Beachvolleyball

Alle sind geblendet von den Golden Girls

Trotz des Olympiasieges von Ludwig/Walkenhorst wird im Volleyballverband über Reformen gestritten. Start der Deutschen Meisterschaften.

Laura Ludwig (l.) und ihre Partnerin Kira Walkenhorst sind nach ihrem Olympiasieg gefragt wie noch nie am Timmendorfer Strand

Laura Ludwig (l.) und ihre Partnerin Kira Walkenhorst sind nach ihrem Olympiasieg gefragt wie noch nie am Timmendorfer Strand

Foto: MirjaGeh.com

Berlin.  Muskelkater ist für einen Beachvolleyball-Profi nicht gerade ungewöhnlich. Bei Olympiasiegerin Laura Ludwig verlagerte sich das Nachspüren der körperlichen Anstrengung zuletzt aber auf einen eher untypischen Bereich. „Es gab Tage, da hatte ich in meinen Wangen Muskelkater“, erzählte die gebürtige Berlinerin.

Seit der magischen Olympianacht von Rio herrscht bei der 30-Jährigen und ihrer Partnerin Kira Walkenhorst (28) Ausnahmezustand. Ein Medientermin folgte dem nächsten, jeder wollte die „Golden Girls“ einmal bei sich auf die Couch setzen, dabei mussten Ludwig und Walkenhorst vor allem eines: lächeln.

Jetzt kehren sie zurück zu ihrer Kernkompetenz. Am Donnerstag beginnen die Deutschen Meisterschaften in Timmendorfer Strand, es gilt, den Titel zu verteidigen. „Wir haben gerade nicht die Leistungsfähigkeit, die wir in Rio hatten“, verrät Cheftrainer Jürgen Wagner (60). „Olympia war eine extreme mentale Belastung. Jetzt schauen wir mal, wie wir das im Kopf geregelt bekommen.“

Zwei Sicherheitskräfte für die Stars

Unterstützung kommt dabei von Turnierorganisator Frank Mackerodt, der eigens für Ludwig/Walkenhorst zwei Sicherheitskräfte bereitstellt. „Falls ihnen der Ansturm zu viel wird“, sagt er.

Das Medienaufkommen hat noch einmal eine andere Dimension erreicht als vor vier Jahren, nachdem Julius Brink und Jonas Reckermann überraschend das erste deutsche Olympiagold im Beachvolleyball gewannen. „Wir haben bei der Meisterschaft so viele TV-Anfragen wie noch nie“, sagt Mackerodt. Bezahlsender Sky überträgt insgesamt elf Stunden live, außerdem wird das Frauenfinale am Sonnabend im NDR (14.45 Uhr) zu sehen sein.

Schon 2013 war Sky Media in die Vermarktung der deutschen Beachvolleyball-Tour eingestiegen und hatte den Mann, der 1993 die deutsche Masters-Serie initiiert hatte, in den Sand zurückgeholt. „Der Olympiasieg der Jungs hat mir meinen jetzigen Job als Organisator der deutschen Tour gebracht“, sagt Mackerodt.

Viel von der Euphorie ist nach dem Sensationserfolg der deutschen Männer aber verpufft. „Nach dem Olympiasieg 2012 hat man sich zurückgelehnt“, kritisierte Andreas Künkler, Vize-Chef des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV). Jetzt treibt der Verband Veränderungen voran, die den Spielern am Rande des Turniers präsentiert werden sollen. „Unser Ziel ist, die bestehenden Strukturen aufzubrechen und ein deutsches Modell zu kreieren“, sagt DVV-Präsident Thomas Krohne. „Auch wenn wir zweimal in Folge Olympiasieger stellen, gibt es doch genügend Signale, dass Änderungen herbeigeführt werden müssen.“

Bei den Männerteams zeigen sich die Tücken des Systems

Dazu gehört zum Beispiel das zerpflückte Teilnehmerfeld der Männer. Außer den Olympia-Teilnehmern Markus Böckermann und Lars Flüggen startet in Timmendorfer Strand keines der Top-Teams in der ursprünglichen Konstellation. Clemens Wickler/Armin Dollinger können ihren Titel verletzungsbedingt nicht gemeinsam verteidigen, das Berliner Nationalteam Kay Matysik/Jonathan Erdmann geht lieber getrennt an den Start, und die Studentenweltmeister von 2014, Jonas Schröder und Tim Holler, sind nicht gemeinsam dabei, weil sie angeblich falsche Informationen vom Verband erhalten haben und sich deshalb nicht als Team qualifizieren konnten.

Intern werden Verband und Spieler sich am Freitag am Ostseestrand bezüglich möglicher Veränderungen zusammensetzen, genaue Inhalte wollte DVV-Präsident Thomas Krohne aber vorab nicht verraten. Stichworte, die derzeit die Runde machen, heißen „Zentralisierung an einem Stützpunkt“, „Bundestrainer“ und „Sportlicher Direktor Beach“.

Aktuell gibt es mit Berlin, Hamburg, Stuttgart und Kiel vier Olympiastützpunkte für Beachvolleyball. Hier arbeiten die Teams meist eigenständig mit ihren Trainern. Bundestrainer gibt es nur ab der U23 abwärts, die Teams im Erwachsenenbereich funktionieren als Kleinunternehmen, die sich selbst organisieren. Somit hat der Verband sowohl auf den sportlichen Bereich als auch auf die Vermarktung der Athleten wenig Einfluss.

Großer Erfolg als Kleinunternehmen

In der Schweiz, den Niederlanden oder in Polen wird das Zentralisierungskonzept bereits mit Erfolg praktiziert, in Brasilien hingegen hat man davon wieder Abstand genommen. „Jeder hat seinen Weg, wie man ein System aufbaut oder was man unter Qualität versteht“, sagt Jürgen Wagner, der vor Ludwig/Walkenhorst auch Brink/Reckermann im Modell Kleinunternehmen zu Olympiagold geführt hat.

Dieses Konzept möchte der 60-Jährige, unabhängig davon, dass er die Veränderungsmaßnahmen durchaus begrüßt, gern beibehalten, verriet er der Berliner Morgenpost. „Ich denke, dass es weitergeht“, sagte er, bezogen auf das Gold-Team um Ludwig/Walkenhorst, Trainerin Helke Classen und Sportpsychologin Anett Szigeti.

Wie das neue Projekt genau aussieht, wird das Team aber erst nach dem World-Tour-Finale in Toronto (13. bis zum 19. September) entscheiden. Nicht nur für den DVV wäre ein Fortbestand dieses Teams von unschätzbarem Wert.