielen Talkshows.

Dadurch erarbeiteten sie sich zusammen mit den Preisgeldern einen sechsstelligen Jahresetat, dessen Höhe Manager Marc Stöckl nicht näher beziffern wollte. „Wenn ich die Summe sage, fällt Laura Ludwig tot um“, sagte er. Expertenschätzungen liegen bei einer halben Million pro Jahr.

Das klingt fast ein bisschen bitter. Sportlich mussten sich Holtwick/Semmler immer wieder hinter der erfolgreichen Ludwig einordnen. Das letzte Quäntchen, der ganz große Erfolg blieb ihnen in ihrer sportlichen Karriere verwehrt. „Klar, wir haben keine Olympia-Medaille, und ich hätte auch gern eine WM-Medaille gehabt“, sagt Semmler.

Über ein Jahrzehnt den Stempel aufgedrückt

Der Sieg beim Grand Slam in Den Haag 2014, EM-Silber 2010 und der vierte WM-Platz 2015 sind die größten Erfolge, mehr aber noch ist die Konstanz hervorzuheben, mit der Holtwick/Semmler dem internationalen Beachvolleyball über ein Jahrzehnt ihren Stempel aufgedrückt haben.

Diese Rolle obliegt fortan Ludwig/Walkenhorst, die auch bei den Deutschen Meisterschaften wieder ihre Dominanz unter Beweis stellten. Dahinter kommt Bewegung ins Spiel, weil auch Britta Büthe als Olympia-Neunte und Vize-Weltmeisterin von 2013 ihre Karriere beendete. Damit fallen zwei von vier Teams weg, die in den vergangenen Jahren den Ton auf der World Tour angegeben haben.

„Wenn man jetzt seinen Emotionen freien Lauf lässt, ist das schon schade, und man denkt, vielleicht wäre es doch noch schön weiterzuspielen, aber es gab ja auch viele schlechte Emotionen im Laufe der Jahre“, sagt Holtwick.

Die verpasste Olympia-Teilnahme gehört dazu, die Bandscheibenverletzungen, mit denen beide zu kämpfen hatten. „Ich schaffe es einfach nicht mehr, mich für das Training so zu motivieren, wie ich müsste“, sagt Holtwick. „Ich bin nicht die mega Athletin und auch nicht das mega Talent, da spürt man schon die anderen Teams im Nacken.“

Durch 200 Reisetage im Jahr leidet das soziale Umfeld

Die berufliche Ausbildung, soziale Kontakte, vieles musste für den Leistungssport zurückstehen. „Das sehen viele von außen nicht, die denken nur, wie toll das ist, dass wir dauernd auf Reisen sind“, sagte Holtwick.

Über 200 Tage im Jahr jetteten sie um den Globus. „Ich habe in meinem Freundeskreis in den vergangenen Jahren keine einzige Hochzeit miterlebt, und es gab einige“, sagte Semmler. Holtwick will sich endlich einen Hund zulegen, und hat für den März einen Skiurlaub geplant,

Semmler beschäftigt sich mit der Familienplanung. „Das ist natürlich auch ein Grund, warum man mit 31, 32 Jahren überlegt, aufzuhören“, sagt sie. Beide wollen nun ihr Studium der Rehabilationspädagogik beenden.

„Eigentlich ist unser Traum aber, in Berlin ein Café zu eröffnen“, sagte Holtwick noch. Das nötige geschäftliche Geschick dafür bringen sie auf jeden Fall mit.