Bundesliga

Moritz Hartmann – vom Spätzünder zum Mister Ingolstadt

Der Ingolstädter Moritz Hartmann beweist mit seinen 30 Jahren, dass man als Fußballprofi auch im Alter sehr wohl besser werden kann.

Moritz Hartmann verwandelte in der Bundesliga acht von acht Elfmetern für den FC Ingolstadt

Moritz Hartmann verwandelte in der Bundesliga acht von acht Elfmetern für den FC Ingolstadt

Foto: dpa Picture-Alliance / Matthias Schrader / picture alliance / AP Photo

Berlin.  Die Geschichte beginnt am Elfmeterpunkt: Als Moritz Hartmann Jugendspieler in Euskirchen und Rheinbach war, verschoss der Stürmer regelmäßig Strafstöße. Sie flogen mal links vorbei, mal rechts. Rein gingen seine Schüsse selten.

Dann kam Ingolstadt und die Zweite Liga, Hartmann war im März 2015 schon 28 und durfte es zum ersten Mal im Profifußball vom Punkt versuchen. Der Ball flog rein. Ingolstadt stieg auf – und hätte Moritz Hartmann nicht eine wundersame Elfmetersicherheit befallen, wären die Schanzer in der vergangenen Saison vielleicht direkt wieder abgestiegen.

Dies ist die Geschichte eines Spielers, der erst spät sein Glück fand – und mit ihm sein Verein. Wenn Hertha BSC an Sonnabend beim FC Ingolstadt antritt (15.30 Uhr), sollten die Berliner vermeiden, einen Strafstoß gegen sich zu bekommen. Hartmann lief in der vergangenen Saison zu acht Elfmetern an, acht Mal traf er. Mit zwölf Tore erzielte der heute ­30-Jährige mehr als ein Drittel aller Ingolstädter Treffer (33) und hatte ­maßgeblichen Anteil daran, dass der Aufsteiger sensationell Elfter wurde. Es war der Höhepunkt einer Verbindung zwischen Spieler und Klub, die vor ­sieben Jahren in der Liga drei begann.

Vor sieben Jahren aus Köln gekommen

2009 war Hartmann aus der Amateurmannschaft des 1. FC Köln zum Zweitliga-Absteiger Ingolstadt gewechselt. Damals war er 23 – ein Alter, in dem längst das Urteil über eine Karriere gefallen ist. Wer es bis dahin nicht geschafft hat, der schafft es nie mehr. Hartmann widerlegte die Theorie: Er kam, schoss in seiner ersten Saison 21 Tore, Ingolstadt stieg auf – und je ­höher es für den vom Autohersteller Audi alimentierten Klub danach ging, desto besser wurde Hartmann. „Seit der 3. Liga ist einiges bei uns passiert“, sagt er am Telefon. Neues Stadion, neue Trainingsplätze, verschiedene Trainer und immer wieder neue, bessere Spieler. Hartmann ist geblieben und war in 184 Partien an 75 Toren beteiligt: „Ich bin mit dem Klub gewachsen.“ Er ist Mr. Ingolstadt geworden.

Es passiert nicht oft, dass einer aus der Niederklassigkeit bis in die Bundesliga mit seinem Verein gedeiht, ohne von der Wucht der Entwicklung weggespült zu werden: Andreas „Lumpi“ Lambertz hat das in Düsseldorf einst geschafft. Hartmann nun in Ingolstadt. Dabei kam ihm zugute, was ihm zu Beginn seiner Karriere im Weg stand: Hartmann ist ein Halbstürmer – mal links, mal rechts, mal in der Mitte zu finden. Er sagt: „Es gibt keine richtige Schublade für mich. Ich bin irgendwie dazwischen.“

Früher seien im Sturm noch eher die „Brecher“ gefragt gewesen. Mit 1,83 Meter gehörte er nicht dazu. Heute ist das anders. Auch wenn der Ruf nach echten Strafraumstürmern in Deutschland nun wieder lauter wird, so haben in den vergangenen Jahren Typen wie Thomas Müller dominiert. Wandler zwischen den Räumen. Bei der EM beeindruckte der Franzose Antonie Griezmann – ein Halbstürmer. Dass die Zukunft für Hartmann vielleicht etwas zu spät kam, glaubt Moritz Hartmann jedoch nicht: „Weil ich erst mit 23 Profi geworden bin, bin ich noch relativ jung im Geschäft und noch nicht so verschlissen“, sagt er.

Vertrag bei den Schanzern bis 2018 verlängert

Ingolstadts Sportdirektor Thomas Linke sagt, Hartmann werde mit dem Alter immer besser. Auch das geht ja gegen den aktuellen Trend im modernen Fußball, der auf Jugendlichkeit schielt. Daher ist das, was im Sommer passierte, gar nicht so selbstverständlich: Während der ehemalige Hertha-Angreifer Sandro Wagner, der beim anderen Aufsteiger SV Darmstadt ähnlich viele Treffer erzielte wie Hartmann (14), die Gelegenheit nutzte, um sich sogleich einem bessern Klub anzuschließen (Hoffenheim), verlängerte Hartmann seinen auslaufenden Vertrag bei den Schanzern bis 2018.

Die „Mittelbayrische Zeitung“ nannte ihn danach einen „treuen Kadetten“. Hartmann findet, das passe: „Wenn man einen so langen Weg gemeinsam zurücklegt, verbindet das einen mit dem Klub“, sagt er. Er sei schließlich auch ein bisschen stolz auf diese Geschichte. Wer könne schon eine ähnliche von sich erzählen? Ingolstadt habe im letzten Jahr bewiesen, dass man auch Bundesliga schaffe – und er sich selbst ebenfalls.

Moritz Hartmann wird demnächst sein Fernstudium im Fach Sportmanagement abschließen. Irgendwann wird ja auch für ihn mal Schluss sein auf dem Rasen. Und dann würde er gern weiter im Fußball arbeiten. Es braucht nicht allzu viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass dies beim FC Ingolstadt sein könnte.